anzeige

Wenn ein Kind stirbt, bleibt Verzweiflung

Von: Beatrix Oprée
Letzte Aktualisierung:
4882804.jpg
Momente der Ruhe finden: Silke Tappe möchte auch aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen anderen Eltern Unterstützung geben, die – ob nach Unfall oder Krankheit – den schmerzlichen Verlust eines Kindes verarbeiten müssen. Foto: Beatrix Oprée

Nordkreis. „Ich habe drei Kinder“, sagt sie. Ganz bewusst. Denn obwohl Silke Tappes jüngster Sohn vor über fünf Jahren gestorben ist, wird er immer ihr Kind bleiben. 2006 geboren, erkrankte er 2007 an Krebs und erlag seinem Leiden nur viereinhalb Monate nach der Diagnose. Ein viel zu kurzes Leben, das dennoch tiefe Spuren hinterlassen hat.

Was es bedeutet, ein Kind zu verlieren, lässt sich in Worte kaum fassen. „Die Krankheit war ein Schock“, sagt Silke Tappe. Doch zunächst blieb für die jungen Eltern keine Wahl, als Tag und Nacht zu funktionieren, dabei das eigene Leid auf breite Schultern zu laden. Und die Geschwisterkinder mussten lernen, zurückzustecken, wann immer die Situation es erforderte.

Ins Gefühlschaos gestürzt

„Als unser Junge schließlich gestorben war, kam die Verzweiflung.“ Es fällt Silke Tappe immer noch nicht leicht, das Gefühlschaos zu beschreiben, in das die ganze Familie stürzte, und das noch lange anhielt, als die Beerdigung vorbei und die Tage nicht mehr angefüllt waren mit Umsorgen, Pflegen und Trösten des kleinen Menschen, der nur so wenig Zeit hatte.

Ihr Söhnchen aber hatte die Chance, zu Hause zu sterben, im Kreise seiner engsten und liebsten Bezugspersonen. Maßgeblich unterstützt wurde die Familie dabei durch das medizinische Personal der Kinderonkologie.

Das erleichtert Silke Tappe heute die Erinnerung an die Tage, als der Tod in ihr Haus einkehrte. Dies und das Wissen darum, dass sie und ihr Mann sich selbst gut aufgehoben fühlten, in ihrem Leid aufgefangen wurden unter anderem von zwei Seelsorgern, die sie ein gutes Stück weit durch ihre Gefühlswelten getragen haben. „Auch der Chef meines Mannes hatte großes Verständnis, so dass wir die Betreuung unserer Kinder im Krankenhaus und zu Hause jederzeit gewährleisten konnten.“

In der ersten Zeit ohne ihren Jüngsten ist es ihr schwer gefallen, anderen Müttern mit Kindern zu begegnen. Erst allmählich lernte sie, den Blickwinkel auf die Wochen am Krankenbett zu ändern. „Es war auch eine sehr vertraute und geborgene Zeit“, sagt sie heute. „Wir wussten ja, unser Junge kann nicht bei uns bleiben. Die gemeinsamen Wochen, die uns blieben, haben wir deswegen sehr bewusst erlebt.“

Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine neue Bindung, eine neue Form, das Kind anzunehmen, das so früh aus dem gemeinsamen Alltag verschwunden war. „Es geht um ein Weiterleben, zu dem das schreckliche Ereignis dazugehört“, sagt Silke Tappe. „Und es geht darum, in die Erinnerung zurückzugehen und zu lernen, den Schmerz auszuhalten.“ Das Durchlebte ließ in der studierten Wirtschaftswissenschaftlerin den Wunsch wachsen, selbst als Trauerbegleiterin tätig zu werden. Mittlerweile hat sie eine anderthalbjährige Ausbildung beim Trauerinstitut Deutschland absolviert, zertifiziert durch den Bundesverband Trauerbegleitung e.V.

Das Erfahrene und Erlernte möchte Silke Tappe nun unter anderem mit einem Gruppenangebot für verwaiste Eltern weitergeben. Der offene und unentgeltliche Gesprächskreis als Fortsetzung eines ausgelaufenen Angebots durch einen Mitarbeiter des Uniklinikums richtet sich an Mütter und Väter, die um ein Kind trauern, unabhängig, ob es im Kindes- oder Erwachsenenalter gestorben ist.

„Die schlimme Tatsache an sich kann niemand ändern, aber wenn man sie gemeinsam betrachtet, entwickelt sich ein gegenseitiger Lernprozess, der einen auch herausfinden lässt, dass der eigene Schmerz normal ist.“ Und dass der Trauerprozess wellenförmig verlaufen kann, dass man nie weiß, welche Situation – vielleicht ein Kinderlied, ein vertraut klingendes Lachen oder ein wiedergefundenes Spielzeug – einen plötzlich in tiefe Wehmut stürzen lässt.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert