Aachen/Köln - An einem schlechten Tag 15.000 Dollar verlieren

An einem schlechten Tag 15.000 Dollar verlieren

Von: Amien Idries
Letzte Aktualisierung:
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Ein Kölner Student lebt vom Online-Pokern. Dabei ist das Spielen um Geld eigentlich verboten. Foto: imago

Aachen/Köln. Als Tom Wichert (Name von der Redaktion geändert) von dem Zugriff des FBI erfährt, gerät er in Panik. Die US-amerikanische Bundespolizei hat zwar tausende Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Atlantiks zugeschlagen, Wichert befürchtet jedoch konkrete Auswirkungen auf sein Leben.

Vier Internetseiten für Online-Poker nimmt die US-amerikanische Bundespolizei an diesem „Black Friday” im April 2011 hoch und viele Spieler bangen um ihr Geld. So auch Wichert, der zu den Spitzenverdienern in Deutschland gehört. 160.000 US-Dollar (etwa 112.000 Euro) hat der 27-Jährige nach eigenen, glaubhaften Angaben im Kalenderjahr 2010 verdient. Allein dadurch, dass er im richtigen Moment erhöht, gepasst oder geblufft hat.

Geld, das er allerdings nicht auf seinem Girokonto deponiert, sondern von dem sich ein Teil bei den Poker-Anbietern befindet, ein anderer auf einem Internet-Konto, das ein gewisses Maß an Anonymität ermöglicht. Was Wichert macht, ist nämlich illegal. Sowohl in Deutschland als auch in den USA.

Glück oder Geschicklichkeit?

„Das Veranstalten und das Vermitteln öffentlicher Glücksspiele im Internet ist verboten”, heißt es in Paragraf vier des Glücksspielstaatsvertrags, den alle 16 Bundesländer unterschrieben haben. Das Strafgesetzbuch sieht für Veranstalter von unerlaubten Glückspielen bis zu zwei Jahre, für Teilnehmer bis zu sechs Monate Freiheitsentzug vor. Soweit ist die Lage also klar. Wenn man - wie der Gesetzgeber - Pokern als Glücksspiel bezeichnet. Viele Spieler sehen sich aber eher als Geschicklichkeitsspieler, was man erst versteht, wenn man das Spiel versteht.

Beim Pokern geht es darum, ein besseres Blatt als die Gegner zu haben. Dieses Blatt besteht aus fünf Karten, und wie gut es ist, hängt von ihrer Kombination ab. Eine hohe Einzelkarte ist besser als nichts, ein Drilling (beispielsweise drei Damen) ist gut und ein Royal Flush (Straße in einer Farbe mit dem Ass als höchster Karte) nicht zu schlagen. Über die Verteilung der Karten entscheidet - sofern alles mit rechten Dingen zugeht - das Glück.

Die Geschicklichkeit, in Pokerkreisen „skill” genannt, beginnt da, wo die Psychologie ins Spiel kommt. Die Spieler setzen nämlich, ohne das Blatt des anderen zu kennen, Geld oder Chips auf die Gewinnchancen des eigenen Blattes. Diese Einsätze fallen schließlich demjenigen mit dem stärksten Blatt zu oder dem einzig Übriggebliebenen, wenn alle anderen Spieler nicht bereit sind, den Einsatz mitzugehen. So ist es möglich, dass durch Bluffen - das Vorspielen eines starken Blattes - derjenige mit den schlechteren Karten gewinnt. Und nur so ist es möglich, dass der Student Wichert seine Freundin in teure Restaurants ausführen kann, bei denen er mit dem kürzlich erworbenen Porsche Boxster vorfährt.

„Beim Pokern spielen sowohl Glück als auch Geschicklichkeit eine Rolle”, erklärt Pokerexperte Ingo Fiedler von der Uni Hamburg. Das Verhältnis der beiden zueinander hänge von der Anzahl der Spiele ab. „Spielt man nur eine Hand, also Spielrunde, dann hängt der Erfolg stark vom Glück ab. Spielt man unendlich viele Hände, wird das Ergebnis nur noch vom Geschick beziehungsweise Ungeschick bestimmt”, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler. Irgendwo dazwischen liege der Punkt, ab dem statistisch der Skill- größer als der Glücksfaktor ist.

„Diesen Punkt erreicht zwar der Profi”, sagt Fiedler. Der durchschnittliche Spieler aber spiele, meist weil er zu schlecht ist, nicht lange genug, damit für ihn aus dem Glücks- ein Geschicklichkeitsspiel wird. Der Gesetzgeber hat entschieden, sich an dem durchschnittlichen Spieler zu orientieren, und Poker als Glücksspiel zu bezeichnen. Damit ist das Spielen um Geld verboten.

Hai gegen Fisch

Das Tor zu Wicherts verbotener Online-Poker-Welt misst 19 Zoll. Fast reglos sitzt der Kölner Wirtschaftsstudent vor dem Computerschirm und trifft im Sekundentakt Entscheidungen, die seine rechte Hand mittels Mausklicks in die virtuelle Welt übermittelt. Seine Augen fliegen zwischen den Tischen hin und her, an denen seine Avatare sitzen. Dabei muss er alles im Blick haben: seine Karten, seine Einsätze, das Setzverhalten der Gegner, deren statistische Werte. Und das an bis zu 14 Tischen.

Selbst die Tische, an denen er nicht spielt, behält er im Auge. Immer auf der Suche nach besonders schlechten Spielern, die „Fische” genannt werden. Die erkennt der „Hai” Wichert sofort. Er erkennt sie an Babygesichtern oder Fußballwappen, mit denen sie ihre Profile schmücken. Er erkennt sie daran, dass sie nur an einem Tisch spielen oder einen krummen Betrag auf ihrem Konto haben. Besonders nervös werden die „Haie” wenn ein „Fisch” viel Geld hat. So wie der russische Oligarch Roman Abrahmovic, der sich ab und an auf derselben Pokerseite wie Wichert rumtreiben und mit Geld um sich werfen soll. An einem solchen Tisch bilden sich lange Warteschlangen, weil jeder der „Haie” einen Happen abhaben will.

Angefangen hat für Wichert alles mit dem Echtzeitstrategiespiel „Starcraft”, bei dem analytisches Denken und Einschätzung des Gegners wichtig sind. Wichert gehört in seinem Bekanntenkreis schon bald zu den besten Starcraft-Spielern und ein Freund sagt zu ihm: „Wenn Du im Pokern so gut wärst, könntest Du viel Geld verdienen.” Also registriert sich Wichert vor drei Jahren erstmals auf einer Übungsseite, bei der mit Spielgeld gepokert wird, und beginnt kurze Zeit später, um richtiges Geld zu spielen.

Einsteiger werden dabei mit Boni geködert. Sie zahlen einen Betrag ein und erhalten als Belohnung einen Bonus, den sie freispielen können. Wichert springt von Seite zu Seite, streicht überall Boni ein und lernt die Grundzüge des Spiels kennen. In dieser Frühphase hat er nur eine Strategie: das sogenannte Setmining. Der Spieler geht nur mit, wenn er zu Beginn des Spiels ein Pärchen hält. In allen anderen Fällen passt er. Das verlangt außer Disziplin nicht viel und bringt Wichert ein monatliches Taschengeld von 200 Dollar ein.

3,6 Milliarden Dollar jährlich

Wicherts Einstieg ins Online-Pokern ist relativ typisch, wie Tobias Hayer zu berichten weiß. Der Diplom-Psychologe forscht an der Uni Bremen zu Glücksspielen. Zwar gäbe es noch keine gesicherten Befunde, innerhalb der Forschergemeinde spreche man aber von Einstiegsszenarien, bei denen die Spielgeldseiten, eine wichtige Rolle einnehmen. Die sind nicht verboten und werden offensiv beworben. Mit Boris Becker zum Beispiel, der für pokerstars.de sein Gesicht in die Kamera hält.

„Gerade junge Leute beginnen auf den Übungsseiten und denken nach Erfolgserlebnissen: Hätte ich jetzt richtiges Geld eingesetzt, hätte ich 50 Dollar gewonnen”, erklärt Hayer. Das können sie dann auf pokerstars.com, deren Server im Ausland stehen und die deshalb von der deutschen Justiz verschont bleiben. Fragt man die Ansprechpartner von pokerstars.de nach dem Verhältnis zu pokerstars.com, nach Userzahlen oder der Finanzierung, erntet man Schweigen. Kein Kommentar. Anfixen könnte man diese Praxis überspitzt nennen, die von allen großen Pokerseiten betrieben wird. Hayer spricht lieber von Neugierde, die entfacht wird.

Eine Neugierde, von der die Pokerseiten gut leben. Sobald um Echtgeld gespielt wird, verdienen sie an der Gebühr, die die Spieler zahlen und deren Höhe von der Größe des Potts abhängt. Nach einer Untersuchung der Uni Hamburg fließen den Betreibern jährlich etwa 3,6 Milliarden Dollar zu. 30 Prozent gehen in Form von Boni wieder an die Spieler zurück. In Deutschland, nach den USA der zweitgrößte Markt, zahlen die rund 600.000 Spieler nach Abzug der Boni immer noch stolze 270 Millionen Dollar. Nicht enthalten in dieser Summe sind Beträge, die zwischen den Spielern fließen. Einfach weil hier seriöse Angaben nicht möglich sind.

Ein halbes Jahr nach seinem Einstieg wechselt Wichert an Tische, mit höherem Mindesteinsatz. Nach kurzer Zeit merkt er, dass seine simple Spieltaktik hier nicht aufgeht. Plötzlich ist er der „Fisch” und wird ausgenommen. Was bei manchem wohl die Rückkehr an kleinere Tische ausgelöst hätte, weckt beim Spieler Wichert Ehrgeiz. Er treibt sich in Pokerforen rum, saugt jeden Tipp wie ein Schwamm auf. Aus welcher Position am Tisch muss ich welche Taktik spielen? Was sagt mir das Setzverhalten des Gegners? Welche Spielertypen gibt es? Als Meilenstein bezeichnet er das E-Book eines Profis, das unter Spielern für Preise bis zu 800 Dollar gehandelt wurde. Durch die Tipps und Strategien aus diesem Buch hatte er eine gewisse Zeit einen enormen Wissensvorsprung. „Das war wie die Lizenz zum Gelddrucken”, sagt Wichert heute.

Die Gefahr des „tilts”

Er spielt und arbeitet sich hoch, bis er an Tischen spielt, wo der Mindesteinsatz pro Spiel bei 50 Dollar liegt. Wo er an einem guten Tag 15.000 Dollar gewinnt. Und an einem schlechten ebenso viel verliert. Wo immer die Gefahr des „tilts” lauert, den jeder Spieler fürchtet. Der kann durch eine Pechsträhne ausgelöst werden und lässt den Spieler seine emotionale Balance verlieren. Er spielt wild und unbesonnen und wirft mit Chips nur so um sich.

Noch größer ist laut Wichert die Gefahr, den Glücksanteil beim Pokern zu unterschätzen. „Zwar setzt sich auf lange Sicht der bessere Spieler durch. Aber auch der ist nicht davor gefeit, in einem Spiel Pech zu haben, und auf einen Schlag viel Geld zu verlieren.” Wichert hat sich strenge Regeln fürs Spielen auferlegt, auch um einer Suchtgefahr vorzubeugen. Er spielt nur, wenn er emotional ausgeglichen ist. Er schlägt sich vor dem Spielen nicht den Bauch voll und spielt nicht im Urlaub. Alkohol ist sowieso tabu.

Inzwischen ist das Spielen für ihn ein Job. 15 Stunden investiert Wichert pro Woche und hat damit ein sehr gutes Auskommen. Der Zugriff des FBI hat sich nur indirekt auf ihn ausgewirkt. Sein Geld ist nach wie vor vorhanden. Die Pokerseiten, auf denen er spielt, sind immer noch online. Allerdings hat sich der Markt verdichtet. Das FBI hatte die Seiten unter der Bedingung wieder freigegeben, dass Spieler aus den USA blockiert werden. Dadurch wird die Qualität steigen. Wichert will noch bis zum Ende seines Studiums weiterspielen. Dann aber ist Schluss.

Das Zocken wird er aber vermutlich auch dann nicht bleiben lassen. „Ich versuche mich gerade ein wenig an der Börse. Mal sehen, was da so geht.”
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