Abwrackprämie: Fährt Autobranche an die Wand?

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
Autorecyclinghof Abwrackprämie Konjunktur
Zwei Männer gehen auf dem Autorecyclinghof Kiesow in Norderstedt an den aufeinander gestapelten ausgedienten Fahrzeugen vorbei. Foto: dpa

Aachen. Das Thema lädt zu bildgewaltiger Sprache ein: Wer redet Blech? Wer startet mit Vollgas ins Geschäftsjahr 2010? Oder anders gefragt: Wen rädert die Absatzkrise? Und wer fährt seinen Betrieb nach der Abwrackprämie an die Wand?

Nach einer Studie der FH Aachen, die dazu reihenweise Autohändler in der Region befragte, rechnet die regionale Automobilwirtschaft mit Absatzeinbrüchen zwischen 20 und 50 Prozent bei Neuwagen. Und: „Die Entwicklung bei den Gebrauchtwagenhändlern in Raum Aachen zeigt, dass während der Zeit der Abwrackprämie bei den meisten eine deutlich rückläufige Geschäftsentwicklung zu verzeichnen war”, erläutert Professor Albert Mayer, der die Untersuchung im Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule initiierte. Für das Jahr 2010 rechnet man mit einem Einbruch von 20 bis 50 Prozent beim Verkauf von Secondhand-Karossen. Insbesondere Gebrauchtwagenhändler, die sich auf Klein- und Kompaktwagen spezialisiert haben, beklagen schmerzhafte Rückgänge.

Nicht ganz so pessimistisch fasst Professor Mayer die Antworten der freien, also nicht markengebundenen Reparaturbetriebe zusammen: „Mit Aussagen wie „eine leichte Verbesserung, denn schlechter kann es nicht werden”, „bestenfalls eine Entwicklung auf dem Niveau von 2009” und „Rückgänge zwischen 10 und 20 Prozent” seien alle Erwartungshaltungen vertreten, erläutert Mayer. Auffällig ist hier: Werkstätten, die vornehmlich Fahrzeuge der Mittelklasse warten und reparieren, sind von der andauernden Krise am wenigsten betroffen.

Wohin steuert die Branche? Zukunftssorgen begegnet die Automobilwirtschaft in der Aachener Region teils durchaus anders, als es der Bundestrend vermuten lässt. Nach der jüngsten Prognose des von vielen Medien als Top-Experten gehandelten Duisburger Professors Ferdinand Dudenhöffer rollt jedenfalls eine Entlassungswelle auf die deutsche Autoindustrie zu. 50.000 von 700.000 Arbeitsplätzen bei Automobilherstellern und Zulieferern müssten wegfallen, um Überkapazitäten abzubauen, rechnet er vor. Dudenhöffer erwartet einen dramatischen Absatzeinbruch um knapp 26 Prozent - von 3,8 Millionen Fahrzeugen 2009 auf 2,83 Millionen Autos in diesem Jahr.

„Reine Spekulation!”

„Alles reine Spekulation!”, winkt Esko Thüllen ab. „In der Branche genießt Dudenhöffer seit Jahren einen schlechten Ruf, weil er nirgendwo darlegt, auf welchen Zahlen seine Prognosen fußen”, sagt der Geschäftsführer. Sein Autohaus verkauft in Aachen Modelle der Marken Opel, Peugeot, Hyundai und Chevrolet. Und Thüllen betont: „Jeder Vergleich mit 2009 führt in die Irre. Das war wegen der Abwrackprämie ein absolutes Ausnahmejahr. Sinnvoll ist ein Vergleich mit 2008. Und hier rechnen wir im Vergleich zum Vorjahr mit einem Minus von etwa zehn Prozent”, erklärt Thüllen. „Das ist natürlich nicht angenehm, aber weit von einem Debakel entfernt.”

Von einem Horror-Szenario, wie von Dudenhöffer befürchtet, will auch Günter Jacobs nicht wissen. In den Autohäusern der Jacobs-Gruppe warten im Westzipfel die Marken VW, Audi, Lexus, Toyota, Daihatsu und Skoda auf Kunden. Und dies offenbar sehr erfolgreich: „Im Januar 2010 waren die Auftragseingänge bei unserer Marke Volkswagen deutlich besser als in 2008, einem sogenannten Normaljahr. Die Zulassungen im VW-Bereich lagen erfreulicherweise sogar über den Zahlen 2009”, erklärt Jacobs.

Gebrauchte noch gefragt

Auch das Gebrauchtwagengeschäft sei im Januar sehr gut angelaufen, so dass man bereits wieder Gebrauchtwagen ankaufe. Jacobs bringt die Erwartung auf den Punkt: „Wir gehen davon aus, dass das Jahr 2010 für unsere Firmengruppe eine ähnliche Entwicklung nehmen wird wie 2008. Auch wenn wir nicht unbedingt an die durch die Abwrackprämie extrem guten Absatzzahlen in 2009 herankommen können”. Es gebe hier durchaus positive Signale: „Bei der Marke Audi lag der Auftragseingang - durch eine erfreuliche Entwicklung im Firmen- und Großkundenbereich - leicht über unseren Erwartungen”, sagte der erfahrene Händler.

Mercedes erwartet Plus

Auf die Rückkehr potenter Firmenkunden setzt auch die Marke mit dem Stern. „Mercedes gehört zur Oberklasse, wir sind eine Premium-Marke. Wenn das Firmengeschäft unseren Erwartungen entsprechend anläuft, dürfen wir im Vergleich zu 2008 am Ende des Jahres 2010 mit einem Plus von drei bis vier Prozent rechnen”, sagte der Direktor der Aachener Mercedes-Benz-Niederlassung Matthias Hindemith. Vergangenes Jahr sei immerhin fast jeder zweite Neuwagen vom Staat bezuschusst worden, wovon in erster Linie das Kleinwagen-Segment profitiert habe. Man blicke dennoch vorsichtig optimistisch in die Zukunft, „obwohl nach der Abwrackprämie ein gewaltiger Part aus dem Markt verschwindet”.

Im Kampf um die Abwrackprämie waren die Kleinsten die eindeutigen Gewinner. Laut Kraftfahrtbundesamt waren die „Minis” - wie Fiat Panda und Ford Ka - mit einem Plus von 96,9 Prozent die Spitzenreiter des Jahres 2009. Hingegen gewinnt die Kompakt- und Mittelklasse 31,1 Prozent, während die obere Mittelklasse (minus 15,9 Prozent), die Oberklasse (minus 17,8 Prozent) und die Sportwagen (minus 26 Prozent) zweistellig verlieren. „Außerdem ergibt sich aus der Statistik, dass die ausländischen Marken mit einem Plus von 43,1 Prozent bei den prozentualen Zuwachsraten klar vor den deutschen Marken mit plus 12,7 Prozent liegen”, rechnet Professor Mayer vor.

Bei der nötigen Aufholjagd verlässt sich nach der Erhebung der FH Aachen nunmehr jeder zweite Händler in den kommenden Monaten auf verkaufsunterstützende Maßnahmen durch die Hersteller. Wird weniger verkauft, reagiert der örtlich Autohandel oft zyklisch, das heißt: Er wirbt weniger - im Gegensatz zu den hochprofessionellen Marketing-Abteilungen der großen Hersteller. Diese verstärken Werbung und Verkaufsanreize bei drohenden Nachfragerückgängen.

Immerhin eine Hälfte der hiesigen Autohäuser plant in 2010 eine Verstärkung ihrer eigenen Werbe- und Verkaufsaktivitäten. „Zumindest ein Teil des Aachener Autohandels hat somit erkannt, dass Marketingmaßnahmen der Krise entgegenwirken können”, sagt Professor Mayer. Fokussiert wird die Werbung laut FH-Studie vor allem auf regionale Printmedien. Genauso bildgewaltig wie die Sprache der Autobranche.

Für die Studie „Die wirtschaftlichen Effekte der Abwrackprämie 2009 - Eine empirische Untersuchung im Wirtschaftsraum Aachen” befragten Teilnehmer eines Marketingseminars unter der Leitung von Professor Albert Mayer am Fachbereich Gestaltung der FH Betriebe in der Region. An der Analyse arbeiteten die Studierenden Christoph Bosler, Jean-Marie Dütz, Sebastian Grasse, Matthias Himmel und Matthias Moll.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert