Aachen - Achtung, Herr Professor! Die Kamera läuft jetzt

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Achtung, Herr Professor! Die Kamera läuft jetzt

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:
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Kamera läuft: So sieht es aus, wenn Frank Piller in einem Videomodul über Wirtschaftswissenschaften spricht.
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Nach dem Video ist vor der eigentlichen Vorlesung, deren Besuch aber keine Pflicht mehr ist. Und wider erwartend ist Frank Piller dennoch immer in bester Gesellschaft, um Themen nachzubereiten.

Aachen. So sieht es aus, wenn der Professor auf Hausbesuch ist. Der Student sitzt in der WG auf dem Sofa, bei seinen Eltern am Küchentisch oder im Café und sieht und hört seinen Professor, die Tücken der Betriebswirtschaftslehre erläutern – auf dem Bildschirm des Laptops oder dem Display des Smartphones.

Idealerweise, findet Marcus Gerards, hat er dabei das Gefühl, die Vorlesung würde gerade nur für ihn gehalten. Und im Hintergrund zischt der Milchschäumer des Kaffeeautomaten.

Um solche Vorlesungen zu halten und den sogenannten Flipped Classroom an der RWTH Aachen mit Leben zu füllen, mussten vor den Studenten die Dozenten lernen. Auch erfahrene Professoren wie Malte Brettel und Frank Piller betraten Neuland, als sie erstmals im kleinen Studio der Wirtschaftswissenschaften vor der Kamera saßen.

Gut, dass da diese Hinweisschilder hingen: „Enthusiatisch“ war als Aufforderung auf einem zu lesen. Am wichtigsten war aber etwas anders: Authentisch sollten die Professoren rüberkommen. Darauf legt der verantwortliche Mann hinter der Kamera großen Wert: der eLearning-Koordinator der Wirtschaftswissenschaften Marcus Gerards gibt der Lehre der Zukunft so ihr Gesicht – oder besser: ihre Gesichter. Diese Zukunft hat begonnen.

Die Khan Academy

Frank Piller, Professor für Technologie und Innovationsmanagement, war es, der im Wintersemester 2012/2013 für seine Einführung in die Betriebswirtschaftslehre erstmals vor der Kamera stand. Inspiriert hatte ihn die Khan Academy des amerikanischen Pädagogen Salman Khan, der im Internet 4000 Lehrfilme aus Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und Wirtschaft bereitstellt. Angefangen hatte er, in dem er über Skype (Internetvideotelefonie) Nachhilfe gab. Mittlerweile ist er Millionär. Die Idee hat sich ausgezahlt.

Bereichernd war die Idee dann auch bald für die Wirtschaftswissenschaftler der RWTH. Die Videos – eine fünf bis zehn Minuten lange Wissenseinheit – haben sich etabliert, die Studenten rufen sie ab (auch im Café), kommen dann in die Vorlesung, wo der Stoff nachbereitet wird – und nicht bloß wiederholt. Sonst würden die Studenten wohl nur das eine oder andere nutzen.

Der Besuch der Vorlesung längst keine Pflicht mehr ist. Dennoch kommen die Studenten in Scharen, der Schwund im Laufe des Semesters ist nicht größer wie in herkömmlichen Veranstaltungen. Das Konzept geht also auf. Und was heißt hier noch Vorlesung? Das Konzept des Flipped Classrooms gibt den Lehrenden die Chance, die Vorlesungszeit anders zu nutzen. Um Fragestellungen zu vertiefen, um Aufgaben zu lösen, um Probleme der Studenten aufzugreifen. Gemeinsam.

Sehr professionell wirken die Beiträge im Netz. Auf eine Minute Video kommen zehn Minuten Produktionszeit. Was ein Professor auf seinem Tabletcomputer schreibt, wird direkt im Videobild eingeblendet. Und immer mehr Dozenten machen mit. Auch andere Lehrstühle melden Interesse an.

Begonnen hat die Entwicklung der digitalisierten Lehre schon sehr viel früher. Seit 2006/2007 läuft Dynexite, eine virtuelle Umgebung, in der die Studierenden Aufgaben finden – und ganz reale Lösungen suchen müssen. Sie konnten so ihre Noten verbessern. Die Aufgaben im Netz sollten dazu führen, dass sich die Studenten kontinuierlich mit einem Thema auseinanderzusetzen und eben nicht den gesamten Stoff vor einer Klausur in einem Kraftakt lernen – um ihn nach der Prüfung wieder zu vergessen. Die Aussicht auf die bessere Note war die Möhre, die den Studenten vor die Nase gehalten wurde. Und Gerards hatte damit den richtigen Riecher: „Das übergreifende Ziel ist es, vom diskontinuierlichen Lernen zum kontinuierlichen Lernen zu kommen.“ Die Studenten bissen an.

Didaktische Steinzeit

Die didaktische Steinzeit mit Tafel, Kreise und kopierten Manuskripten hat bis ins 21. Jahrhundert gedauert – und es gibt mit Sicherheit noch Vorlesungssäle, in der sie immer noch fortgeschrieben wird. Doch die technischen Möglichkeiten sind mittlerweile so unendlich groß und gleichzeitig fest im Alltag der Studenten verankert, dass es fahrlässig wäre, sie in der Lehre einer Hochschule komplett zu ignorieren. Gerards und sein Team verstehen sich dabei als wissenschaftlich-didaktische Dienstleister der Wirtschaftswissenschaften.

Es gibt Vorlesungen, die ganz simpel abgefilmt werden, es gibt Folgen von Folien mit dem Kommentar einer Dozentin, es gibt die Videos der Wirtschaftswissenschaftler, die auch mal außerhalb des Studios gedreht werden, und es gibt dann noch die Geschichte mit den Planspielen, die Lehre erlebbar machen. Gerards nennt sie den Treiber der BWL-Vorlesung. Während des Semesters führen die Studenten der Wirtschaftswissenschaften seit Sommer 2013 eine virtuelle Autofabrik. Wenn sie gut wirtschaften, fließt das in die Note mit ein. Wer nicht spielt, verpasst Aufträge, die die Bilanz verbessern.

Die Idee ist nicht neu, schon andere RWTH-Lehrstühle haben solche Planspiele entwickelt. Die Ergebnisse sind überall vor allem eines: positiv. Neben dem Spaß steht nämlich ein gewaltiger Lerneffekt. Wer in den Wirtschaftswissenschaften gut abschneiden will, muss die Videos schauen, dort liegt das notwendige Wissen. Fragen bekommt er in der Vorlesung beantwortet. Alles greift ineinander. „Das Planspiel ist ein gutes Instrument, um moderne Lehre voranzubringen“, sagt Gerards. Es ist kein Computerspiel, sondern eine Prüfung, die das ganze Semester über andauert.

Die Rede ist an dieser Stelle auch von „Blended Learning“-Formaten, bei Vorlesungen auch von MOOC-Elementen. Das steht für Massive Open Online Courses, also (Massen-)Lehrangebote im Internet. Solche will die RWTH in Zukunft verstärkt anbieten. Dafür investiert sie Millionen. Für Gerards ist es mehr als ein Hype. Es ist eine globale Entwicklung, in den USA hat sie vor Jahren eingesetzt. „Es ist aber schon fraglich, ob es in Deutschland einen ähnlichen Markt gibt“, sagt Gerards. Fest steht aber: Lehre steht im Wandel.

Karl aus Würzburg

Auf www.iversity.org wird deutlich, wie viel Potenzial in dieser Lehrform stecken. Hier kann jeder online Vorlesungsmodule schauen – unter anderem die RWTH-Vorlesungen von Malte Brettel und Frank Piller. Brettel zählt 2400 Zuschauer, Piller rund 10.000. Besonders beliebt auf Iversity ist eine Vorlesung über Karl den Großen. Die Vorlesung kommt aber nicht aus dem Karlsjahr feiernden Aachen sondern aus Würzburg. Die Module auf Iversity sind meist kostenlos. Wer aber am RWTH-Planspiel teilhaben will, muss dafür zahlen. „So kann Lehre eines Tages auch zu einem Geschäftsmodell werden“, sagt Gerards. Solche Worte lassen Hochschulen aufhorchen. Zumindest diskutiert werden muss dieser Markt. Die Technik darf ihm nicht davonlaufen.

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