Aachen - Alemannia: Neue Satzung vorerst abgeschmettert

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Alemannia: Neue Satzung vorerst abgeschmettert

Von: Holger Richter
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Im Europasaal des Eurogress´ diskutierten rund 650 Alemannia-Mitglieder stundenlang über Satzungsänderungen ihres Vereins. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Falls es einem Alemannia-Mitglied noch nicht klar gewesen sein sollte, worum es bei der Jahreshauptversammlung des Turn- und Sportvereins Alemannia Aachen 1900 gehen sollte, der wurde schon vor den Toren des Eurogress aufgeklärt - per Flugblatt.

„Du hast die Wahl” stand auf den Blättern, die die Fans vor 19 Uhr am Aufgang zum Kongresszentrum an der Monheimsallee verteilten. Kurz vor Mitternacht hatten die Mitglieder dann gewählt. Ergebnis: Die vorgeschlagene Satzungsänderung wurde vorerst abgeschmettert.

Die Änderungen sollten aus Sicht der Mitgliederinitiative, die diese Vorschläge erarbeitet hat, zu mehr Transparenz in den Gremien und zu einer „echten Auswahl” (mehr Kandidaten als Plätze) führen. Das Präsidium sah das bekanntlich anders.

Alemannia-Präsident Alfred Nachtsheim jedenfalls wusste, worum es am Donnerstagabend gehen sollte, denn er eröffnete angesichts der „kontroversen Diskussion im Vorfeld” die Versammlung um kurz nach 19 Uhr mit der Bitte um einen „respektvollen Umgang und einen sachlichen Ton”. Der Applaus der 649 anwesenden Mitglieder unterstützte ihn darin. Emotional, aber auch fair und an der Sache orientiert wurde dann tatsächlich diskutiert.

Und so bezeichnete Nachtsheim den Satzungsänderungswunsch gleich zu Beginn als „Misstrauensvotum gegen den Vorstand”, gleichzeitig aber auch als Auftrag, für noch mehr Transparenz in der Vereinsarbeit zu sorgen. „Ich bin vor einem Jahr angetreten, um Gräben zuzuschütten”, sagte Nachtsheim, doch durch die Satzungsinitiative sehe er diese Gräben wieder aufgerissen. Über aufgerissene Gräben wollten die Antragsteller auf Änderung der Satzung allerdings nicht diskutieren.

Ihnen ging es um mehr Demokratie zum Wohle des Vereins, denn wie Hans-Werner Fröhlich für die Antragsteller vor der Mitgliederversammlung vortrug: „Ohne eine echte Auswahl, geht dem Verein bei Nichtwahl Kompetenz verloren, da der Sitz im Gremium dann frei bleibt.” Auch der im Vorfeld geäußerten Befürchtung, durch nur 50 Unterschriften als Kandidaturkriterium drohe ein „Chaos”, widersprach Fröhlich, da die formalen Kriterien ja beibehalten würden. Nach der neuen Satzung könnten die Gremien weiterhin prüfen, „aber nicht mehr auswählen. Das bleibt dem Souverän, der Mitgliederversammlung, vorbehalten.”

Außerdem hätte es unter der alten Satzung durchaus auch Fehlentscheidungen bei der Gremienbesetzung gegeben. Nach einem langen Applaus für die Antragsteller entgegnete Vorstandsmitglied Christoph Terbrack, dass es bei den Vorstandswahlen etwa gar keine formalen Kriterien gebe. Auch enthalte der Satzungvorschlag Tücken, die - ungewollt - Kompetenzen auf die GmbH-Satzung verschieben würde und die könne vom Vereinsvorstand ohne Bestätigung der Mitglieder geändert werden.

„Das ist eine wesentliche Beschränkung von Mitgliedsrechten.” Terbrack schlug im Namen des Vorstands einen Kongress am 25. Mai vor, auf dem „auf Augenhöhe und auf einer breiten Basis” über eine neue Satzung diskutiert werden könne. In der anschließenden Diskussion warnte der ehemalige Schatzmeister Carlo Soiron bei Annahme der Änderung vor Zufallsmehrheiten, die sogar Arbeitsplätze bei der Alemannia gefährden könnten. Ratsherr Hans-Dieter Schaffrath erwiderte, dass eine Auswahl zwingend notwendig sei.

Die Kandidaten müssten allerdings einigen Kriterien genügen, über die noch zu beraten sei. „Denn bei vergangenen Vorstandswahlen hätte eine Auswahlmöglichkeit dem Verein durchaus Schaden erspart.”

Nach einer Reihe von Wortmeldungen schlug Schaffrath mit Einverständnis der Antragsteller eine Vertagung des Antrags vor, um die Satzung auf Basis der Änderungsvorschläge in einer Kommission neu zu überarbeiten, schließlich seien sich Antragsteller und Vorstand im Kern sehr nahe gekommen. Obwohl darüber größtenteils Einigung herrschte, musste dann aber doch formell über den Antrag auf Satzungsänderung abgestimmt werden, was zu einigen, allerdings kurzen Tumulten führte.

Das Ergebnis lag dann um zehn Minuten vor Mitternacht vor, in allen Punkten der Satzungsänderungen wurde die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit klar verpasst. Der Antrag von Hans-Dieter Schaffrath, eine Satzungskommision einzusetzen, wurde anschließend einstimmig angenommen. Mit der Satzungsdiskussion war die Tagesordnung natürlich noch nicht erschöpft. Es standen auch Nachwahlen zum Aufsichts- und Verwaltungsrat sowie die turnusmäßige Wahl des Ältestenrats auf dem Programm. In den Aufsichtsrat wurden Helmut Kutsch mit 441:133-Stimmen und Michael Nobis mit 554:72-Stimmen gewählt. Den Verwaltungsrat komplettiert nun Jens Dautzenberg, der mit 65 Prozent gewählt worden ist. Der ehemalige Aseag-Vorstand, Hans-Peter Appel, erhielt nur 30 Prozent der Stimmen und wurde nicht in den Verwaltungsrat gewählt.

Der Ältestenrat setzt sich nun wie folgt zusammen: Heinz Becker, Leopold Chalupa, Josef Martinelli, Jo Montanes, Michel Pfeiffer, Manfred Reinders und André Venth. Nicht die erforderliche Mehrheit bei der Wahl für den Ältestenrat erhielt der ehemalige Vorsitzende dieses Gremiums, Helmut Breuer. Zuvor berichtete Schatzmeister Theo Strepp in seinem Bericht von einem Jahresüberschuss bei den Vereinsfinanzen im Jahr 2010 von 22000 Euro, 2009 hatte der Überschuss noch 8000 Euro betragen. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates Manfred Lorenz bescheinigte zudem dem Vorstand „in schwierigen Zeiten eine hervorragende Arbeit„ und bat um Entlastung.

Dem stimmten die Mitglieder mit 447 Ja-Stimmen zu, 140 Mitglieder stimmten dagegen. Ebenso wurde der Verwaltungsrat mit 463:43 Stimmen entlastet. In den Berichten der Alemannia Aachen GmbH, worin der Profifußall ausgegliedert ist, berichteten die Geschäftsführer Frithjof Kraemer und Erik Meijer sowie der Aufsichtsratsvorsitzende Meino Heyen über die sportliche und finanzielle Situation der Lizenzspielerabteilung. Der Aufsichtsratsvorsitzende Heyen berichtete dabei von den Bestrebungen, die Belastung durch die Stadionfinanzierung durch Streckung von Laufzeiten und Umfinanzierungen von Krediten zu senken, damit mehr Geld dem Sportetat zur Verfügung gestellt werden kann.

„Wir arbeiten daran, für den Profifußball in Aachen die Rahmenbedingungen zu schaffen, die in anderen Städten selbstverständlich sind”, rief er in den Saal und spielte damit auf dem im Rahmen der Bürgschaftsvereinbarung mit der Stadt festgeschriebenen Sportetat von sieben Millionen Euro an. Sportdirektor Erik Meijer berichtete in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer Sport über seinen Traum, mit der Alemannia einmal in der Bundesliga zu spielen. Um diesen Traum wahr werden zu lassen, benötige er aber mehr Geld. Geld etwa, dass er jetzt für infrastrukturelle Maßnahmen wie Trainingsplätze und Nachwuchsförderung von seinem Etat für den Profibereich abknappsen müsse.

Er kritisierte in diesem Zusammenhang ungewöhnlich drastisch den eigenen Verein, der in den vergangenen drei Jahren 500.000 Euro von den Mitgliedsbeiträgen in die Volleyallabteilung gesteckt habe, obwohl die Mitglieder der Fußballabteilung 80 Prozent der Mitgliedsbeiträge stellten. „Der Verein muss sich klar werden, was er will„, forderte er mehr finanzielle Unterstützung seitens des Vereins zulasten der Volleyballabteilung.

Der Manager der Bundesligamannschaft der Volleyball-Damen entgegnete, dass der Umsatz der Fußball-GmbH rund 25 Millionen Euro betrage, die Volleyball-Abteilung über drei Jahre aber 500.000 Euro erhalten hätte. „Das macht 170.000 Euro pro Jahr. Das sind ungefähr 1 Prozent des Umsatzes der Fußball-GmbH”, zählte er auf. „Ich bin der Meinung, dass die Fußballer 1 Prozent ihres Umsatzes auf andere Weise generieren können müssten.

Von Misstönen frei war also auch diese Jahreshauptversammlung nicht, dennoch fand Ehrenpräsident Leo Führen nach knapp fünfeinhalbstündiger Sitzung auch diesmal wieder das richtige Schlusswort und rief „auf unsere geliebte Alemannia” aus: „Hipp-hipp Hurra!”
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