35 Jahre Budenzauber in Würselen

Von: Elisa Zander
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Die Kirche als Kulisse: Der Kunst- und Weihnachtsmarkt in Würselen findet direkt vor St. Sebastian statt. Gabriele und Adolf Maassen organisieren ihn – und haben ein Lager in der Kirche. Foto: Elisa Zander

Würselen. Weihnachtsmärkte – auf die gehen Gabriele und Adolf Maassen ungern. Gedränge, sich an aneinandergereihten Glühweinständen und Fast-Food-Buden vorbeischieben und Schmuckartikel von der Stange anschauen – „das wollen wir nicht“.

Vielleicht war das auch ein Grund, warum das Ehepaar 1977 – drei Jahre, nachdem es nach Würselen gezogen war – an einem Sonntag nach der Messe auf dem Kirchplatz vor St. Sebastian stand und eine Idee formulierte: „Es wäre schön, hier einen Weihnachtsmarkt zu haben.“ Adolf Maassen erinnert sich noch gut an diesen Moment und daran, dass innerhalb kurzer Zeit aus einer Idee ein Plan wurde. Einer, der jetzt zum 35. Mal umgesetzt wird. An diesem Wochenende findet er statt.

Der journalistischen Neugier ist es geschuldet, dass das Gespräch im Vorfeld in der Kirche St. Sebastian stattfindet. Das Lager mit Weihnachtsschmuck, den Schildern für Buden und Lichterketten, das sich in einem der Kirchenräume befindet, wäre doch ein geeigneter Ort. Doch bevor es dorthin geht, erzählen Adolf und Gabriele erst von „ihrem“ Weihnachtsmarkt. An einem kleinen Tisch sitzend, unter den Augen der Maria-Statue, berichtet das Paar von den Anfängen, der vielen Zeit, die der Markt in Anspruch nahm neben dem Berufsleben und der Familie. Heute stehen dort sogar die Enkel und verkaufen Bonbons.

Angefangen hatte es mit zehn selbstgezimmerten Bretterbuden, mitfinanziert von der damaligen Arbeitsgemeinschaft. Mittlerweile gibt es 40 Stände, der einstige Wärmebehälter für Glühwein ist einer Glühweinstraße gewichen. Besuchermassen treffen sich am ersten Adventswochenende auf dem Vorplatz der Kirche in Würselen. Eine Erfolgsbestätigung für Gabriele Maassen. „Es ist halt ein Alleinstellungsmerkmal: die Angebote in den Buden, das Miteinander, das Flair.“

Flair – das ist es, was die beiden dem Markt einhauchen. Und sie strahlen sogar noch, wenn sie sich an so manchen Rückschlag erinnern, dem sie sich im Laufe der Zeit entgegenstellen mussten, etwa dem schweren Sturm, der die Dächer aller Buden wegwehte. Bis heute werden sie nicht müde, immer neue Mithelfer zu finden, die sie bei der Umsetzung unterstützen. Dann ist die Anstrengung nahezu vergessen, der Stress fällt ab und lässt nur Raum für schöne Erinnerungen.

„Eine romantische Zeit“

„Die Weihnachtszeit ist eine romantische Zeit“, sagt Adolf Maassen. „Bei uns zu Hause in Lichtenbusch wurde immer viel gebacken“, erinnert er sich an seine Kindheit, die er mit fünf Geschwistern und seinen Eltern erlebte. Zu Weihnachten gab es stets ein großes Fest, alle Tanten und Onkel kamen zu Besuch. Die Familie hatte ein Milchgeschäft und konnte jedem Kind zum Fest ein Geschenk ermöglichen. Das Schönste? „Ein Plattenspieler – und vorher eine Schubkarre von meinem Vater. Da war ich sechs oder sieben Jahre alt“, erzählt der heute 74-Jährige. Als er zehn war, gab es ein neues Fahrrad. Und das brauchte er nicht nur, um zur Schule in Raeren/Belgien zu fahren, sondern, wie sich später zeigen sollte, um etwas zum Lebensunterhalt der Familie beizusteuern.

Innerhalb von sechs Wochen verstarben seine Eltern – eine Tante zog zu den sechs Kindern, die ursprünglich in Waisenhäusern untergebracht werden sollten. „Überlebt haben wir mit Schmuggel von Kaffee und Schokolade.“ Transportiert mit dem Fahrrad auf dem Weg von der Schule nach Hause. Fünf Mal hielt ein Zöllner Adolf Maassen an, dann drohte er, „mich beim nächsten Mal mitzunehmen. Also habe ich es gelassen.“

Die „gute und heile Welt“, die Weihnachten auch in der Kindheit bei Gabriele Maassen war, versucht das Paar mit dem Weihnachtsmarkt wieder aufleben zu lassen. Das Geheimnisvolle, das Nichtwissen, das Glaubenwollen. Gabriele Maassen, heute 65 Jahre, lächelt berührt, wenn sie daran denkt, dass sie während der Schwangerschaft mit Sohn André Weihnachtsschmuck bastelte. Sterne, die bis heute die Weihnachtsbäume der Familie schmücken. Tradition, Wiedererkennung – das ist ihnen wichtig. Auch bei „ihrem“ Markt.

Bereits im Frühjahr besucht das Paar erste Kunst- und Handwerkermärkte in der Region, geht auf die Suche nach ausgefallenen Arbeiten. Die sind für Gabriele Maassen aber nur die halbe Miete. „Die Menschen müssen zu uns und dem Markt passen. Wir brauchen eine entspannte Stimmung, denn auf unserem Markt soll es nicht hektisch zugehen.“

Circa 250 Menschen mobilisiert das Paar jedes Jahr für das Stück Weihnachten vor St. Sebastian. „Dieses Engagement der Menschen der Pfarre, die sagen ,Wir machen mit‘, ist es, was mich jedes Mal animiert weiterzumachen“, sagt Adolf Maassen. Alle arbeiten unentgeltlich, engagieren sich ehrenamtlich – für einen guten Zweck, dem der Erlös später zugeführt wird. Für die Initiatoren auch ein Stück Weihnachten, Nächstenliebe.

Doch sie merken, dass sie die Organisation, die bislang nur in ihren vier Händen liegt, nicht mehr lange allein stemmen können. Diesen 35. Weihnachtsmarkt hatte Adolf Maassen ursprünglich als Anlass nehmen wollen aufzuhören. „Das ist sehr anstrengend. Es gibt gute Seelen hier in der Pfarre. Die sehen, dass etwas getan werden muss, und machen es einfach. Das tut mir gut und hilft mir sehr.“ Er blickt hinunter auf seine Hände, die schon so viel in diesem Leben geleistet haben. Ein Leben ohne Weihnachtsmarkt – ja, das könne er sich vorstellen. Aber es soll ein schrittweiser Abschied sein.

Dann hätten sie vielleicht einmal Zeit, ihre vielen Glühweineinladungen, die sie in den Jahren ausgesprochen haben, einzulösen. Bei den vielen Fragen und Anforderungen bleibe dafür nämlich meist keine Zeit.

Ein Blick auf die Uhr. Ein Termin steht bei den Maassens noch an. Aber ein Blick in das Lager? Ja, der ist noch drin. Es geht hinauf in die erste Etage der Kirche, eine kleine Holztreppe führt in den Raum über dem Kircheneingang. Lichterketten, Gläser, Schneemänner aus Stoff und Kerzen stapeln sich in Kartons und Kisten. Es ist alles vorbereitet.

Auf dem Weg zum Kirchenausgang sprechen die beiden noch eine weitere Glühweineinladung aus. „Wir lösen sie auch wirklich ein.“ Gabriele Maassen lacht. „Ich freue mich schon darauf!“ Sie strahlt. Es ist eben ein Engagement, das sich zwischen Herz und Verstand bewegt, sagt sie. Schließlich ist es „ihr“ Weihnachtsmarkt. „Er hat sich in unser Herz eingepflanzt.“

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