Gürzenich - Als Vollzeitaktivist gegen die Braunkohle

Als Vollzeitaktivist gegen die Braunkohle

Von: Sarah Maria Berners
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Heißes Wasser dank Sonnenlich
Heißes Wasser dank Sonnenlicht ist der erste Schritt zum klimaneutralen Haus: An der Kallsgasse in Gürzenich haben Thomas, Rowena und weitere Aktivisten ein dauerhaftes Klimacamp gegründet. Foto: Berners

Gürzenich. Schon bewohnt und doch noch Baustelle - die Aktivisten, die an der Kallsgasse in Gürzenich ihr Domizil eingerichtet haben, haben noch viel Arbeit vor sich. Eine kleine Küche gibt es schon, ein provisorisches Büro ist eingerichtet und die Schlafräume sind nutzbar - nur beheizt sind sie noch nicht.

Im Keller warten Solarzellen darauf, aufs Dach gebracht zu werden, im Garten werden Fahrräder geflickt.

In einem alten Haus an der Kallsgasse 20 am Rand des Stadtteils hat ein knappes Dutzend junger Menschen ein dauerhaftes Klimacamp ins Leben gerufen. Dort wollen sie ihren Protest gegen die Braunkohle-Verbrennung verstetigen, sich für den Ausstieg aus der „schmutzigen Energie” einsetzen.

„In Zeiten des Klimawandels sollten wir alles Mögliche tun, um die Erderwärmung aufzuhalten”, sagt Thomas (21). Mit Nachnamen heißt er Waldmann, aber im Klimadorf duzt man sich. Thomas kritisiert, dass die gute Sache Atomausstieg mit einer Renaissance der Braunkohle und damit einem erheblichen CO2-Ausstoß verbunden sei.

Einige der Camp-Bewohner waren deswegen vor zwei Monaten dabei, als für einen Tag die Hambachbahn, die Kohle in die Kraftwerke bringt, lahmgelegt wurde. Und auch wenn im November die Castor-Transporte rollen, wollen die Klimaschützer protestieren.

Thomas bezeichnet sich selbst als Vollzeitaktivist. Vollzeitaktivisten sind fast alle im Klimacamp. Einige studieren, keiner ist älter als 30 Jahre. Sie hätten das Glück, nicht in irgendwelchen Lebensrealitäten zwischen Job und Familie gefangen zu sein, sagt Thomas. Wer nicht zur Arbeit gehen muss, habe mehr Zeit, sich mit Klimathemen und Protestaktionen zu befassen. Zu tun gebe es genug, um die Tage zu füllen.

Mit den Nachbarn, sagen die Aktivisten, hätten sie Glück gehabt - obwohl sie sich deutlich von ihnen unterscheiden. „Nicht alle sind offen begeistert, aber gesprächsbereit”, sagt Rowena (20). „Einen Mitarbeiter des Kraftwerkbetreibers gibt es hier nicht”, ergänzt Thomas und lacht.

Thomas, Rowena und die anderen wollen nicht nur mit Protesten von sich reden machen. Das Konzept Klimadorf ruht auf vier Säulen: Aktionen gegen Klimazerstörung, Weiterbildung, Selbstversorgung und Abbau hierarchischer Strukturen - einen Vorsitzenden gibt es dort nicht. Der Plan ist es, in Gürzenich eine „Werkstatt für Aktionen und Alternativen” zu etablieren, in der sie Seminare und Fortbildungen zu Klima-Themen, aber auch sozialpolitische Debatten anbieten.

„Den Anspruch, uns komplett selbst zu versorgen, haben wir nicht”, sagt Rowena. Der Garten sei auch dafür auch nicht groß genug. „Wir kaufen aber Bioprodukte und nutzen auch das, was andere nicht haben wollen.” Krumme Möhren zum Beispiel, die den Normen für den Handel nicht entsprechen. Gegessen wird im Haus vegetarisch oder sogar vegan - aus ethischen und ökologischen Gründen.

Finanziert wird die „Werkstatt für Aktionen und Alternativen” über die Stiftung Freiräume, private Spender und Kredite. In die Haushaltskasse gibt jeder, was er kann. Ansonsten nimmt man auch gerne das, was andere nicht mehr brauchen.

Klimaneutral leben - das ist das Ziel. Und die Aktivisten fangen in den eigenen Wänden an. Schon jetzt wird das Wasser zum Duschen über Solarzellen erhitzt, der Gasherd in der Küche soll durch einen Solarkocher ersetzt werden. Im bevorstehenden Winter sollen Öfen Wärme bringen, später eine Solarheizung. Motorisiert sind die Klimaschützer nicht, sie fahren Rad - auch im Regen. „Wir sagen ja nicht, dass die Umstellung auf erneuerbare Energien einfach und für alle bequem ist”, sagt Rowena. „Wir sagen aber, dass es geht, und wir wollen anderen dabei helfen.”
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