Nordkreis - Wird die Förderung zur Überforderung?

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Wird die Förderung zur Überforderung?

Von: Stefan Schaum
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Schwer bepackt und schwer im Stress: Erzieherin Kerstin Frommholz muss viele Aufgaben schultern. Foto: Stefan Schaum

Nordkreis. Bessere Förderung, mehr Bildung, flexiblere Betreuungszeiten - für all das steht in Nordrhein-Westfalen seit gut einem halben Jahr das Kinderbildungsgesetz (Kibiz). Und auch dafür steht es: für Erzieherinnen, die immer stärker gefordert und nicht selten überfordert sind.

Für Pflegekräfte, die um ihre Jobs bangen müssen, wenn sie sich nicht zu Erzieherinnen qualifizieren lassen. Für viele neue Aufgaben bei gewohnt wenig Geld in der Tasche. Vielleicht ist Kibiz auch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt - und die Mitarbeiter der Kindertagesstätten zum Streik.

Noch abwarten

Acht Kindertagesstätten in Aachen waren - wie zahlreiche andere bundesweit - am vergangenen Mittwoch dicht. Ein Warnstreik, wie es ihn auch im Nordkreis schon bald geben könnte. „Wir warten noch die nächste Verhandlungsrunde am 26. Mai ab”, sagt Michael Kaulen, Tarifkoordinator der Komba Gewerkschaft in NRW. Nähern sich dann in Berlin die Gewerkschaften für die Beschäftigten im Kommunal- und Landesdienst und die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber nicht an, „ist der Arbeitskampf nicht ausgeschlossen”.

Noch verschärft

Seit der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) am 1. Oktober 2005 den Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) abgelöst hat, stehen viele Erzieherinnen finanziell schlechter da. In NRW ist die Situation noch verschärft durch neue Aufgaben, die das Kibiz mit sich gebracht hat.

Basteln, spielen, Lieder singen - diese Zeiten sind schon lange vorbei in den Kitas. Das waren sie auch vor Kibiz. Doch mehr und mehr werden Kitas nun zu Bildungseinrichtungen, müssen sich die Erzieherinnen weiterbilden, um neue Standards zu erfüllen. Das wollen sie zwar gerne tun. „Die Wünsche des Kibiz sind schon ganz gut”, sagt eine Erzieherin, „aber die Bedingungen stimmen hinten und vorne nicht.”

Mehr Personal, mehr Zeit, mehr Geld - vieles wäre nötig, um die Anforderungen erfüllen zu können. Wer mehr will muss auch mehr zahlen - auf diesen Nenner kann man den aktuellen Ruf der Erzieherinnen bringen. Verständnis dafür zeigen die Träger der Kitas.

„Die derzeitigen Tarifverträge betrachte ich auch als katastrophal”, sagt Herbert Zierden, stellvertretender Fachbereichsleiter in Würselen. „Ich habe da ein hohes Maß an Verständnis für die Kolleginnen. Die Betreuung erfordert nun deutlich mehr Aufwand, dem hätte man stärker Rechnung tragen müssen.”

Was er an Kibiz jedoch begrüßt, ist die erhöhte Zahl der Betreuungsplätze für Unter-Dreijährige. „Wir haben in den Kitas in Würselen nun 92 Plätze. Vor einem Jahr waren es nur 25.”

Auch Peter Timmermanns, Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuzes Kreis Aachen, das dort zehn Kitas unterhält, sieht Vorteile. „Durch die neuen Personalschlüssel können wir mehr Mitarbeiterinnen einstellen und die Betreuungsmöglichkeiten in den Kitas verbessern.”

Doch sieht er das soziale Gleichgewicht in Gefahr. „Es kann nicht sein, dass der Ruf nach besserer Qualifizierung dazu führt, dass seit langen Jahren tätige Kinderpflegerinnen nun noch einmal zurück auf die Schulbank müssen oder andernfalls ihre Arbeit verlieren.” Wünschenswert seien hier Anerkennungsmöglichkeiten für Mitarbeiterinnen ab einem bestimmten Alter.

Bürokratischer Mehraufwand, Unsicherheit bei der Personalplanung durch auf ein Jahr befristete Arbeitsverträge für Erzieherinnen, Beschwerden von Eltern, die sich bereits im Februar auf Betreuungsszeiten festlegen müssen, die dann ab dem 1. August für ihre Kinder gelten - das bemängelt Manfred Schmidt, stellvertretender Jugendamtsleiter in Alsdorf, an Kibiz.

Für Eltern sei die freie Wahl der Betreuungszeiten zwar ein Plus, doch da sei auch die „deutlich gestiegene Arbeitsbelastung der Erzieherinnen.” Mehr Investitionen - auch in bessere Ausbildung - erhofft sich auch Alsdorfs Erster Beigeordneter Klaus Spille: „Wir haben in Deutschland für die wichtigste Entwicklungsphase der Kinder die am kürzesten Ausgebildeten und am schlechtesten Bezahlten!”
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