Lüttich - Amoklauf in Lüttich: Fall zu den Akten gelegt

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Amoklauf in Lüttich: Fall zu den Akten gelegt

Von: Madeleine Gullert
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13. Dezember 2011: Menschen laufen in Panik über den Platz Saint-Lambert. In Folge des Amoklaufs im belgischen Lüttich sterben fünf Menschen, 147 werden verletzt. Nun, beinahe drei Jahre später, ist die Akte in dem Fall geschlossen. Foto: dpa
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Warum? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Foto: dpa

Lüttich. Was hat den Attentäter von Lüttich zu seinem Amoklauf bewegt? Diese Frage wird sich nun wohl nie klären. Eine zermürbende Erkenntnis für die Opfer und deren Familien. Die Justiz in Belgien hat das Verfahren gegen Nordine Amrani beinahe drei Jahre nach der Tat, bei der fünf Menschen starben und 147 Menschen verletzt wurden, eingestellt.

Es ist der 13. Dezember 2011: Amrani, ein Belgier mit marokkanischen Wurzeln, begibt sich mittags auf den Place Saint-Lambert in Lüttich. Die Innenstadt ist in der Vorweihnachtszeit voll mit Menschen, plötzlich wirft Amrani mehrere Granaten in die Menge, schießt mit einem Sturmgewehr um sich, die Passanten laufen in Panik weg. Auf dem Platz sterben zwei Jugendliche (15 und 17), ein 17 Monate altes Baby und eine 75-Jährige. Ein Student (20) erliegt später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Der 33-jährige Amrani nimmt sich nach dem Amoklauf das Leben – mit einem Kopfschuss.

Drei Jahre später hat die sogenannte Ratskammer in Lüttich entschieden, das Verfahren gegen den Attentäter einzustellen – weil Amrani tot ist und nicht mehr belangt werden kann, wie die belgische Nachrichtenagentur Belga berichtet. Die Ratskammern in Belgien sind dafür zuständig, Beweise zu prüfen. Sie entscheiden, ob ein Verfahren vor Gericht zugelassen wird. Im Fall von Amrani entschieden sie sich dagegen.

Die Familien der Opfer zeigten sich darüber enttäuscht. „Ich weiß, dass wir nie die Wahrheit erfahren werden. Das tut weh“, sagte Mohammed Belhadj, der Vater des getöteten 17-jährigen Jungen, laut dem belgischen Fernsehsender RTBF. Viele Angehörige waren in die Ratskammer gekommen, um ihre Frage zu stellen: Warum lief Amrani Amok? Die Frage nach dem Warum wird unbeantwortet bleiben. Doch auf die Frage, weshalb Amrani frei rumlaufen durfte, wollen die Familien eine Antwort erzwingen. Angehörige mehrerer Opfer haben sich dazu entschieden, den Staat zu verklagen.

Der Staat habe sich schuldig gemacht, indem er den vorbestraften und gewaltbereiten Täter nicht besser überwacht habe. Der 33-Jährige war wegen Waffen- und Drogenbesitzes, Hehlerei und Vergewaltigung vorbestraft. Weil er eine Cannabisplantage betrieb und Waffen besaß, wurde er laut „Grenz-echo“ 2008 zu knapp fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Im Oktober 2010 wurde Amrani aber frühzeitig aus der Haft entlassen. Das kritisieren die Opferfamilien.

„Wir können uns mit einem ,man kann doch nicht jeden überwachen‘ nicht zufriedengeben“, sagte Rechtsanwalt Alexandre Wilmotte, der zwei Familien vertritt, RTL in Belgien. Man müsse Sorge dafür tragen, dass sich solch eine Situation nicht wiederholen könne. „Wir handeln altruistisch.“ Amrani sei aus dem Gefängnis entlassen worden, obwohl sich ein Tribunal dagegen ausgesprochen habe, weil er bestimmte Auflagen nicht eingehalten haben soll. Am Tag des Amoklaufs war Amrani bei der Polizei vorgeladen. Er hätte sich zu einem Sittlichkeitsverbrechen äußern sollen, das ihm vorgeworfen wurde. Angesichts dieser Fakten habe der Staat sich fahrlässig verhalten, sagen die Opferfamilien. Mit einer besseren Überwachung hätte das Unglück vermieden werden können. Wilmotte will nun weitere Opfer zum Klagen bewegen und die Sammelklage für den Zivilprozess gegen das Königreich Belgien im Januar einreichen.

Wilmotte kritisiert auch die Entschädigungspolitik. Erst jetzt, da feststeht, dass es keinen Strafprozess geben wird, können die Opferfamilien eine Entschädigung von einem staatlichen Hilfsfonds beantragen. Bis jetzt haben sie keinen Cent erhalten, sagte Wilmotte. Der Höchstbetrag für eine Entschädigung liegt laut Belga bei 62 000 Euro. „Einige Opfer haben weit mehr Ausgaben gehabt, beispielsweise für die Pflege“, kritisiert der Anwalt.

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