Alegro: Die erste Stromverbindung nach Belgien

Von: Udo Kals
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Verbindungspunkt Lichtenbusch: In Höhe des Parkplatzes an der A 44 quert die Stromtrasse die deutsch-belgische Grenze. Foto: Michael Jaspers

Niederzier/Visé. Der Ausbau der Stromnetze im Rahmen der Energiewende wird heiß diskutiert. Auch in unserer Region gibt es ein Projekt: Zwischen Niederzier-Oberzier und dem belgischen Lixhe bei Visé soll eine Stromautobahn namens Alegro gebaut werden – unterirdisch, per Erdkabel.

Während viele geplante Trassen die Menschen an der Nordsee, in Bayern oder in Osterath bei Meerbusch mächtig unter Strom setzen, regt sich zwischen Düren und Aachen bislang kein Protest. „Wir sind es als Tagebaurandgemeinde gewohnt, mit Dingen sachlich umzugehen“, sagt etwa der Bürgermeister von Niederzier, Hermann Heuser, in dessen Gemeinde eine neue Konverterstation für das Projekt gebaut wird. Ein Überblick.

Warum heißt das Projekt Alegro?

Alegro ist eine Abkürzung für die englische Bezeichnung „Aachen Lüttich Electricity Grid Overlay“, was frei übersetzt für das verbindende Stromnetz Aachen-Lüttich steht.

Was verbirgt sich dahinter?

Das belgische Stromnetz ist bislang mit den Niederlanden, Frankreich und Luxemburg direkt verbunden, das deutsche in westlicher Richtung ebenso mit diesen drei Ländern. Alegro ist somit die erste direkte Stromverbindung zwischen Belgien und Deutschland. Für die Landesregierung besitzt das Projekt einen „sehr hohen“ Stellenwert, weil es die Versorgungssicherheit verbessert. Zudem soll es dazu beitragen, den Wettbewerb auf dem Energiemarkt zu steigern und das Stromnetz an den Ausbau erneuerbarer Energien und den Ausstieg aus der Kernenergie anzupassen.

Wer setzt das Projekt um?

Auf deutscher Seite ist das Amprion. Das in Dortmund ansässige Unternehmen ist eines der vier deutschen Betreiber der Höchstspannungsnetze. Im Nachbarland ist Elia verantwortlich – nach eigener Darstellung der Übertragungsnetzbetreiber in Belgien. 2018 soll die Verbindung in Betrieb genommen werden. Genehmigt ist das Projekt noch nicht.

Was wird gemacht?

Zwischen Oberzier und Lixhe wird eine rund 100 Kilometer lange Stromautobahn mit einer Übertragungskapazität von insgesamt rund 1000 Megawatt gebaut, vergleichbar der Leistung eines Blocks des Kernkraftwerks Tihange bei Lüttich. An den Endpunkten werden Konverterstationen errichtet, um den in Gleichstromtechnik transportierten Strom in die bestehenden Wechselstromnetze einspeisen zu können.

Warum wird auf Gleichstromtechnik gesetzt?

Da die Gleichstromtechnik steuerbar ist, könne der Stromfluss an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden, heißt es bei Amprion. Zudem könne Gleichstrom über lange Kabelverbindungen übertragen werden.

Wieso wird die Station in Oberzier gebaut?

Im Bundesbedarfsplangesetz wurde der Standort am Rand des Braunkohletagebaus Hambach als Netzverknüpfungspunkt festgeschrieben. Alternativ seien die Umspannanlagen Aachen-Verlautenheide sowie Zukunft (Eschweiler-Weisweiler) als Verknüpfungspunkte geprüft worden. Doch Oberzier ist laut Amprion besser in das Stromnetz eingebunden.

Welche Auswirkungen hat die Anlage auf Mensch und Umwelt?

Eine Gesundheitsgefährdung schließt Amprion aus. Der Geräuschpegel des bereits bestehenden Umspannwerks werde nicht spürbar angehoben. Strahlung jedweder Art gehe von der Konverterstation nicht aus, die Halle selbst sei ein faradayscher Käfig, aus dem keine Funkwellen nach außen dringen können.

Wie sieht es mit elektromagnetischen Feldern aus?

Elektrische Felder sollen weder beim Konverter noch beim Erdkabel nach außen dringen. Magnetische Felder sollen sich in der Größenordnung des Erdmagnetfelds bewegen.

Wie sind die Reaktionen vor Ort?

„Bei einer Bürgerversammlung im vergangenen Sommer sind viele kritische Fragen beantwortet worden“, sagt Bürgermeister Heuser, der die „frühzeitige und transparente Informationspolitik von Amprion“ lobt. Ein Vorteil sei auch, dass die geplante Konverterstation in den Komplex der bereits bestehenden Umspannanlage integriert werde. Der neue, rund 100 Millionen Euro teure Bau wird bis zu 20 Meter hoch werden. „Für uns steht der Lärmschutz an vorderster Stelle“, sagt der Bürgermeister. Zudem müssten Probleme mit dem Baustellenverkehr geregelt werden.

Gibt es Proteste?

„Wir haben auf deutscher Seite ein sehr konstruktives Umfeld. Probleme zeichnen sich nicht ab“, sagt Amprion-Sprecherin Joelle Bouillon. Das NRW-Wirtschaftsministerium ist zurückhaltender: „Wir wollen dazu nicht spekulieren. In welchem Maße das Projekt Unterstützung erfährt, wird sich zeigen, wenn Amprion und Elia die Planungen zur Trassenführung öffentlich vorstellen werden.“

Wann wird das sein?

Auf deutscher Seite soll der Verlauf bis Sommer stehen. Die Kabeltrasse soll als Wanderbaustelle in zwei Jahren verlegt werden.

Gibt es eine favorisierte Trasse?

Ja – möglichst in weiten Teilen entlang der Autobahnen 4 und 44 bis zum festgelegten Verknüpfungspunkt Lichtenbusch. Der genaue Verlauf wird noch geprüft.

Wieso wird die Trasse per Erdkabel gelegt und keine Freileitung gebaut?

Alleine die Reaktionen auf Freileitungstrassen in den vergangenen Wochen zeigen, dass solche Projekte schneller abgelehnt werden. Hinzu kommt im konkreten Fall, dass es für eine solche Freileitung auf belgischem Terrain keine Genehmigung gegeben hätte, sagt die Amprion-Sprecherin. Ein weiterer Vorteil aus ihrer Sicht: Alegro ist ein Pilotprojekt, weil es eine der ersten Gleichstrom-Erdkabelleitungen im europäischen Wechselstromnetz sein wird. Daher gibt es noch Fördermittel, die aber einen eher kleineren Anteil am Gesamtbudget von rund 430 Millionen Euro ausmachen werden.

Gibt es Kritik am Erdkabel?

Bisher nicht. Auch aus Sicht von Verbänden wie dem Naturschutzbund (Nabu) ist das Erdkabel eine schonende Variante: „Unter Berücksichtigung relevanter Bodenschutzstandards und Naturschutzvorgaben sind Erdkabel in vielen Gebieten eine naturverträglichere Alternative zu Freileitungen. Dadurch lassen sich umwelt- und naturschutzbezogene Konflikte vermeiden, die Akzeptanz für neue Leitungen verbessern und folglich der Netzausbau beschleunigen.“

Welcher Strom wird eingespeist?

In Deutschland hat nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz die Einspeisung „grünen“ Stroms Vorrang. Da das nicht ausreicht, um den Bedarf zu decken, wird auch konventioneller Strom eingespeist. „Es ist immer ein Mix“, heißt es bei Amprion. Strom aus konventionellen Energieträgern wie (Braun-)Kohle oder Gas ist aber auch notwendig, um zum einen wegfallende Kapazitäten bei der Kernenergie aufzufangen, die die erneuerbaren Energien (noch) nicht alleine kompensieren können. Zum anderen dienen sie dazu, die Schwankungen bei den erneuerbaren Energien auszugleichen. Es weht eben nicht immer der Wind und es scheint nicht immer die Sonne. Gleichzeitig lassen sich Kohle- und Gaskraftwerke nicht einfach nach Bedarf zu- oder abschalten. Sie laufen also größtenteils weiter, auch wenn sie mal nicht benötigt werden. Das führt zu einer Überproduktion an Strom. Laut Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen wurde 2013 so viel Braunkohleenergie produziert wie seit 1990 nicht mehr. Demnach wurden 162 Milliarden Kilowattstunden Strom in Braunkohlekraftwerken erzeugt – vor allem im Rheinland und in der Lausitz. Insgesamt beförderte die Zunahme einen neuen Rekord beim Stromexport – dieser lag bei rund 33 Milliarden Kilowattstunden. Deutschland hat 2013 an acht von zehn Tagen mehr Strom exportiert als importiert.

Gibt das Projekt RWE eine Gelegenheit, sich neue Absatzmöglichkeiten für Braunkohlestrom zu sichern, wie Kritiker befürchten?

„RWE hält nur noch 25 Prozent direkt und weitere zehn Prozent indirekt an Amprion. Daher kann RWE Amprion nicht veranlassen, eine Leitung nach Belgien zur dortigen Vermarktung von Braunkohlestrom zu bauen“, teilt das NRW-Wirtschaftsministerium mit. Und: „Umgekehrt ist Amprion als Netzbetreiber gesetzlich verpflichtet, jeglichen Strom diskriminierungsfrei aufzunehmen und zu transportieren, auch den von RWE.“

Und was ist mit Atomstrom?

Die belgischen Meiler in Tihange und Doel stehen zwar wegen ihrer Sicherheitsprobleme in der Kritik. Doch Atomstrom wird durch die Kabel fließen – und das in beide Richtungen. In Belgien wurde beschlossen, die Kernkraftwerke ab 2015 bis 2025 abzuschalten, in Deutschland lautet das Zieldatum 2022. Mit Kohle- und Atomstrom kann auch der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne) leben – zumindest notgedrungen. „Der Ausbau der Stromnetze und der erneuerbaren Energien hängen zusammen. Je größer die Vernetzung ist, desto sicherer ist das Netz. Daher ist die Trasse wichtig“, sagt er. „Rein ,grüner‘ Strom wird über die Leitung erst dann fließen, wenn nur noch grüner Strom erzeugt wird, und zwar europaweit“, heißt es aus dem NRW-Wirtschaftsministerium.

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