90–60–90: Müll nach Maß, der in der Tonne landet

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Der Autor aus Köln: Valentin Thurn drehte im Themenbereich Lebensmittelverschwendung die Filme „Taste The Waste“, „Frisch auf den Müll“ und „Die Essensretter“.
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Interview bei „Thurnfilm“ in Köln: Autor Valentin Thurn mit Studentinnen des FH-Studiengangs „Communication and Multimedia Design“.

Köln. Saftige Tomaten, knackige Karotten, schmackhaftes Rinderfilet oder feinste Pralinen: All diese Köstlichkeiten landen schonungslos im Müll. Täglich. So wird fast jeder zweite Salatkopf bereits bei der Ernte aussortiert.

Die Modelrichtlinien für Obst und Gemüse sind zahlreich. Faktoren wie Größe, Länge, Durchmesser, Form, Gewicht, Krümmung, Färbung, Glätte und sogar Prallheitsgrad sind entscheidend. Aufgrund solcher EU-Normen, sogenannter Vermarktungsnormen muss ein Apfel zum Beispiel mindestens 90 Gramm wiegen und 60 Millimeter Durchmesser haben.

Doch selbst dieser harte Schönheitswettbewerb garantiert es nicht, dass die Lebensmittel auch tatsächlich auf dem Mittagstisch des Verbrauchers landen.Einerseits kommt dies dem Hersteller zugute, indem es die Verpackungs- und Transportkosten minimiert, andererseits erfüllt es das Schönheitsideal des Verbrauchers. Es wurden zwar bereits einige Normen abgeschafft, jedoch blieb der große Nutzen aus, da sich die Supermärkte davor fürchten, alleiniger Anbieter von krummen Obst und Gemüse zu sein. Insgesamt landet Schätzungen zufolge die Hälfte aller Lebensmittel in Deutschlands Tonnen – wir essen also genauso viel wie wir wegschmeißen.

 


 

Wer sind die Übeltäter dieser enormen Verschwendung und was sind ihre Folgen? Die FH-Studentinnen Cornelia Bollig, Britta Ehlert, Jessica Felkner, Laura Laermann, Lara Nüßler, Simone Schümmer und Jenny Zimmermann sprachen darüber jetzt in Köln mit dem renommierten Dokumentarfilmer Valentin Thurn, der seit Jahren leidenschaftlich gegen die Lebensmittelverschwendung kämpft.

Bekannt geworden ist Thurn durch den mehrmals ausgezeichneten Dokumentarfilm „Taste the Waste“ (2011), der für große Diskussionen sorgte, gilt er doch als einer der Vorreiter zu diesem Thema und brachte es als einer der Ersten an die breite Öffentlichkeit.

Herr Thurn, wer ist der Hauptverursacher der Lebensmittelverschwendung?

Thurn: Es gibt keinen einzelnen Bösewicht, sondern es ist leider über die gesamte Produktionskette verteilt, sodass es eine geteilte Verantwortung gibt. Mich hat es aber sehr geärgert, dass unsere Bundesernährungsministerin Ilse Aigner eine Studie in Auftrag gegeben hat, in der sie den Verbraucher als Schuldigen in den Mittelpunkt stellt. Es handelt sich jedoch eher um ein Geflecht von Handel, Industrie, Wirtschaft, Politik und dem Verbraucher selbst.

Was würden Sie denn explizit verändern, wenn Sie in der Position Ilse Aigners stünden?

Thurn: Ich fand wirklich gut, was die Engländer gemacht haben. Die haben Industrieunternehmen an einen Tisch gebracht und gesagt: Wir verhandeln jetzt über eine Zielvorgabe und das haben sie auch getan. Unter sanftem Druck haben sie in zwei Jahren den Food-Waste sowie den Verpackungsmüll um fünf Prozent vermindert. Dabei muss man aber auch berücksichtigen, dass die Zahlen in allen anderen Ländern steigen.

Ist das Mindesthaltbarkeitsdatum überhaupt noch richtungsgebend, wenn es vom Hersteller selbst bestimmt wird?

Thurn: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Mindesthaltbarkeitsdatum und dem Verbrauchsdatum. Letzteres ist mit einer Gesundheitsgefahr verbunden. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist hingegen nicht mehr, als ein Güteversprechen von Seiten des Betriebes. Ein weiteres Problem besteht darin, dass dies bei vielen Produkten keinen Sinn macht. Salz ist auch nach Jahren noch zum Verzehr geeignet. Und dies ist nur ein Beispiel von vielen. Gerade die Jüngeren nehmen das Mindesthaltbarkeitsdatum sehr wörtlich. Anders als beispielsweise Menschen, die der Kriegs- oder unmittelbaren Nachkriegsgeneration angehören. Die riechen an einem Joghurt, bevor sie die Entscheidung treffen, ihn wegzuschmeißen oder nicht.

Warum erfahren Lebensmittel eine immer geringere Wertschätzung?

Thurn: Es gibt nur eine Minderheit der Kunden, bei denen Qualität tatsächlich eine große Rolle spielt. Ich fürchte, Lebensmittel sind einfach zu billig. Wir haben noch nie so wenig, durchschnittlich nur elf Prozent, unseres Einkommens für Nahrung ausgegeben wie heute. Aber es hat auch etwas mit Kompetenzen zu tun. Wenn man lange in der Stadt lebt und das über mehrere Generationen, hat man oft an Kenntnissen verloren und kann nicht einschätzen, was gut ist und was nicht. Dann weiß man unter Umständen nicht, dass ein Apfel genauso gut schmeckt, wenn er ein paar natürliche braune Stellen hat.

Wieso ist es dann üblich, dass sich Obst und Gemüse einem aufwendigen Schönheitswettbewerb unterziehen müssen?

Thurn: Die Verbraucher sind es gewohnt, dass perfekte und makellose Lebensmittel in den Regalen landen. Dabei gerät in Vergessenheit, dass es sich bei einem Apfel, um ein natürliches Produkt handelt, das im Normalfall nicht maschinell hergestellt wird. Damit sich krummes Gemüse verkaufen lässt, müssen Hersteller, Supermärkte und Verbraucher an einem Strang ziehen. Denn der Verbraucher hat beim Einkaufen im herkömmlichen Supermarkt gar nicht die Wahl, herzförmige Kartoffeln oder andere von der Norm abweichende Lebensmittel zu kaufen. Diese wurden bereits auf dem Feld aussortiert und unbeachtet liegen gelassen. Hinzu kommt, dass die Kunden der Bäckereien und Supermärkte kurz vor Ladenschluss noch gefüllte Regale erwarten. Kann der Bäcker dies nicht bieten, läuft er die Gefahr, den Kunden an die Konkurrenz zu verlieren.

Warum haben die Lebensmittel für Hersteller und Handel eine so geringe Bedeutung haben?

Thurn: Es fängt bei Kleinigkeiten wie einem Netz Orangen an. Eine ist faul, die anderen sieben noch in Ordnung. Dann müsste man das Netz aufschneiden, den Preis reduzieren, ein neues Preisschild draufmachen oder neu verpacken. Das ist schlicht mit mehr Aufwand verbunden, als das Ding einfach in die Tonne zu kloppen. Wobei man erwähnen muss, dass die erhebliche Verschwendung ja bereits vom Hersteller in das Produkt mit einberechnet wurde, dies zahlt letztlich der Verbraucher. Diese Zustände kann man nur ändern, wenn man die Entsorgungsgebühren versteuert.

Können Sie uns den Zusammenhang zwischen der Verschwendung hier und dem Hunger in der Dritten Welt erklären?

Thurn: Wenn die Nachfrage für Getreide höher wird, steigen die Preise an der Weltbörse. Dazu trägt auch die erhebliche Ressourcenverschwendung von Wasser, Energie und Boden bei. Damit nicht genug. Die schlimmste Auswirkung unseres Klimas ist unser enormer Fleischkonsum, der den CO2-Gehalt extrem erhöht.

Abschließend interessiert uns, wie es dazu kommt, dass sich so wenige Menschen mit diesem so wichtigen Thema auseinandersetzen.

Thurn: Ich weiß gar nicht, ob sich alle darüber bewusst sind. Es gab ja mal Untersuchungen, in denen der Verbraucher sich selbst einschätzen sollte und dann hat man die Mülltonnen anschließend untersucht und jeder hat sich viel zu niedrig eingeschätzt. Das ist etwas, was Psychologen Verdrängung nennen. Auf Null wird man nie kommen, aber das ist auch nicht das Ziel.

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