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„Zug der Erinnerung”: Eine Erfahrung, die still macht

Von: Andrea Thomas
Letzte Aktualisierung:
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Großer Bahnhof für den „Zug der Erinnerung”: Rund 200 Teilnehmer zählte die Auftaktveranstaltung für die rollende Ausstellung, die noch bis einschließlich Dienstag in Herzogenrath Station macht. Foto: Andrea Thomas

Herzogenrath. Es hatte eine ganz eigene Atmosphäre, um die Bühne an Gleis 1 des Eurode-Bahnhofs Herzogenrath, an dem seit Sonntag der „Zug der Erinnerung” Station macht, scharten sich gut 200 Menschen, dahinter rollte der ganz normale Bahnverkehr mit Durchsagen und Menschen, die ihren Zug nicht verpassen wollten.

„Buisiness as usual”, kommentierte Dr. Jochen Helbig vom Arbeitskreis „Wege gegen das Vergessen”. Das passe aber auch irgendwie sehr gut, denn damals sei es ja nicht anders gewesen. Anders ist allerdings, dass den Menschen heute, die Schicksale der Kinder und Jugendlichen, die mit den Zügen der Deutschen Reichsbahn in die Konzentrationslager deportiert wurden, nicht gleichgültig sind.

Die Organisatoren vor Ort waren froh, dass so viele an diesem Sonntagmorgen gekommen waren, um der Opfer zu gedenken und ein Zeichen zu setzen.

„Wir schauen wie in einem Album die Schicksale der Kinder und Jugendlichen an, die die Ausstellung dokumentiert. Wir dürfen es danach nicht wieder zuklappen, sondern aus der Arbeit an den Wurzeln, Empörung wachsen lassen”, appellierte Wilfried Hammers für das Soziokulturelle Zentrum Klösterchen als örtlichem Veranstalter.

Wer hätte den Mund aufgemacht?

Einen Gedanken, den auch Pfarrer Bobby van den Berg in seinem spirituellen Impuls aufgriff: „Gut, dass ihr da seid und den Mut zur Erinnerung habt, Verantwortung übernehmt für das, was einmal war.” Er erinnerte an mutige Zeitzeugen, wie Pfarrer Josef Buchkremer, die ihre Stimme erhoben hätten und stellte sich und den Teilnehmern die Frage „hättest du den Mut gehabt, den Mund aufzumachen?”. Keine rein hypothetische Frage angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen in Deutschland und den Niederlanden, er nannte die Stichworte: Wilders und Sarrazin.

Die Ausstellung gibt denen ein Gesicht und eine Stimme, die von den Nationalsozialisten zu Nummern in den Lagerlisten reduziert worden sind. Darunter auch Ingeborg Rubens aus Herzogenrath, die als junge Frau nach Ausschwitz deportiert wurde. Ihr Schicksal und das weiterer Opfer ist im vierten Wagon dokumentiert, den der Arbeitskreis „Wege gegen das Vergessen” Herzogenrath gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Gegen Vergessen” Würselen gestaltet hat.

Lebendiges Erinnern, das weiter Kreise zieht. So sind nicht nur fast alle Termine für den Besuch von Schulklassen in der Ausstellung ausgebucht, sondern haben sich über die Berichterstattung zum „Zug der Erinnerung” drei weitere Zeitzeugen gemeldet. „Sie haben den Marsch der Juden vom Herzogenrather Güterbahnhof durch die Stadt ins Lager nach Pley beobachtet”, berichtete Bernd Krott, vom Arbeitskreis. Damit werde wieder ein Stück Geschichte aufgezeigt, über das bislang nicht viel bekannt war.

„Tatort” Bahnhof

Wie nah das schreckliche Geschehen war und ist, machten auch die beiden Bürgermeister von Eurode Christoph von den Driesch und Jos Som in ihren Worten deutlich. Sie dankten, denjenigen, die die Ausstellung nach Eurode geholt haben und die mit ihrer Unterstützung den Halt des Zuges möglich machten.

„Diese Gräuel haben nicht irgendwo stattgefunden, sondern hier bei uns”, betonte Christoph von den Driesch. Auch der Bahnhof Herzogenrath sei „Tatort”. Die Bilder der Ausstellung mahnten, so sein Kollege Jos Som, („diese Menschen hatten ihre Jugend noch vor sich”) nicht zu vergessen und nicht leichtfertig mit dem Feuer zu spielen.

Begleitet wurde die Eröffnung von jiddischer Musik, gespielt von Schülern des Herzogenrather Gymnasiums, einer Tanzperformance sowie einer kurzen Szene „Die jüdische Frau” nach Berthold Brecht, gespielt von Mitgliedern des „aixpertentheaters”.

Im Anschluss bildete sich eine lange Schlange vor dem Zug, um die Ausstellung anzusehen. Eine Erfahrung, die still machte.
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