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Aachener Student rettet Flüchtlinge in Seenot

Von: Christina Handschuhmacher
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Aktuell an Bord der „Seefuchs“ als Seenotretter im Mittelmeer: der Maschinenbau-Student Jens von den Berken. Foto: Michael Jaspers
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Alltag im Mittelmeer: Das Schlauchboot ist so überfüllt, dass selbst auf den Tragflächen Flüchtlinge sitzen. Ihre Beine ragen ins Wasser, die kleinste Welle könnte sie ins Meer fallen lassen. Ein Rettungsboot nähert sich, um Menschen in kritischem Zustand Erste Hilfe zu leisten. Foto: Sea-Eye.org

Aachen. Das billig in China produzierte Schlauchboot ist so voll, dass selbst auf den Rändern Flüchtlinge sitzen. Ihre Beine baumeln an den Seiten des Bootes ins Wasser. Sie tragen keine Rettungswesten. Man kann sich leicht vorstellen, dass es nur eine etwas größere Welle braucht, bis sie den Halt verlieren und von dem völlig überfüllten Boot ins Mittelmeer fallen. Nur die wenigsten von ihnen können schwimmen.

Die Männer, Frauen und Kinder treiben seit Stunden hilflos auf dem Boot. Einige sind dehydriert, andere seekrank oder einfach nur erschöpft. Sie haben Todesangst. Sie haben Hunger. Sie haben Durst.

Es sind Situationen wie diese, die Jens von den Berken derzeit Tag für Tag vor der libyschen Küste erlebt. Seit vergangener Woche ist der RWTH-Student mit der privaten deutschen Seenotrettungsorganisation „Sea-Eye“ im Mittelmeer unterwegs, um an Bord des umgebauten Fischkutters „Seefuchs“ Menschen vor dem Tod im Meer zu retten.

Von den Berken ist 29, studiert Maschinenbau mit Fachrichtung Medizintechnik und steht kurz vor seiner Masterarbeit. Er könnte jetzt auch drei Wochen an irgendeinem Mittelmeerstrand in der Sonne entspannen und Kraft für die letzte Phase seines Studiums tanken. Stattdessen hat er im März entschieden, sich bei der gemeinnützigen Organisation „Sea-Eye“ zu bewerben. Die Zusage kam prompt. Der Aachener buchte einen Flug nach Malta und ist nun für etwa zehn Tage Crew-Mitglied an Bord der „Seefuchs“, dem zweiten Kutter der Organisation „Sea-Eye“, der erst seit wenigen Wochen im Einsatz ist.

Was ihn antreibt? Von den Berken kann und will die dramatische Situation im Mittelmeer nicht einfach so hinnehmen, wie die meisten Menschen das tun, die entweder gleichgültig mit den Schultern zucken und „Ist halt so“ sagen oder wegsehen, weil sie die Bilder nicht ertragen können. „Zu ertrinken ist kein schöner Tod“, sagt von den Berken. Und: „Es gibt außer den privaten Seenotrettungsorganisationen ja niemanden, der die Leute dort rausholt.“ Der 29-Jährige ist davon überzeugt, dass jeder seine Fähigkeiten dort vor Ort einbringen kann, wenn er denn will.

Der Aachener bringt gleich drei Qualifikationen mit, die bei Initiativen wie „Sea-Eye“ besonders gefragt sind: Er hat nach dem Abitur eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert, verfügt also über medizinische Kenntnisse. Er hat einen Seglerschein und deshalb Erfahrung und Wissen im Bereich Nautik. Und aufgrund seines Studiums verfügt er über einen gewissen technischen Background, den er notfalls im Maschinenraum des Schiffs einbringen könnte.

Seine Hauptaufgabe an Bord wird aber wohl eine andere sein: Er wird mit zwei anderen Freiwilligen in den Schlauchbooten sitzen, die zu den Flüchtlingsbooten fahren und die Menschen in Seenot mit Rettungswesten und Trinkwasser versorgen. Eine nicht ganz unkritische Situation. „Wir müssen uns den Booten langsam nähern und Kontakt aufbauen, um zu verhindern, dass auf dem Schiff Panik ausbricht oder alle in eine Richtung drängen.“

Die Versorgung mit Rettungswesten ist eine der Hauptaufgaben der „Sea-Eye“. Der Kutter identifiziert Flüchtlingsboote in Seenot, gibt die Koordinaten an die zentrale Seenotleitzentrale der italienischen Küstenwache in Rom weiter und versorgt die Menschen bis zum Eintreffen größerer Schiffe, die sie an Bord nehmen. Nur medizinische Notfälle werden an Bord der „Sea-Eye“ oder der „Seefuchs“ genommen. Wer noch fit genug ist, bleibt im Schlauchboot, bis das von der Küstenwache angefunkte Schiff da ist. Neben den Besatzungsmitgliedern für das Schlauchboot gehören zu jeder Crew unter anderem ein Kapitän, ein Maschinist, ein Notarzt und zwei Rettungssanitäter.

5568 Menschen hat „Sea-Eye“ allein im Jahr 2016 aus Seenot gerettet. Das ist die Bilanz auf der Habenseite. Doch es gibt eben auch die Zahl der Menschen, für die jede Rettung zu spät kam: 5100 Menschen kamen 2016 bei der Flucht übers Mittelmeer ums Leben, wie die Internationale Organisation für Migration (IOM) errechnet hat. So viele wie noch nie zuvor.

Egal, wie viele Menschenleben sie gerettet haben, nicht jeder findet die Arbeit privater Seenotrettungsorganisationen wie „Sea-Eye“ gut. Immer wieder gibt es Vorwürfe, dass sie mit ihrer Präsenz im Mittelmeer den Schleppern in die Hände spielen. Vorwürfe, die nicht nur von Privatpersonen kommen, sondern auch von ganz offizieller Seite, zuletzt etwa vom Chef der EU-Grenzschutzagentur Frontex. Und in Italien, wo ein Großteil der Mittelmeer-Flüchtlinge erst einmal strandet, reißen die Vorwürfe nicht ab, dass die privaten Seenotrettungsinitiativen mit Schleppern kooperieren oder von ihnen finanziert werden.

Von den Berken kennt die Vorwürfe, die er für haltlos hält. Für ihn sind die Schlepper, „die die Menschen mit falschen Versprechungen auf seeuntüchtige Boote locken und dafür viel Geld kassieren, die Verbrecher“. Zumal, sagt er, hätten wissenschaftliche Studien belegt, dass die Anwesenheit von Seenotrettern kein Auslöser dafür sei, dass sich mehr Menschen auf die gefährliche Flucht über das Meer begeben. Für ihn liegt das Problem in den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Dort müsse man ansetzen und ihnen eine Perspektive bieten.

Wenn man sich mit von den Berken unterhält, bekommt man einen guten Eindruck davon, warum er wohl – abseits der fachlichen Kompetenzen, die er mitbringt – bei der Seenotrettungsmission einen guten Job machen wird: Er ist ruhig, sehr sachlich, pragmatisch. Ein Typ Anpacker, der weiß, worauf er sich da eingelassen hat. Er hat intensiven Kontakt zum „Sea-Eye“-Team gehabt, die verschiedenen Handlungshinweise und Handreichungen der Organisation studiert und Englischvokabeln im Bereich Medizin und Nautik gelernt.

Und natürlich hat er sich auch psychisch auf die Situation vorbereitet. Er weiß, dass er unfassbares Leid sehen wird und unter Umständen erleben wird, wie seine Hilfe zu spät kommt. „Wir werden viel über das reden müssen, was wir dort erleben“, sagt von den Berken. Aber er ist überzeugt davon, dass es auch positive Erlebnisse geben wird. „Etwa wenn man ein Boot mit 160 Menschen erst mit Rettungswesten und Wasser versorgt und dann die Menschen an ein größeres Schiff übergibt, das sie aufnimmt.“ Es sind diese Momente, auf die er sich in den zwei Wochen vor Ort konzentrieren und aus denen er neue Kraft schöpfen will.

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