Advents-Philosophie: Vorfreude setzt positive Energie frei

Von: Andrea Zuleger
Letzte Aktualisierung:
 Jürgen Kippenhan.
Der Aachener Philosoph Jürgen Kippenhan.

Aachen. Kinder werden kribbelig, Eltern nervös. Manche lesen nur noch Kochbücher, andere sind im Geschenkerausch. All das gehört irgendwie auch zur jetzt beginnenden Adventszeit. Unter dem Obertitel „Advents-Philosophie“ konfrontieren wir den Aachener Philosophen Jürgen Kippenhan an den vier Adventswochenenden mit vier Begriffen, die in der Adventszeit eine Rolle spielen. Zum Start geht es heute um die Vorfreude.

2009 hat Jürgen Kippenhan in Aachen ein privates Institut zum Philosophieren gegründet: Logoi. Frei übersetzt bedeutet das Sinn oder auch Vernunft. „Philosophie hat einen tiefen Bezug zum Leben der Menschen, aber meist bleibt es beim akademischen Diskurs an der Hochschule. Wir wollten Philosophie stärker in die Gesellschaft bringen“, sagt Kippenhan.

Dabei zeigen philosophische Formate in den Medien und auch die zahlreichen alltagsphilosophischen Buchtitel von Richard David Precht und anderen, dass das Philosophieren unter Laien immer beliebter ist. Und auch das spüren Jürgen Kippenhan und die Mitarbeiter im Logoi, denn zu den regelmäßigen Veranstaltungen besuchen immer mehr Menschen die Räume des Instituts: „Es könnte eine Reaktion auf die permanente Überschüttung mit Informationen sein. Es gibt ein Bedürfnis, Gedanken einfach mal in Ruhe zu Ende zu denken“, glaubt Kippenhan. Und er fügt hinzu: „Philosophie ist eine Art Freiheit, Gedanken in die Tiefe zu denken.“

Dabei kann Philosophie, die Liebe zur Weisheit, wie es wörtlich übersetzt heißt, sich auch auf ganz alltägliche Handlungen, Gefühle oder Phänomene beziehen. Fragen an ihn zum Thema Vorfreude:

Was bedeutet Vorfreude?

Kippenhan: An dem Begriff der Vorfreude wird deutlich, wie sehr unsere Gefühle nicht nur aktuell sind, sondern auch eine Gemengelage aus Dingen, die wir für die Zukunft erwarten. Aber im Gegensatz zur Freude ist die Vorfreude nicht an das Ereignis gekoppelt. Selbst wenn das Erwartete dann doch nicht eintritt, hatte man die Vorfreude bereits.

Der eigentliche Unterschied zur Freude ist ja bei der Vorfreude die intellektuelle Leistung. Wir freuen uns über etwas, was in unserem Kopf stattfindet. Gehören zur Vorfreude also Verstand und Fantasie?

Kippenhan: Auf jeden Fall. Vorfreude ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die uns auch vom Tier unterscheidet. Das Tier ist an die Unmittelbarkeit des Augenblicks gebunden. Ein Hund wedelt mit dem Schwanz, weil er sich auf den bevorstehenden Spaziergang oder den bald gefüllten Futternapf freut, aber er wird sich nicht auf die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr oder den nächs- ten Urlaub freuen. Diese Art Vorfreude hat nur der Mensch, weil sein Leben zu jedem Augenblick auch durch das angereichert ist, was er im Leben erwartet.

Damit wird der Vorschlag zahlreicher Ratgeber, im Augenblick, im Hier und Jetzt zu leben, ein bisschen fragwürdig, oder?

Kippenhan: Man kann sich nicht ganz von der Zukunft oder der Vergangenheit lösen. Auch wenn es durchaus schön ist, wenn man einen Augenblick unabhängig von der Zukunft genießen kann: Ein absolutes Leben im Augenblick ist Illusion.Bei allem, was der Mensch tut und entscheidet, weiß er doch immer, dass er das rückblickend mal als sein Leben betrachten wird, dass das der rote Faden sein wird, der sein Leben ausmacht. Es ist ja auch ein großer Vorteil, dass der Mensch sich aus dem unmittelbaren Erleben lösen kann und vorausblickt. Bei Heidegger zum Beispiel taucht dieses Gebundensein an die Zukunft aber durchaus in seinem negativen Sinn auf.

Vorfreude ins Negative verkehrt?

Kippenhan: Vorfreude ist ja nur die positive Seite von Befürchtung oder Sorge. Im Wesentlichen ist der Mensch von der Sorge um seine Existenz angetrieben. Das heißt, er sorgt sich permanent um Dinge, die in der Zukunft passieren könnten. Als Sorgende haben wir eher im Blick, was alles schiefgehen könnte, als das, was alles gut läuft.

Und was ist daraus die Konsequenz?

Kippenhan: Krankenkassenbeiträge, Rentenkassenbeiträge, Versicherungspolicen (lacht). Die ganze Vorsorge betreiben wir nur mit so viel Aufwand, weil wir viele Befürchtungen für die Zukunft haben. Und weil wir relativ sicher sind, dass diese Befürchtungen auch eintreten werden. Interessant ist übrigens, dass diese Sorge bei den nördlicheren Völkern stärker verbreitet ist als beispielsweise in Brasilien. Je nördlicher wir kommen, je länger der Winter dauert, desto verinnerlichter ist die Notwendigkeit, Vorsorge zu treffen für die kalte, dunkle Zeit. Etwas, was gut ist, bemerken wir ja nicht unbedingt. Wir wachen ja nicht mit dem Gedanken auf: „Oh prima, kein Zahn tut weh.“

Aber wir wollten eigentlich über die Vorfreude und nicht über ihre negative Schwester, die Sorge, sprechen...

Kippenhan: Die beiden gehören aber unbedingt zusammen. Bei den meisten Menschen überwiegt die Sorge gegenüber der Vorfreude. Stellen Sie sich vor, Sie gehen eine Straße entlang, ein paar hundert Meter nur. Es wird Ihnen wahrscheinlich nicht gelingen, dabei keinen einzigen sorgenden Gedanken zu haben. Ständig ist der Mensch von Sorge umgetrieben. Man fragt sich: „Klappt das morgen, komme ich rechtzeitig irgendwo an, kann ich mich darauf verlassen?“ Oder nehmen Sie unsere Lust an Kriminalfällen. Das Böse bricht dort in die kleine, heile Welt ein. Weil die Täter in der Regel zum Schluss geschnappt werden, wird die Ordnung dann wiederhergestellt. Aber die Vorstellung, dass jede Art der Normalität brüchig ist, ist sozusagen die Hintergrundnervosität unseres Daseins. Gegen diese dauernden Befürchtungen hat die Vorfreude eine Art Entlastungsfunktion.

Inwiefern?

Kippenhan: Die Vorfreude ist eine Strategie, den Befürchtungen, Sorgen etwas Positives entgegenzusetzen. Wir brechen für die Momente der Vorfreude aus unserem sorgenbehafteten Leben aus. Gönnen uns eine Pause davon. Nach dem Motto: „Ganz gleich, was bis dahin ist, ich freue mich jetzt einfach mal auf den Urlaub, ein Konzert, ein Abendessen mit Freunden.“ Außerdem verlängern wir die Freude, indem wir das Ereignis im Kopf schon einmal vorinszenieren.

Und kann Vorfreude auch helfen, den Alltag zu bewältigen?

Kippenhan: Ganz sicher. Sie befähigt uns, Dinge zu tun, die wir ansonsten als Stress empfinden würden. Ein Beispiel: Sie denken an Weihnachten und denken zuerst nur, was Sie noch alles nicht gemacht haben. Sie haben noch keine Geschenke, keine Idee für ein Essen und so weiter. Wenn Sie dann aber denken: „Am 24. Dezember werden wir einen schönen Abend in schöner Stimmung verleben“, dann setzt das positive Energie frei. Die kann man auch ganz konkret dazu benutzen, Einkäufe zu machen oder das Essen vorzubereiten. Es holt Sie aus dieser etwas grauen Alltagsstimmung heraus und bringt Sie in die Vorfreude. Ich würde sogar behaupten, dass diese Fähigkeit, die Stimmungslagen zu variieren, für ein Leben wichtiger ist, als sich große Ziele zu setzen.

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