24-Stunden-Kita: Notlösung oder Zukunftsmodell?

Von: Elisa Zander
Letzte Aktualisierung:
7667238.jpg
Schlafenszeit! Fast alle Kinder, die bis zum Abend oder auch nachts in den Kitas bleiben, bringen ihre Kuschelbegleiter mit. Viele Einrichtungen sind mittlerweile darauf ausgerichtet, den Kindern eine Schlafmöglichkeit zu bieten. Fotos: dpa, stock/Christian Ohde/Niehoff
7541432.jpg
ARCHIV - In der Städtischen Betriebskita (Kindertagesstätte) Karlsruhe (Baden-Württemberg) spielen am 09.11.2012 Kinder. Den bisher umfangreichsten Ausbau der Kinderbetreuung in Deutschland brachten Bund, Länder und Kommunen mit dem Kinderförderungsgesetz (Kifög) gemeinsam auf den Weg. Seit August 2013 haben auch die Eltern von Kindern zwischen dem vollendeten ersten und dem dritten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf ein Betreuungsangebot in einer Kita oder bei einer Tagesmutter. Foto: Uli Deck/dpa (zu dpa lhe BLICKPUNKT HESSEN vom 07.11.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Region. Finn hat seinen Rucksack schon im Nebenraum abgestellt. Seinen Teddy legt er auf das Bett. Der kommt immer mit, wenn Finn nicht zu Hause schläft. Der Dreijährige übernachtet heute in der Kita. Wie immer, wenn Mama Nachtdienst hat.

„Ich habe oft ein schlechtes Gewissen“, sagt Jana Müller, die als Pflegerin in einem Krankenhaus arbeitet. Aber Finn alleine zu Hause lassen – das ist für sie keine Alternative. Die Kita, die Finn besucht, hat 24 Stunden geöffnet. Sieben Tage in der Woche.

Manchmal gibt es stechende Fragen von Kollegen oder Verwandten. „Rabenmutter“ – diesen Vorwurf hat sich Jana Müller schon mal von einer Patientin anhören müssen. Sie versucht es an sich abprallen zu lassen. „Ich weiß, dass es Finn in der Kita gut geht.“

Und anders geht es eben nicht. Jana Müller arbeitet im Schichtdienst. Manchmal abends, aber an einigen Tagen eben auch nachts. Sie will nicht ständig bei Großeltern, Freunden und Nachbarn fragen, ob sie die Betreuung von Finn übernehmen. Es käme zu häufig vor. Also hat sie nach einer Alternative gesucht.

Rabenmutter – dieser Begriff fiele den Skandinaviern wohl nicht ein. Denn während das Betreuungskonzept auf Deutsche nahezu exotisch wirkt – obwohl die Zahl der Kindertagesstätten mit einem 24-Stunden-Angebot stetig wächst – ist dieses dort weit verbreitet.

Schrittweiser Ausbau

„Ich habe das Gefühl, die Menschen hier sind noch nicht so weit“, sagt Stefanie König. Sie hat 2012 die Kindertagesstätte „Mydagis“ in Köln eröffnet, mit dem Ziel, eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung anzubieten. Und eben weil sie merkt, dass die Notwendigkeit zwar theoretisch da, die Akzeptanz der Eltern aber, ihr Kind tatsächlich über Nacht in die Obhut der Erzieher zu geben, noch nicht ausgereift ist, baut sie die Betreuung schrittweise aus. Bislang schließt die Kita um 18 Uhr, sie peilt aber Öffnungszeiten von 7 bis 20 Uhr an. „Wobei die Kinder nie über die gesamte Zeit hier sind“, betont König.

Über den gesamten Tag herrscht in der Kita ein Wechsel. Manche Kinder bleiben drei Stunden, andere acht. Jeden Tag anders. So, wie der Dienst der Eltern es ermöglicht. Abholberechtigte haben einen Transponder, um die Haustür zu öffnen. Feste Bring- und Abholzeiten gibt es nicht. Und wenn die Konferenz einmal länger dauert als geplant, bleiben die Erzieher auch mal eine halbe Stunde länger. „Das nimmt den Druck für die Eltern raus“, erklärt König. Als Mutter weiß sie um den Zwiespalt, in dem sich Eltern bisweilen befinden.

Veränderte Lebensumstände

Die Lebensumstände der Menschen haben sich geändert. Arbeitszeiten von 8 bis 16 Uhr sind nicht mehr die Norm. Viele beginnen ihren Arbeitstag erst um 10 oder 11 Uhr, arbeiten entsprechend abends länger. Daran sollten sich die Öffnungszeiten einer Kita anpassen, findet König.

Weg vom Alleinverdiener hin zur Familie mit zwei (Vollzeit-) Beschäftigten: Der fortwährende Umschwung der Gesellschaft ist seitens der Politik mit dem Ausbau der Kindertagesstätten und dem damit verbundenen Rechtsanspruch auf Betreuungsplätze für unter Dreijährige und auch dem Betreuungsgeld aufgegriffen worden.

Mit ihrem Programm zur Bundestagswahl 2013 ist die CDU noch einen Schritt weiter gegangen. Darin gibt die Partei an, man wolle den Ausbau der Kinderbetreuung weiter ausbauen, wozu gehöre, „24-Stunden-Kitas und andere flexible Betreuungsangebote einzurichten, um Eltern mit wechselnden Arbeitszeiten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern“. Eine Forderung, die Manuela Schwesig (SPD) schon zuvor propagierte. Eltern, die im Krankenhaus oder im Einzelhandel im Schichtdienst arbeiten, bräuchten solche Angebote, betonte Schwesig in einem Schreiben auf ihrer Homepage.

Randöffnungszeiten verlängern

Doch lässt sich diese Forderung in der Region umsetzen? Die Stadt Aachen denkt darüber nach, die Randöffnungszeiten flexibler zu gestalten oder sogar zu verlängern. Aber gleich 24 Stunden? „Wir tun uns aber schwer damit, darüber hinaus zu gehen“, sagt Björn Gürtler vom städtischen Presseamt. „Wir haben immer das Wohl der Kinder im Auge. Es kann eigentlich nicht gut sein für Kinder, mehr als 35 Stunden in der Woche in der Kita zu sein.“

Dabei sieht das Konzept der 24-Stunden-Kita keine 24-Stunden-Betreuung vor. „Die Wochenstunden werden im Voraus genauso gebucht“, erläutert Stefanie König. „Nur der Zeitpunkt der Betreuung verschiebt sich.“ Um einem möglichen Missbrauch der Öffnungszeiten zuvorzukommen, haben einige Einrichtungen Kontrollen eingeführt. In einer Kindertagesstätte in Schwerin etwa, die das 24-Stunden-Konzept anbietet, müssen Eltern regelmäßig ihre Dienstpläne vorlegen. Haben sie einen freien Tag, darf das Kind dann auch nicht die Tagesstätte besuchen.

Es hat aber auch etwas mit den Mitarbeitern zu tun“, argumentiert Björn Gürtler, „denn die haben oft selbst Familien.“ Hinzu käme, dass bei einem Nachtdienst auch Nachtzuschläge fällig werden könnten, die von den Eltern getragen werden müssten.

Ländliche Strukturen

Das Amt für Kinder, Jugend und Familienberatung der Städteregion, das für Baesweiler, Monschau, Roetgen und Simmerath zuständig ist, hat diesen Umschwung beim Betreuungsbedarf ebenfalls bemerkt – und reagiert: In einer Projektgruppe erstellten freie Träger, Erzieherinnen und Vertreter des Amts ein Konzept, um schon während des Anmeldezeitraums den Betreuungsbedarf abzufragen und entsprechend der Notwendigkeiten anzupassen.

Das Ergebnis: Der Bedarf war zurückhaltender als erwartet. Es gab 14 positive Rückmeldungen, die morgens ab 5.30 Uhr oder abends bis 18.30 Uhr eine Betreuung wünschten. „Allerdings verteilten sich die auf viele verschiedene Kitas“, sagt Amtsleiter Adolf Mainz. Entsprechend sei es „nicht vertretbar gewesen, die Öffnungszeiten generell zu verlängern. Darum wurden Tagespflegepersonen eingesetzt, die im Nachmittagsbereich in den Räumen der Kita die Kinder betreuen.“

Doch Adolf Mainz räumt auch ein, dass der Jugendamtsbereich der Städteregion eher ländlich strukturiert ist und die Nachfrage „erst noch wachsen muss“. Ein 24-Stunden-Angebot ist für Mainz wegen der fehlenden Nachfrage entsprechend „nicht erkennbar“.

Herausforderung Schichtdienst

Dass gerade im Schichtdienst das erweitere Betreuungsangebot gefragt ist, wäre anzunehmen. Doch diese Entwicklung ist in der Region (noch) nicht zu beobachten. Beispielhaft ist das Kinderland am Uni-Klinikum in Aachen, eine der Kindertagesstätten in Trägerschaft der RWTH. Einige Kinder werden bereits um 6.45 Uhr gebracht – dann, wenn der Dienst der Eltern um 7 Uhr beginnt. Geöffnet hat die Kita für sie bis 20 Uhr. „Aber nur ganz wenige nutzen dieses Angebot“, sagt eine Sprecherin. Meist würde man versuchen, die Betreuung in diesen Fällen anders zu regeln. Ähnlich ist es in Düren. Dort hat die Kindertagesstätte des Krankenhauses von 5.45 bis 20 Uhr geöffnet.

Diese Erfahrung deckt sich mit der Stefanie Königs. „Die Eltern müssen sich schrittweise an die sich ändernden Öffnungszeiten gewöhnen und sich von dem Gedanken lösen, sie seien ‚Rabeneltern‘. Das ist nicht so!“

Die Anforderungen an die Kita in Köln sind anders – unter anderem auch den Berufen der Eltern in der Großstadt geschuldet. Etwa bei Kindern von Piloten. In diesen Fällen sind sie eine Woche Vollzeit in der Kita, anschließend nur drei Stunden am Tag, skizziert König.

Sie hat Familienpolitik studiert, während dieser Zeit ihr erstes Kind geboren. „Da mussten wir auch überlegen, wie die Betreuung funktionieren kann.“ Im Rahmen ihres Studiums hat die junge Frau viele Betreuungsmodelle kennengelernt, merkte, „dass es in anderen Ländern anders und besser läuft“. Unter anderem in Belgien. Dorthin wanderte das Paar aus, weil „wir wussten, dort ist die Betreuung gesichert“. Ihre Erfahrung zeigt: In Deutschland „sind wir einfach 30 Jahre hinterher“. Eine „ganz andere Familienpolitik“ herrsche etwa in den skandinavischen Ländern, das schlage sich auch später in der Bildung nieder.

Daran angelehnt hat das Paar das Konzept für die Kindertagesstätte in Köln entwickelt. 30 Mitarbeiter, davon 25 im Erzieherbereich – dabei zwei „native speaker“ mit der Muttersprache Englisch – kümmern sich um 85 Kinder. Es sei ein anspruchsvoller Job, sagt Stefanie König, der eine gute Ausbildung brauche. Die Nachfrage ist hoch; die Warteliste erstreckt sich über drei Jahre.

Zwiespalt Arbeitsmarkt

In der Agentur für Arbeit gibt es immer wieder Fälle, bei denen Arbeitssuchende ein Angebot nicht annehmen können, weil eine Kinderbetreuung nicht gewährleistet ist. „In den letzten Jahren wurde sowohl finanziell als auch personell viel in den Ausbau von Kinderbetreuung investiert. Für den ein oder anderen Arbeitnehmer passt es jedoch leider immer noch nicht ganz“, sagt Jürgen Koch, Geschäftsführer Operativ der Agentur für Arbeit Aachen-Düren.

Sein Eindruck ist, dass „Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufeinander zugehen und individuell Lösungen erarbeiten müssen, denn wir reden sowohl auf Seiten der Arbeitgeber über unterschiedliche Arbeitszeitmodelle als auch auf Bewerberseite (in besonderem Maße betroffene junge Frauen) darüber, die eigene Flexibilität neu zu überdenken“.

Zwölf Stunden nachdem Finn die Kita betreten hat, kommt Jana Müller in wieder abholen. Sie hat nach ihrem Dienst noch einige Stunden geschlafen. Finn läuft in ihre Arme und erzählt, dass er Müsli zum Frühstück gegessen hat. Jetzt geht es nach Hause, mit einem Abstecher über den Spielplatz. Die junge Mutter freut sich auf die Zeit mit ihrem Sohn. Sie genießt die gemeinsamen Stunden, bevor sie den Dreijährigen wieder in die Obhut der Erzieherinnen geben muss – die nächste Nachtschicht steht bevor.

Leserkommentare

Leserkommentare (3)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert