72 Jahre nicht umgezogen: „Haben doch alles gehabt”

Von: Torben Klausa, dpa
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August und Adele Wächter stehen im Flur ihrer Wohnung. Das Ehepaar wohnt seit 72 Jahren in der selben Wohnung. Foto: dpa

Köln. „Hier kriegt mich keiner raus!” Wenn August Wächter mit fester Stimme diese Worte spricht, klingen sie wie sein Lebensmotto. Und ob man den 86-Jährigen nun als zielstrebig oder - wie seine Frau Adele - als „dickköpfig” bezeichnet: Angesichts der 72 Jahre, die er in seiner Kölner Wohnung lebt, ist man bereit, ihm zu glauben.

Den Beweis für das Einzugsjahr reicht er über den Küchentisch: „Da dürfen Sie jetzt nicht ganz so genau hingucken.” Mit Hakenkreuz versehen datiert das vergilbte Papier in Schreibmaschinenschrift den Mietbeginn auf den 15. Oktober 1937.

Damals guckte Wächter von seinem Fenster auf Äcker und nicht wie heute auf Wohnblocks. Mit Oma, Onkel und Eltern bewohnte er seinerzeit die 87 Quadratmeter als Werkzeugmachergeselle. Für ihn unbeschwerte Jahre.

„Dann kam die blöde Zeit”, blickt Wächter zurück und legt beim Gedanken an den Krieg die Stirn in Falten. Mit 19 Jahren ging er als Freiwilliger zur Luftwaffe.

Auf seiner Flucht in den letzten Kriegstagen landete er in Österreich in Gefangenschaft. Dort lernte Wächter dann als Saxofonist einer Tanzkapelle seine spätere Frau kennen.

„Sie war für mich die wunderschönste Frau”, lächelt er. Und gewahr des strengen Blickes dieser Dame neben ihm am Küchentisch fügt er rasch hinzu: „Ist sie auch jetzt noch!”

Nach seiner Haftentlassung folgte ihm Adele im Juli 1947 zurück nach Köln. Die ehemals gemütliche Parterrewohnung lag in Trümmern. „Wir sind in eine Ruine gezogen”, erinnert sich der Rentner.

Gemeinsam mit seinem Vater mauerte er Wände, erneuerte er die Fußböden, brachte neuen Stuck an die Decken und kleisterte über 150 Rollen Tapete an die Wand.

Am 17. Oktober 1947 trug der frischgebackene Ehemann August Wächter seine Frau Adele über die Schwelle der gemeinsamen Wohnung in Bickendorf, ein gutes Jahr später kam der Sohn als Hausgeburt zur Welt.

In den folgenden Jahrzehnten hielt die Modernisierung Einzug in die Wohnung. Mitte der Sechziger wurde der Kohleherd gegen eine Heizungsanlage ausgetauscht, das warme Wasser im Bad kam direkt aus der Leitung.

Die Zeiten änderten sich, die Wohnung blieb dieselbe. Ob sie nie haben umziehen wollen? Adele Wächter ergreift das Wort: „Er wollte hier nicht raus!”

Früher, da hätte sie selbst schon gerne mal etwas anderes gesehen, einen kleinen Neuanfang gewagt. Aber jetzt in diesem Alter? Ihr Mann runzelt seine Stirn: „Wir haben hier immer alles gehabt, was wir brauchten.”

August Wächter trotzte der zunehmend schnelllebigen Zeit mit Beständigkeit: Über 50 Jahre beim selben Arbeitgeber, 72 Jahre in derselben Wohnung und über 60 Ehejahre mit derselben Frau. Ob es für ihr „Glück” ein Geheimnis gibt? Adele Wächter antwortet wie aus der Pistole geschossen: „Man muss sich vertragen, man darf nicht lügen, und man soll immer "Bitte" und "Danke" sagen.”
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