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Aachen erwartet 100.000 Pilger zur Heiligtumsfahrt

Von: Peter Pappert
Letzte Aktualisierung:
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Im Zeichen der Pilgerschaft: In Aachen bereitet man sich auf die Heiligtumsfahrt vom 20. bis 29. Juni vor. Foto: Harald Krömer

Aachen. Das Bistum und das Aachener Domkapitel haben sich viel vorgenommen: Sie wollen Gläubige – gleich 100.000 – im eigentlichen Sinne des Wortes bewegen. Sie wollen mit vier alten Stoffreliquien eine sinnliche Beziehung zu Gott ermöglichen. Heiligtumsfahrt heißt das in Aachen alle sieben Jahre.

Im Mittelpunkt stehen dabei die sogenannten Heiligtümer, die während der Wallfahrt vom 20. bis 29. Juni als das Kleid Mariens, die Windel Jesu, das Enthauptungstuch Johannes des Täufers und als das Lendentuch Christi von Gläubigen verehrt werden. 2546 Tage waren sie im kostbaren Marienschrein in der Chorhalle des Domes verborgen; nach dem großen zehntägigen Glaubensfest werden sie darin auch wieder für sieben Jahre verschlossen.

Was hat es mit den Reliquien auf sich? Im Jahr 799 wurden sie von Jerusalem nach Aachen an den Hof Karls des Großen gebracht; soviel steht für das Domkapitel fest – mehr nicht. Die Verantwortlichen am Dom gehen davon aus, dass die Stoffe orientalisch sind. Dass sie aus biblischer Zeit stammen, ist nicht sicher. Die Gretchenfrage schließlich, ob sie das sind, als was sie bezeichnet werden, kann niemand beantworten.

„Auf Tuchfühlung mit Gott“

„Dass sie echt sind, ist mit Sicherheit nicht zu sagen“, meinte Bischof Heinrich Mussinghoff am Mittwoch bei der offiziellen Vorstellung des Wallfahrtsprogramms. Daran bemesse sich aber auch nicht die Bedeutung der Heiligtümer. Wissenschaftliche Beweise spielen für den Bischof und das Domkapitel keine Rolle. „Die Wirklichkeit ist größer als das, was die Naturwissenschaften uns zu sagen haben“, lautet die selbstbewusste Haltung des Bischofs. Keine Untersuchung, keine Überlieferung führe „zu dem Beweis: In diese Windel hat Jesus rein gemacht.“

„Diese alten Stoffe sind immer verehrt worden; man kann sie sehen und fühlen. Das ist wichtig für die Menschen“, sagt Mussinghoff. Im unsichtbaren Gott des christlichen Glaubens sieht der Bischof eine Herausforderung für jeden Christen und erinnert an die Aussage seines Amtsvorgängers Klaus Hemmerle, der in der Heiligtumsfahrt die Chance sah, „auf Tuchfühlung mit Gott zu gehen“.

„Glaube in Bewegung“ lautet das Motto der Heiligtumsfahrt, das der Bischof mit spürbarer Sympathie sofort in eine weltkirchliche Perspektive rückt: „Wir freuen uns, dass Papst Franziskus Bewegung in die Kirche bringt.“ Die Aachener Pilgerfahrt bewegt aber offensichtlich nicht nur Katholiken. Nach Aussage von Domkapitular Rolf-Peter Cremer akzeptiert mittlerweile sogar die evangelische Kirche die Reliquien als „Zeichen der Menschwerdung“. Während der Heiligtumsfahrt gibt es mehrere ökumenische Gottesdienste und in der evangelischen Annakirche im Stadtzentrum Bibelarbeit.

Im Zentrum der Wallfahrt werden die Pilgermessen mit Zeigung der Heiligtümer stehen: ab 21. Juni täglich um 8, 11 und 18 Uhr im Dom beziehungsweise auf dem Katschhof. In den Zeiten dazwischen werden die vier Reliquien im Dom ausgestellt und können dort verehrt oder besichtigt werden. Dabei steht der Dom ausdrücklich nicht nur Pilgern, sondern auch Passanten und Touristen offen.

Um dieses eigentliche Zentrum des Geschehens ranken sich zahlreiche Gottesdienste – unter anderem für Kranke am 21., 24., 26. und 28. Juni jeweils um 15 Uhr in der Kirche St. Paul (Jakobstraße) – und viele kulturelle Veranstaltungen (Konzerte, Kino, Theater, Ausstellungen). Alle Informationen gibt es im Pilgerbüro (Johannes-Paul-II-Straße), telefonisch unter 0241/452884 oder im Internet unter www.heiligtumsfahrt2014.de. Allein zur „Nacht der Jugend“ vom 28. auf den 29. Juni haben sich bereits über 900 junge Leute angemeldet – zu Konzert, Lichterzug und frühmorgendlichem Gottesdienst im Dom.

Übertreibt es die katholische Kirche mit ihrer Reliquienverehrung? Übernimmt sie sich damit im 21. Jahrhundert? Oder liegt in einer solchen sinnlichen Glaubenspraxis gerade eine Chance, Menschen die Essentials, die Ursprünge des Glaubens zu vermitteln?

Einladung zur Diskussion

Um über diese und andere Fragen zu diskutieren, lädt unsere Zeitung zu einem öffentlichen Forum für Donnerstag, 5. Juni, um 19 Uhr ein in das Forum M der Mayerschen Buchhandlung (Aachen, Buchkremerstraße 1). Neben Bischof Mussinghoff und Domkapitular Cremer, der für die Pilgerangebote verantwortlich ist, werden daran teilnehmen der Arzt, Theologe und Buchautor Manfred Lütz sowie die Kommunikationswissenschaftlerin Lidia Aouba.

Um Anmeldung bitten wir unter Telefon 0241/5101346 (montags bis freitags 10-17 Uhr) oder per Mail an: forum@zeitungsverlag-aachen.de.

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