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„Anonyme Insolvenzler” machen gescheiterten Geschäftsleuten Mut

Von: Jürgen Schön, ddp
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Der Gründer der Initiative „Anonyme Insolvenzler”, Attila von Unruh. Foto: ddp

<b>Köln. </B>Der finanzielle Ruin hatte sich bei Attila von Unruh schon lange abgezeichnet. Doch als Unruh dann endgültig mit 300.000 Euro Schulden Insolvenz anmelden musste, war der Schock groß.

„Die erste Niederlage in meinem Leben, sie passte nicht in mein Selbstbild”, erzählt der ehemalige Unternehmer aus dem Bergischen Land heute, vier Jahre nach seinem finanziellen Aus.

Inzwischen macht der 48-Jährige mit einer Selbsthilfegruppe anderen gescheiterten Geschäftsleuten Mut. Im Herbst 2007 fand in Köln das erste Treffen der „Anonymen Insolvenzler” statt. Bald soll auch ein gemeinnütziger Verein gegründet werden, um die Interessen der Insolvenzler in der Öffentlichkeit zu vertreten.

Vor Unruhs Insolvenz lagen erfolgreiche, abwechslungsreiche Jahre. „Ich liebte den Wechsel und die Herausforderung”, sagt der gelernte Kaufmann. So finden sich in seinem Lebenslauf neben 15 Jahren Geschäftsführung in verschiedenen Firmen auch drei Jahre als Steward bei einer Fluglinie.

Und wie bei vielen Insolvenzen lag auch im Fall von Unruh eigentlich kein eigenes Verschulden vor. Weder schlechtes Wirtschaften noch ein Leben über die eigenen Verhältnisse haben seiner Schilderung zufolge die Zahlungsunfähigkeit verursacht.

Mit zwei Freunden hatte Unruh eine erfolgreiche Eventagentur betrieben. Vor neun Jahren beschloss das Trio, die Firma zu verkaufen. Ein Käufer fand sich - doch anstelle von Geld gingen lediglich Vertröstungen ein, bis Unruh schließlich Privatinsolvenz anmelden musste.

„Die erste Zeit lebte ich wie in einem schlechten Traum, fühlte mich ohnmächtig, hilflos, als Versager”, erinnert er sich. Geschäftsfreunde meldeten sich nicht mehr. „Es ist ein befremdliches Gefühl, wenn nach Jahren plötzlich keine Geburtstagsgrüße mehr kommen oder die Sekretärin einen abwimmelt.” Aber so sei „das System”: „Kontakte mit Insolvenzlern bringen keinen Gewinn.” Er wolle nicht ausschließen, dass auch er manchmal so gehandelt habe, sagt der zweifache Vater.

„Zum Glück hat meine Frau mich unterstützt, auch wenn sie manchmal nichts mehr von meinen Sorgen hören konnte.” Auch sein privater Freundeskreis hielt zu ihm: „Schlimm war nur, dass ich mich nicht mehr für eine Einladung revanchieren konnte.”

Die Konsequenz: Er zog sich zurück, sprach nicht über seine desolate Lage, verschleierte sie mit vagen Sätzen wie „ich bin dabei, alles zu regeln”. Phrasen, an denen er bald Schicksalsgenossen erkannte. Da wurde ihm klar, was ihm vor allem fehlte: der Erfahrungsaustausch mit anderen Betroffenen. Im Internet fand er unter „Insolvenzhilfe” zwar 1,8 Millionen Einträge - doch nicht das, was ihm weiterhalf.

Der Schritt, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, sei also naheliegend gewesen. Unterstützung erhielt Unruh von der Kölner Selbsthilfe-Kontaktstelle KISS, einer Dachorganisation für fast 300 soziale und gesundheitliche Selbsthilfegruppen. Mit deren Starthilfe organisierte er die „Anonymen Insolvenzler”.

Die Treffen orientieren sich an den Regeln der „Anonymen Alkoholiker”: Die Teilnehmer bleiben anonym, es ist eine offene Gruppe mit absoluter Vertraulichkeit, die Treffen sind kostenlos und für jeden offen. Es gibt keine Rechtsauskunft, wohl aber Erfahrungsaustausch im Umgang mit Behörden oder Banken.

Ein Freund entwarf die Werbepostkarten, ein anderer druckte sie kostenlos. Verteilt wurden sie über Schuldnerberatungen und Rechtsanwälte. Die Nachfrage war groß, erinnert sich Unruh. Seitdem treffen sich in Köln regelmäßig rund 20 Betroffene. In Kürze sollen Gruppen in Hamburg und München folgen.

„Sieben Millionen Deutsche sind überschuldet - doch den Schuldnerberatungen wird das Geld gekürzt. Das führt zu Wartezeiten von bis zu drei Jahren”, gibt Unruh zu bedenken. Zudem sei auf Bundesebene die Zuständigkeit auf sieben Ministerien verteilt, das Familienministerium habe gerade alle Hilfsgelder gestrichen. „Es gibt 500 Programme für Existenzgründer - aber keine Krisenberatung bei Insolvenz”, kritisiert der Familienvater.

Inzwischen hat sich Unruh aus eigener Tasche eine Ausbildung als ehrenamtlicher Gruppenleiter finanziert, Grundlage für seinen neuen Beruf als Personal-Coach.
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