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Wenn die Nachbarschaft nur noch Anfeindungen übrig hat

Von: Thomas Vogel
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Trotz Hilfe fällt es Frau T.
Trotz Hilfe fällt es Frau T. (l.) schwer, die Vorfälle zu verdauen: Nach wüsten, diskriminierenden Beleidigungen aus der Nachbarschaft ist die Togolesin samt Familie umgezogen. Familienpatin Gertrud Mainz (r.) versucht, der Schwarzafrikanerin zu helfen. Foto: Thomas Vogel

Alsdorf. Nur ein Streit unter Nachbarn, wie er in Gerichten und bei Juristen landauf, landab tausendfach im Jahr für Beschäftigung sorgt? Oder eine ausländerfeindliche Attacke, ein rechtsmotivierter Hieb - wenn auch verbaler Natur?

Vor acht Jahren ist die heute 32-Jährige aus Togo nach Deutschland gekommen - der Liebe wegen. Mit ihrem Mann hat sie mittlerweile drei Kinder, alle hier geboren. Sie führten ein normales Leben in Alsdorf, als etwas ebenfalls völlig Normales passierte: Die Kinder gerieten in Streit mit Kids aus der Nachbarschaft. Verletzend wurde es für die Togolesin, als sich daraufhin eine Nachbarin im Rentenalter einmischte und wüste, teils rassistische Beschimpfungen auf die junge Mutter niederprasseln ließ. „Aus den Reihen der Nachbarschaft sind Worte wie Negerschlampe gefallen”, erinnert sich Gertrud Mainz, die Patin der togolesischen Familie. „Früher war das mal ganz anders, da kam die Frau sogar rüber und hat gefragt, wie es mir geht”, sagt T. verstört.

Damit aber nicht genug: Die schimpfende „Dame” war offensichtlich der Ansicht, Unterstützung zu benötigen und bestellte ihren Sohn herbei. Der kam prompt angefahren, und begann - Familie T. war zwischenzeitlich wieder in ihrer Wohnung - unter Androhung körperlicher Gewalt gegen die Tür zu schlagen und Sturm zu schellen, erzählen die Beiden. Ein Schock für Frau T., ganz besonders aber die Kinder. Die herbeigerufene Polizei nahm den Vorfall auf, traf den Mann aber nicht mehr am Ort des Geschehens an. Zwei weitere verbale Angriffe auf T. folgten, einmal fuhr der Mann auf sie zu, um anzudeuten, sie überfahren zu wollen, erinnert sich die Togolesin.

Gertrud Mainz hat das ganze Martyrium mitbekommen. Im Rahmen des Familienpaten-Programms des Sozialdienst katholischer Frauen steht sie der afrikanischen Familie unterstützend zur Seite. „Die Kinder nennen mich Oma”, sagt sie stolz. „Sie ist keine Patin mehr, sondern gehört schon zur Familie”, ergänzt T. zustimmend. Über die Vorfälle ist Mainz entrüstet: „Jedes Dorf hier distanziert sich von Rassismus, macht große Schilder oder sonst was. Wenn es aber dann mal darauf ankommt, etwas zu sagen oder zu tun, passiert nichts”.

Justiz entscheidet

Könnte eine ausländerfeindliche oder extremistische Motivation hinter einer Tat stecken, steht auch der Verdacht einer Straftat im Raum. Um das zu klären, werden Sachverhalte wie dieser von der Polizei automatisch an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Sie prüft dann, ob ein rassistischer Hintergrund vorliegt, oder nicht - das ist üblich auch in dieser Situation. Ergebnis: kein öffentliches Interesse, ein schlichter Nachbarschaftsstreit und damit in privatrechtlichem Rahmen zu behandeln, berichtet Mainz. Auch den hat Frau T. zusammen mit ihrer Familienpatin über einen Anwalt ausgelotet. Wieder ohne großen Erfolg - der Anwalt riet, die Sache nicht weiter zu verfolgen, erklären die beiden Damen.

Das Ordnungsamt ist für Nachbarschaftsstreitigkeiten nicht zuständig, erklärt Jürgen Kochs. Der Leiter des Fachgebiets Sicherheit und Ordnung bei der Stadt Alsdorf weist darauf hin, dass die Mitarbeiter des Amtes bei Anfragen aber auf jene Möglichkeiten hinweisen, die Bürger haben. An erster Stelle stehen immer die Schiedsleute. Durch sie kann ein Streit vielleicht außergerichtlich beigelegt werden. Nutzt das nichts, bleibt der Gang zum Anwalt.

Bürgermeister Alfred Sonders kennt den Fall: „Seitens der Stadt gibt es leider in einem solchen Fall keine rechtliche Handhabe. Ich habe daher darauf hingewiesen, dass man zwischen den beteiligten Parteien vermitteln kann. Hierzu gibt es beispielsweise unsere Schiedsleute. Auch bei der Wohnungssuche helfen wir. Darüber hinaus versuchen wir, ein freundliches und tolerantes Klima in der Stadt zu schaffen, zum Beispiel mit dem Tag der Integration oder der Woche gegen Rassismus. Ich schätze sehr, wie Frau Mainz sich einsetzt, das ist eine tolle Sache. Die Stadt hilft weiter, wo sie kann.” Mit viel Hilfe hat die Geschichte nun auch ein Ende gefunden - vorläufig zumindest. Familie T. ist umgezogen, in einen anderen Stadtteil. Geholfen haben Mainz und sechs ihrer Parteikollegen (Alsdorfer Bürger Union).

Die seelischen Wunden heilt das natürlich nicht. Vor allem die Kinder haben unter den Erlebnissen zu leiden. Der Kleinste, drei Jahre alt, macht seit dem wieder in die Hose, träumt schlecht und kann sich nur schlecht von seinen Bezugspersonen trennen, wenn er in den Kindergarten soll. Auf der Straße schaut er sich ständig nach dem „bösen Mann” um.

Eine trennscharfe Einordnung dessen, was Frau T. an ihrem Wohnort in Alsdorf-Mitte passiert ist, fällt nicht leicht und ist auch eine Frage der öffentlichen Sicherheit und Ordnung.
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