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Zensusergebnis fällt anders aus, als Kommunen berechnet haben

Von: Karl Stüber
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Von wegen geschätzt und hochgerechnet: Jeder, der einmal versucht hat, die Köpfe in einer Schafherde zu zählen, weiß, dass es mit Stichproben nicht so einfach getan ist. Das gilt auch für das Ermitteln der Bürgerzahlen von Kommunen. Foto: imago/stock&people/Thomas Müller

Nordkreis. Was wie ein strenges und exaktes Werk daherkommt und nicht minder strenge Auswirkungen auf die Finanzausstattung auch von Alsdorf, Baesweiler, Herzogenrath und Würselen hat, ist in Wahrheit nur eine Schätzung. Der Zensus 2011, also die Ermittlung der Einwohnerzahlen aller Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern, basiert auf einer Stichprobe und wurde dann auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet.

Je ungenauer die Stichprobe ausfiel, desto größer wurde letztlich die Abweichung. Oder anders ausgedrückt: Wer mit dem Gewehr aus etlichen Metern Entfernung nur wenig verreißt, landet letztlich einige Meter neben dem Ziel. Allerdings wurde bei der Fehlerquote eine Obergrenze eingezogen. Der Stichprobenfehler darf 0,5 Prozent nicht überschreiten – eigentlich.

Spitzenreiter mit 1,09 Prozent

Die breit angelegte Auswertung und Gegenprobe, basierend auf Angaben der statistischen Ämter des Bundes und des Landes und anderer Quellen, hat letztlich ergeben, dass bei insgesamt 1574 Gemeinden in Deutschland in mehr als 60 Prozent (!) der Stichprobenfehler über der Grenze von 0,5 Prozent liegt. In den betroffenen Gemeinden lebt in der Summe ein Drittel der Deutschen.

Im Nordkreis heißt der Spitzenreiter mit einer Abweichung von 1,02 Prozent Alsdorf, dicht gefolgt von Würselen (0,9). Herzogenrath liegt mit 0,79 Prozent auch noch deutlich drüber, dagegen Baesweiler mit 0,49 Prozent knapp drunter. Wie gehen die vier Städte damit um?

Bürgermeister Alfred Sonders darf sich die Hände reiben. Ansonsten wird er nicht die Hand erheben und gegen das Zensusergebnis für Alsdorf vorgehen, wie er auf Nachfrage deutlich machte. Denn der Stichprobenfehler wirkt sich offenbar zugunsten von Alsdorf aus. War die Verwaltung vor den Zensuszahlen noch von 45.721 Einwohnern ausgegangen, bescherte ihnen diese Form der Volkszählung satte 46.567 „hochgerechnete“ Bürger – drei mehr als Herzogenrath.

„Wir haben da keinen Widerspruch eingelegt“, sagt Sonders. Leider sei der Zug für die Vergangenheit abgefahren, könnten keine Schlüsselzuweisungen, die auf der Einwohnerzahl basieren, nachgefordert werden. Allerdings sei noch vollkommen offen, was für 2014 – dann will das Land die Zuweisungen nach den neuen Daten errechnen – letztlich für Alsdorf herausspringt. „Bei mehr Einwohnern steigen natürlich auch die Umlagen, die wir an andere zu zahlen haben“, nennt Sonders als ein Beispiel die Kostenbeteiligung an der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Städteregion.

Dagegen wird sich der Stichprobenfehler für Würselen negativ auswirken, wenn die Stadt nicht dagegen vorgeht. Wies das eigene Einwohnermeldeamt bislang 38.331 Würselener aus, gesteht der Zensus der Düvelstadt nur noch 37.206 Bürger zu. Stadtsprecher Bernd Schaffrath sagt: „Wir werden das Ganze jetzt erst einmal genau durchprüfen. Die Abweichung gibt es eindeutig.“ Das führt Schaffrath darauf zurück, dass die mit der Erhebung der Landesdaten betraute IT.NRW (Information und Technik Nordrhein-Westfalen) die Zahlen in eigener Regie erhoben hat. „Es gab da keine Schnittstelle Mensch mit Würselen“, bedauert er. Außerdem wollen die Düvelstädter das Problem mit dem Städte- und Gemeindebund erörtern.

Wesentlich schneller hat da die Stadt Baesweiler geschaltet. Im Zuge des Anhörungsverfahrens bei IT.NRW (mit Widerspruchsfrist bis 8. Juli) hat die Kommune fristwahrend schon am 27. Juni Widerspruch eingelegt und ein weiteres erläuterndes Schreiben nachgeschoben, wie Pierre Froesch, Leiter des Ordnungsamts, berichtet. „Wir sind entsetzt über die Abweichung“, sagt der Verwaltungsfachmann.

Laut Zensus lebten im Jahre 2011 in Baesweiler 26.303 Menschen. Deutlich weniger, als die Stadt Baesweiler in ihren Mauern weiß. So führt die Kommune auch trotzig in ihrem Internetauftritt die Zahl 27.794 ins Feld – Stand Juli 2013, minus 601 Zweitwohnsitze. Froesch bedauert ausdrücklich, dass IT.NRW nicht in der Ermittlungsphase den entscheidenden Abgleich mit Baesweiler gesucht hat. Das in drei Schritten vollzogene Bereinigungsverfahren habe seine Schwächen. Nicht so sehr ins Gewicht seien Stufe 1 und 2 gefallen, als es um das Streichen von „Mehrfachfällen“ (ins Ausland verzogen) und das Berücksichtigen von Sonderbereichen (Altenheime, Obdachlosen Unterkünfte etc.) ging.

Folgenschwere Abweichungen habe es jedoch bei der Befragung von Haushalten durch IT.NRW gegeben. In weniger als zehn Prozent der Baesweiler Haushalte sei nachgefragt worden. Dabei sei nicht herausgearbeitet worden, dass nicht selten die Zahl der dort Gemeldeten von der der wirklich dort Wohnenden abweicht. Heißt also: Mit Blick auf die Zehn-Prozent-Befragung und die darauf aufbauende Hochrechnung wurden zum Beispiel aus 60 pauschal 600 Bürger – oder Schatten-Bürger. Im Verhältnis hat sich das gegenüber größeren Städten in dem eher kleinen Baesweiler in Relation viel stärker ausgewirkt, betont Froesch.

Wie geht es nun weiter? Der Baesweiler Amtsleiter geht davon aus, dass letztlich ein Bescheid ergeht, in dem amtlich das Land die Einwohnerzahl für Baesweiler festlegt. Den werde die Stadt prüfen – und gegebenenfalls dagegen klagen.

Herzogenraths Bürgermeister Christoph von den Driesche sieht keinen Anlass, gegen das Zensus-Ergebnis vorzugehen. „Wir haben ja mit der von uns ermittelten Einwohnerzahl praktisch eine Punktlandung hingelegt.“ In der Tat: Die Stadt Herzogenrath kommt auf exakt 46 519 Bürger, die Statistiker von IT.NRW errechneten 46.564. Da Roda folglich hierdurch keine Nachteile bei den Schlüsselzuweisungen erwarte, sieht der Bürgermeister in der Fehlerquote bei den Stichproben kein Problem.

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