Düren - Annakirmes: Viele nehmen sich extra Urlaub

Annakirmes: Viele nehmen sich extra Urlaub

Von: Guido Jansen
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Viel Rummel: Das Riesenrad prägt sei Jahren die Skyline der Dürener Annakirmes. Foto: Jörg Abels
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Vorfreude: Beim Aufbau radelt Hans Theo Katzgrau jeden Tag zwei Mal über den Annakirmesplatz. Foto: Guido Jansen

Düren. Als Hans Theo Katzgrau ein Kind war, hat er sich mit dem Hammer oft auf die Finger gehauen, wenn die Annakirmes vor der Türe stand. Nicht absichtlich. Sein eigentliches Ziel waren nicht die Fingernägel, sondern die Nägel zwischen seinen Fingern, die er wieder geradehämmern wollte.

„Direkt nach dem Krieg waren die Schausteller so arm, dass ihnen die Nägel fehlten, um ihre Fahrgeschäfte aufzubauen“, erzählt Katzgrau. Der Vater war Dachdecker, verunglückte Nägel zum Geradehämmern gab‘s genug. Blaue Fingernägel hatte der Dürener damals reichlich an der Hand; und dankbare Schausteller, die Fahrkarten gegen Nägel tauschten.

Hans Theo Katzgrau gerät ins Schwärmen, als er vor ein paar Tagen an sein Fahrrad angelehnt auf dem Dürener Annakirmesplatz steht. Er redet von einer tollen Kindheit. Und das, obwohl er ein Junge im Grundschulalter war, als Düren 1944 im Krieg in Schutt und Asche gelegt wurde. „Die Annakirmes – das war damals das höchste Fest im Jahr. Darauf haben wir Jungs von der Aachener Straße uns das ganze Jahr gefreut.“

Jetzt ist er 75 Jahre und wohnt immer noch an der Aachener Straße, nur einen Steinwurf vom Annakirmesplatz entfernt. Und er schwärmt immer noch, obwohl sein Blick zurückgekehrt ist aus der Vergangenheit und jetzt auf den Riesen fällt, der ein paar Meter weiter vor ihm entsteht. Er schaut auf die Grundpfeiler des Riesenrades der Firma Kipp, die gerade aufbaut. „Wenn die Schausteller anfangen, dann fahre ich jeden Tag zwei Mal mit dem Rad über den Kirmesplatz.“ Der Wandel in der Welt der Kirmes fasziniert ihn. Weg von Hammer und Nagel, hin zu großen Kränen und computergesteuerten Systemen. „Ich bin immer noch ein Annakirmes-Jeck. Für mich ist die Annakirmes immer noch das höchste Fest im Jahr.“

Ein Einzelfall ist der Rentner nicht. Sagt Claudia Kipp. Sie ist die Chefin des Riesenrades, das die Skyline der Annakirmes seit 25 Jahren mit prägt. Bei vielen großen Volksfesten in Deutschland sind die Kipps dabei. Beim Pützchens Markt in Bonn, auf dem Pfingstmarkt in Erlangen oder auf den Cannstatter Wasen. „Ich erlebe es selten, dass eine Kirmes von den Menschen in der Stadt so geliebt wird wie hier in Düren“, erzählt die 55-Jährige. „Viele Dürener nehmen sich Urlaub für die Annakirmes. Das ist schon sehr besonders.“

So wie Hans Theo Katzgrau von der Zeit an, als er die Dachdecker-Firma seines Vaters übernommen hat, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand. Annakirmes bedeutete Betriebsferien. Das war Gesetz. Diese Zuneigung ist ein Grund, warum die Kirmes in Düren das größte Fest in der Region ist. Obwohl die Anwohner jedes Jahr innerhalb von neun Tagen von 800.000 bis einer Millionen Besucher belagert werden, hegen nur wenige einen Groll wegen Lärm und Parkplatzchaos.

1000 Anfragen

„Es gibt sogar Leute, die ziehen extra in die Nachbarschaft, damit sie es bis zur Kirmes nicht so weit haben“, berichtet Platzmeister Achim Greiff. Er ist dafür zuständig, dass die 160 bis 180 Schausteller alle am richtigen Fleck stehen. Und er hat die Qual der Wahl. Etwa 1000 Anfragen hatte der Platzmeister für die 375. Auflage der Annakirmes. „Die Anna“ ist beliebt, nicht nur bei den Dürenern. Das Geschäft läuft. „Sonst würden wir nicht seit 25 Jahren hierher kommen“, sagt Claudia Kipp.

Die Unternehmerin zählt die günstige Lage als Vorteil auf. Bis zur Innenstadt sind es zehn Minuten zu Fuß. Die Verantwortlichen bei der Stadtverwaltung seien routiniert und kooperativ. Der Hauptgrund, warum Greiff Jahr für Jahr viel mehr Bewerber als Stellplätze hat, wird bei gutem Wetter deutlich sichtbar. In Sachen Besucherzahlen spielt die Annakirmes in der Region in einer eigenen Liga. Laut Claudia Kipp ist das Dürener Fest beim Verhältnis von Platzgröße zur Besucherzahl sogar in der Republik vorne dabei. „Die neun Tage in Düren sind finanziell für uns die wichtigsten im Jahr“, sagt Peter Loosen, Vorsitzender des Schaustellerverbandes Aachen.

Das liegt an Leuten wie Hans Theo Katzgrau. Zwei Mal am Tag stürzt er sich ins Getümmel, wenn die Kirmes vor seiner Haustüre tobt. Die Zeit der blauen Fingernägel hat er hinter sich gelassen. Und die der roten Backen auch. Mit denen sind seine Freunde und er als junge Kerle von der Annakirmes nach Hause gekommen. Abgeholt haben sie sich die roten Backen auf dem Raupenkarussell. „Jeder von uns Jungs saß immer mit einem Mädchen in einer Gondel. Wenn das Verdeck zuging und die Fliehkraft uns gegen die Mädchen gedrückt hat, dann haben wir versucht, sie zu bützen. Wenn das Mädchen das nicht kannte, dann setzte es eine schallende Ohrfeige. Peng!“

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