Au-pair: Von der Bretagne nach Aachen

Von: Robert Baumann
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Fühlt sich in Aachen willkommen und sicher: die junge Französin Gaëlle Le Trécole aus der Bretagne. Foto: Robert Baumann

Aachen. Als Gaëlle Le Trécole mit dem Zug am Hauptbahnhof in der für sie völlig fremden Stadt ankam, hatte sie keinerlei Orientierung. Ihr einziger Ankerpunkt: ein simpler Stadtplan. Wo muss ich hin? Wo liegt die Straße? Wo geht es in die Innenstadt? Wo befindet sich diese Sehenswürdigkeit?

Doch lange musste sie nicht umherirren, Hilfe kam schnell. Ein Mann erkannte ihre suchenden und fragenden Augen und sprach sie an: „Kann ich Ihnen helfen?“. An diese Situation erinnert sich die junge Französin aus der Bretagne immer wieder gerne. „Das war ein sehr positives Erlebnis. Das ist in Teilen Frankreichs ganz anders. Die Pariser zum Beispiel helfen den Touristen nicht gerne“, sagt sie.

Der erste Eindruck zählt bekanntlich. Und so schwärmt Gaëlle Le Trécole auch Monate nach dieser Begegnung von Aachen: „Ich mag den Dom, und auch das Rathaus ist sehr schön. Auf dem Marktplatz treffe ich gerne Freunde – da ist immer etwas los.“

Und sie lobt, wie sauber Aachen im Vergleich zu den französischen Städten sei. Vor allem fühlt sich die junge Französin in Aachen sicher – im Gegensatz zu ihrer Heimatstadt Quimper (siehe Infokasten). „Wenn ich in Aachen abends alleine nach Hause gehe, ist das kein Problem. In Quimper gibt es einen Fluss, an dem sich oft Betrunkene treffen und mich auf dem Heimweg anquatschen – das ist kein gutes Gefühl“, sagt sie.

Im Juli vergangenen Jahres stand sie noch orientierungslos in Aachen. Mittlerweile kennt sie sich in der Stadt aus. Sie ist nach Deutschland gekommen, um die Sprache zu lernen. „Ich will gut Deutsch sprechen“, sagt die zielstrebige Französin. An der Volkshochschule besucht sie einen Deutschkurs. Das alles für bessere Chancen auf dem französischen Arbeitsmarkt. Denn in der Bre-tagne möchte die studierte Touristikerin einmal in einem Tourismus-Büro arbeiten. Und da in der Bretagne viele Deutsche Urlaub machen, sind Kenntnisse der deutschen Sprache von Vorteil bei der Stellensuche.

Fragt man die junge Französin nach gängigen Vorurteilen beider Länder, schmunzelt sie. „Das sind Klischees, und längst nicht alle sind so“, sagt sie. So sei nicht alles in Frankreich très chic und haute couture. Und die Deutschen sind auch nicht alle ordentlich und pünktlich. Die Busse in Aachen seien jedenfalls selten pünktlich, sagt sie und lacht. Für viele Ausländer und Touristen sei Frankreich zudem auch nur Paris. „Es gibt aber viele Städte und Regionen, die ihre ganz eigenen Besonderheiten haben“, meint Gaëlle Le Trécole. Was die politische und wirtschaftliche Rolle Frankreichs in der Europäischen Union betrifft, hat die junge Französin eine klare Meinung: „Ich denke, Frankreich ist wichtig für Europa.“

In Aachen fühlt sich die junge Französin willkommen. Das liege auch daran, dass viele Leute in der Stadt Französisch sprechen. „Aachen liegt in einer Grenzregion und viele Menschen hatten in der Schule Französisch“, sagt Gaëlle Le Trécole. Und so hält sie das eine oder andere Pläuschen mit den Aachenern in ihrer Muttersprache. Zum Beispiel bei Rot an einer Fußgängerampel. Das wäre in Frankreich eher nicht möglich. „In Frankreich gehen die meisten einfach über Rot, die Deutschen hingegen warten bis Grün ist“, hat sie beobachtet.

Die Grenznähe nutzt Gaëlle Le Trécole noch für andere Dinge, zum Beispiel zum Entspannen. Manchmal fährt sie ins belgische Lüttich und schaut sich im Kino einen Film an – auf Französich. Denn bei Filmen auf Deutsch tut sie sich noch etwas schwer. „Ich verstehe nicht viel“, gibt sie zu. Zuletzt hat sie sich dennoch den Weltraum-Thriller „Gravity“ mit George Clooney und Sandra Bullock in einem Aachener Kino angesehen. „Das ging“, sagt sie. „In dem Film wurde nicht viel geredet.“

Für insgesamt 13 Monate ist die 22-Jährige in Deutschland, lebt als Au-pair bei einer Familie in Aachen. Sie fühlt sich wohl, vermisst aber neben ihren Liebsten vor allem eines: die französische Küche. Vor allem leckeren Nachtisch. „Der schmeckt in Deutschland nicht und ist viel zu fettig“, sagt sie. Deshalb steht sie bei ihrer Gastfamilie gerne mal in der Küche und kredenzt Mousse au Chocolat.

Auch an die Tatsache, dass in vielen deutschen Familien häufig nur einmal am Tag warm gegessen wird, musste sie sich gewöhnen. „In Frankreich essen wir mittags und abends warm“, sagt sie. Außerdem sei die deutsche Küche etwas zu einseitig: „Es gibt immer Kartoffeln, Kohl und Wurst“, sagt sie und lacht. Doch an einem hat die 22-Jährige Gefallen gefunden: „Ich mag die kleinen Vollkorn-Brötchen zum Frühstück – so etwas haben wir in Frankreich nicht.“

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