Advents-Philosophie: „Wir wollen an dem Spiel teilhaben“

Von: Andrea Zuleger
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Wie ist das mit dieser Ruhelosigkeit? Im dritten Teil unserer vierteiligen Advents-Reihe mit dem Aachener Philosophen Jürgen Kippenhan geht es um den Begriff Hektik. Fotos: stock/Imagebroker
 Jürgen Kippenhan.
Der Aachener Philosoph Jürgen Kippenhan.

Region. Menschen hetzen, Menschen eilen. Kurz vor Jahresende wird es vielleicht in Momenten besinnlich, doch die meiste Zeit stürzen Ruhelose durch die Welt, arbeiten Listen ab, die niemals kürzer zu werden scheinen. Vielleicht kann die Philosophie weiterhelfen? Fragen an den Aachener Philosophen Jürgen Kippenhan.

Ist es eine hektische Zeit, oder empfinden wir das nur so?

Kippenhan: Zunächst einmal scheint es ja widersinnig, keine Zeit zu haben. Wir haben davon doch immer gleich viel: 24 Stunden am Tag. Hektik ist nicht erst ein beherrschendes Symptom unserer Zeit: Alle vor uns kannten es schon – irgendwie. Im alten China versuchte man es paradox zu lösen: „Wenn du in Eile bist, dann gehe langsam“ (Laotse). In der vorchristlichen Zeit klang das bei dem griechischen Tragödiendichter Euripides so: „An Menschenhoffnung kehrt die Zeit sich nimmermehr, sie eilt von hinnen, nur bedacht auf ihre Flucht.“ Sein Stück hieß übrigens „Der rasende Herakles“.

Aber es sind sich doch scheinbar alle einig: So schnelllebig war die Zeit noch nie.

Kippenhan: Natürlich gibt es Komponenten in unserer Gegenwart, wie die Informationsflut durch neue Medien, die es in anderen Epochen nicht gab. Aus unserer Sicht erscheint uns die Vergangenheit als verlockend beschaulich. Doch das ist mit einer Distanz betrachtet, die ein Mensch der jeweiligen Zeit nicht hatte. Zu allen Zeiten haben Menschen die Anforderungen der Zeit als übermächtig empfunden. Sie befinden sich in dem immerwährenden Zwiespalt, dass man einerseits die Muße im Leben vermisst, andererseits immer auf dem Laufenden sein möchte. Und dass dabei jedoch die Muße das eigentlich Erstrebenswerte wäre.

Das Wort Entschleunigung steht hoch im Kurs. Meist entschleunigt sich ein Gehetzter nach Monaten im Hamsterrad mit zwei Tagen Klosteraufenthalt. Entkommt man so der Zeitfalle?

Kippenhan: Wahrscheinlich nicht. Man versucht auszubrechen, indem man einen neuen Druck aufbaut, einen Yogakurs besucht oder jetzt immer sorgfältig kocht, statt ein Fertiggericht aufzuwärmen. Man tut dabei so, als gäbe es dabei eine genau markierte Trennungslinie zwischen der hektischen Außenwelt und dem ruhigen Ich. Aber das ist ja ein Denkfehler. Die Außenwelt ist eine Frage des Standpunktes. Für die anderen bin ich die hektische Außenwelt. Sie besteht aus den Mitmenschen, wie ich selbst auch einer bin.

Sie meinen, jeder hat daran Anteil, dass die Welt so aufgeregt ist?

Kippenhan: Natürlich haben sich diese Horizonte erweitert. Mein Großvater lebte auf dem Dorf, hatte kein Auto und fuhr jeden Tag mit der Straßenbahn zur Arbeit. Es klingelten keine Handys, er hatte auch kein Laptop dabei. Er fuhr jeden Tag dieselbe Strecke, und trotzdem hat er seine Außenwelt als hektisch empfunden.

Wir leiden zwar unter unserer Lebensgeschwindigkeit, produzieren sie aber selbst. Was ist das Motiv?

Kippenhan: Wer keine Zeit hat, scheint begehrt zu sein, ist in Schwung, in Bewegung, geht die Dinge aktiv an. Selbst Rentner leiden unter Zeitmangel, weil sie damit dokumentieren, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, gebraucht zu werden. Schon Nietzsche bedauert das „rasend-unbedachte Zersplittern und Zerfasern aller Fundamente“ und ahnte, dass es ins Ungute läuft: „Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Ruhelosen mehr gegolten.“

Das hört sich aber doch an, als hätte sich die Zeit im Vergleich zu anderen Epochen beschleunigt…

Kippenhan: Was man heute als Hektik erfährt, hat seinen Sitz tief im Fleisch der Neuzeit. Die neue Zeit hat rückblickend schon in jenen Tagen angefangen, als Columbus aus der alten Welt aufbrach, um eine neue zu suchen. Sie verdankt sich dem Aufbruch und der Unruhe. Und allen Mahnungen zum Trotz ließ sie sich darin nie mehr beschwichtigen. „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran“ heißt es in einem Lied der Fehlfarben aus den 80ern.

Und was ist unsere Rolle in dem Spiel?

Kippenhan: Wir spielen das Spiel mit, bei uns gilt der Hektiker eben mehr als der Lahmarsch. Man packt sich mit Computern und Programmen voll, klickt sich durch Millionen Apps und denkt bei jeder zweiten: „Die könnt ich aber auch gebrauchen.“ In der Umkehrung, wenn irgendetwas lethargisch und entspannt abliefe, würden wir das aber ebenso als bedrohlich empfinden. Als ein Verlust an Macht und an Vitalität. Sich in die Lebenskämpfe hineinzustürzen, ist unser Metier. Wir sind eben keine Faultiere, die am Baum hängen und warten, dass die Zeit rumgeht. Es ist ja auch nicht verwunderlich, dass die Inhaftierung die ultimative Strafe ist, die unsere Gesellschaft verhängt. Im Gefängnis kann man in das Leben nicht mehr eingreifen. Man freut sich ja nicht und sagt: „Prima, dann kann ich endlich mal in Ruhe lesen.“ Wir wollen an dem Spiel teilhaben.

Immer?

Kippenhan: Nein, nicht immer. Ich werde nie vergessen, als ich an einem Morgen als Junge auf dem Schulweg war und an dem Tag eine für mich bedrohliche Klassenarbeit schreiben musste. Ich kam an einer Weide vorbei. Da standen Kühe drauf. Und ich dachte nur: „Die haben’s gut, die stehen da einfach so rum.“

Und da entschieden Sie, Philosoph zu werden? Um mal ein Klischee zu bedienen: Denken ist doch gemütlich, oder?

Kippenhan: (lacht) Ganz und gar nicht. Das ist vielleicht nach außen nicht so sichtbar, aber ich empfinde die Gedanken nicht als langsam. Ganz im Gegenteil: In den Gedanken liegt auch Ruhelosigkeit. Sie rotieren, kreisen, beißen sich fest...

Sehen Sie Chancen, das Karussell zu stoppen?

Kippenhan: Stoppen kann man es nicht. Wir sind Mitspieler in einem Spiel, dessen grundsätzliche Regeln wir nicht bestimmen. Aber manchmal kann sich der Mitspieler eine Spielunterbrechung nehmen. Stellen Sie sich vor, Sie sind auf dem Weg zum Bahnhof und merken, dass es knapp wird. Sie können losrennen. Oder Sie denken sich: „Ich gehe jetzt langsam; entweder hat der Zug Verspätung, oder ich verpasse ihn und schaue dann, wie ich weiterkomme. Meist sind die Konsequenzen gar nicht so weitreichend, wie wir im Vorhinein denken. Diese Art, das Spiel zu unterbrechen, ist auch eine Chance.

Der Mensch ist auf nichts so sehr festgelegt wie auf seine Zeit. Sie läuft unwiderruflich ab. Wie kann man sich diesem Druck entziehen?

Kippenhan: So paradox das ist: Um Zeit zu gewinnen, müssen wir sie vergessen. Wir müssen die getriebenen Zeitabläufe des modernen Alltags ein Stück hinter uns lassen. Der griechische Philosoph Heraklit hat vor langer Zeit die Welt beeindruckt, indem er ihr Grundprinzip nannte: „Panta rhei – Alles fließt.“ Es heißt nicht: „Alles rennt.“

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