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Aachener Künstler bringt weltweit größtes Moos-Graffiti an die Wand

Von: Madeleine Gullert
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Aachen. Es ist eine ziemlich klebrige Angelegenheit: Kiloweise stichfesten Joghurt streicht Philipp W., der am liebsten mit seinem Künstlername Se­ñor Schnu angesprochen wird, auf eine Hauswand hinter der Kölner Messe im Stadtteil Deutz. Anschließend pappt er, auf einer Hebebühne stehend, feuchte Moosstücke auf den Joghurtschriftzug.

20 Müllsäcke mit Moos und fünf Tage harte Arbeit später ist auf acht mal acht Metern in leuchtendem Grün zu lesen: „Never give up trying to do what you really want. To be happy“ (Gib niemals auf, das zu tun, was du wirklich willst. Glücklich sein). Es ist wohl das größte Moos-Graffiti, das es bisher gab.

„Ich hatte noch keinen vom Guinnessbuch der Rekorde hier, aber im Netz gibt es kein annähernd so großes Graffiti“, sagt der Aachener Street-Art-Künstler, der sich mit diesem Werk seinen großen Traum erfüllt hat. Ermöglicht hat das ein Getränkehersteller, der Se­ñor Schnu als Sponsor 7000 Euro gab: für die Miete der Wand, einen Beamer zum Projizieren des Logos, für Kreide zum Abmalen, Joghurt, Hebebühne und Mietwagen.

Kein Moos aus dem Wald

Wie genau das Moos an der Wand hält? Da hat der 30-Jährige, der in Monschau-Imgenbroich großgeworden ist, seine ganz eigene Methode entwickelt. „Die habe ich noch nicht bei jemand anderem gesehen.“ Während im Internet andere Moos-Graffiti-Künstler beschreiben, dass sie Joghurt und Moos im Mixer mischen und das Gemisch anschließend mit einem Pinsel wie Farbe auftragen, arbeitet Schnu lieber mit ganzen Moosstücken. Die klebt er auf den Joghurt, der als Nährboden dient. Da sehe man das Ergebnis direkt und nicht erst, wenn das Moos langsam wächst. „Da bin ich zu ungeduldig.“ Die Moosstücke sammelt er in verlassenen, stillgelegten Gebäuden oder Parkhäusern. Da regnet es rein, und überall liegen Moosteppiche. „Ich möchte das Moos nicht aus dem Wald nehmen“, sagt er. Das sei nicht gut für die Natur.

Aber wie kommt man überhaupt auf die Idee, Kunstwerke aus Moos zu machen? Das erklärt Se­ñor Schnu, während er bei einem Freund im Graffiti-Store sitzt. Früher hat Schnu selbst an Hauswände gesprüht, „aber ich wollte keine Sachbeschädigung mehr machen“. Weil er „einfach nicht so begabt ist mit den Dosen“, wie er selbstkritisch sagt. Aber auch, weil er erwischt wurde und eine Strafe über 10.000 Euro zahlen musste. Ein Moos-Graffiti dagegen lässt sich ganz einfach entfernen. „Einmal mit dem Gartenschlauch nass spritzen, und weg ist es.“

Dass die Moos-Graffiti nicht von Dauer sind, stört Schnu nicht. Es könne auf jeden Fall ein Jahr halten, wenn es gut gepflegt werde. Außerdem sei es interessant zu beobachten, wie sich die Farbe des Mooses verändert. „Das ist ein lebendes Kunstwerk“, sagt Se­ñor Schnu.

Der ökologische Aspekt gefällt ihm. Und so passt es, dass Philipps erstes Moos-Graffiti vor fünf Jahren eine Protest-Aktion war – gegen die Kaiserplatz-Galerie, ein Einkaufszentrum das demnächst als Aquis Plaza in Aachen eröffnet. „Grünerleben“ hatte er damals mit Moos geschrieben.

Eine Botschaft hinter der Kunst ist Schnu wichtig. Auch der Spruch in Köln passt zu ihm, findet er. Man solle das tun, was man wirklich will. „Es gibt genug Leute, die sich in irgendwelche Jobs zwängen und nur halb glücklich sind.“

Philipp hat vor sieben Jahren sein Leben neu ordnen müssen. Sein Vater und seine Mutter, die er pflegte, starben innerhalb von acht Monaten an Krebs. Das Elternhaus in der Eifel musste verkauft werden. Schnu ließ alles hinter sich. „Ich habe einen kompletten Neuanfang machen müssen“, sagt er. „Da habe ich eine positive Sache gesucht.“ Gefunden hat er die Kunst. Sie ist eine Art Therapie für ihn. „Natürlich habe ich trotzdem ab und zu meine Abstürze.“

Philipp hat schon Ausbildungen als Fremdsprachenkorrespondent und Hotelfachmann hinter sich – im Fünf-Sterne-Hotel, „da war kein Platz für Trauer“. Jetzt holt er mit 30 Jahren sein Fachabitur nach. Ein paar seiner Mitschüler schauen zwischendurch mal im Graffiti-Laden rein, fragen Schnu betont lässig, was am Wochenende so geht. „Meine Mitschüler sind 17, meine Mathelehrerin ist jünger als ich – na und?“ Immer positiv will er von nun an sein. Entwickelt hat Schnu nach dem Tod seiner Eltern sein Markenzeichen, ein lächelndes Eis am Stiel mit einem Schnurrbart, Schnu eben, in Stickerform. Anfangs hat er mitunter acht Stunden am Tag Se­ñor-Schnu-Sticker gemacht, und sie die halbe Nacht irgendwo in der Stadt aufgeklebt. „Das ist zwar eine Ordnungswidrigkeit, aber man kann die abmachen“, sagt er schnell. Bloß keinen Ärger einhandeln.

Gezeichnet hat Schnu schon immer, auf Schulhefte, auf Blöcke an der Hotelrezeption, und nun will Philipp seine Leidenschaft zum Beruf machen, Logos mit dem Bleistift zeichnen, T-Shirt-Aufdrucke designen, nach dem Abi Kommunikationsdesign studieren. Und wie es sein Moos-Graffiti schon sagt, glücklich sein.

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