Wehrsprecher Christoph Simon: „Jeder Einsatz birgt Gefahren“

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Hand in Hand: Nur mit Teamgeist und Kameradschaft können reibungslose Einsätze zur Gefahrenabwehr funktionieren. Foto: Beatrix Oprée
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Die Hilfeleistung steht für ihn und seine Kameraden immer im Mittelpunkt: Christoph Simon.

Alsdorf. Sie haben sich kein leichtes „Hobby“ ausgesucht: freiwillige Wehrleute. Redakteurin Beatrix Oprée sprach mit Christoph Simon, Sprecher der Alsdorfer Feuerwehr, über Beweggründe, Nervenstärke und die öffentliche Meinung.

Sich neben Ausbildung, Beruf und Familie als Freiwilliger bei der Feuerwehr einzusetzen, bedarf großen Engagements. Warum tut man das?

Christoph Simon: Die persönlichen Beweggründe mögen verschieden sein, doch haben alle eines gemeinsam: Dort zu helfen, wo andere Menschen in Not sind. Der Leitspruch „Gott zur Ehr, dem Nächsten zur Wehr“ verdeutlicht dieses Selbstverständnis. Es sind aber auch Gemeinschaft, Zusammenhalt und Vertrauen auf Kameradinnen und Kameraden, die die Feuerwehr prägen.

Jeder Einsatz stellt eine Gefahr dar. Das Motto „Gemeinsam rein und gemeinsam raus“ schweißt zusammen. Feuerwehr ist etwas Besonderes, vielleicht mag man von Berufung sprechen. Jedenfalls ist sie anders als viele Hobbys und Mitgliedschaften. Man mag es als eine Art Doppelleben beschreiben: Ob als Familienmensch, Handwerker, Schüler oder Student – mit der Alarmierung tritt man in eine andere gesellschaftliche Rolle ein.

Was war für Sie oder Ihre Kollegen der schlimmste Einsatz in den vergangenen Jahren?

Simon: Belastend sind Einsätze, bei denen unsere Hilfe zu spät kommt. Brände und Unfälle bei denen Kinder und Jugendliche zu Tode kommen, sind besonders schlimm. Vor über zehn Jahren starben bei einem Wohnungsbrand drei Kinder. Viele Kameraden erinnern sich noch heute an die schrecklichen Umstände.

Schlimme Einsätze kosten nicht nur Kraft, sie lassen die Helfer auch seelisch nicht unangetastet. Wie gehen Sie und Ihre Kameraden damit um?

Simon: Sicherlich geht jeder von uns unterschiedlich mit dem Erlebten um, verarbeitet es anders. Regelmäßig wird nach Rückkehr zur Wache über den Einsatz gesprochen. Häufig auch über Eindrücke und Empfindungen – im Rahmen der Fahrzeugbesatzung oder in Zwei-Personen-Gesprächen. Das Reden hilft vielen. Zeichnet sich jedoch ab, dass es sich um besonders belastende Erlebnisse handelt, wird frühzeitig das PSNV-Team (Team zur psychosozialen Notfallversorgung) eingeschaltet.

Darüber hinaus gibt es die Routine, etwa die Ölspuren oder vollgelaufene Keller. Was hält einen da am Ball?

Simon: Auch bei diesen Einsätzen meldet der Anrufer eine für ihn bestehende Notlage. Der Begriff Notlage wird subjektiv verschieden ausgelegt. Immer wird die Feuerwehr ausrücken und sich ein Bild der Lage vor Ort machen. Ob Hilfe möglich ist, beurteilt dann die Führungskraft. Wir differenzieren nicht nach Routine- und Sonder-Einsätzen. Wenn der Funkmelder auslöst, rücken wir aus. Denn im Vorfeld weiß niemand, was einen erwartet. Der „kleine Einsatz“ könnte sich als Umwelteinsatz herausstellen, etwa wenn ein Heizölkeller überflutet und Ölfässer auftreiben.

Ein Problem sind enge Straßenverhältnisse und widerrechtlich geparkte Pkw. Beim jüngsten Starkregeneinsatz haben Sie dies im Einsatzbericht auch thematisiert ...

Simon: In der Tat kam es bei den jüngsten Unwettereinsätzen mehrfach vor, dass Feuerwehrfahrzeuge Engstellen nicht passieren konnten. Ursächlich waren vor allem in Kellersberg und Alsdorf-Mitte ordnungswidrig abgestellte Fahrzeuge. So konnten zwar Pkw, nicht aber Löschfahrzeuge vorbeifahren. Aufgrund der örtlichen Infrastruktur bestehen in Alsdorf, zum Beispiel in Busch, natürliche Engpässe, die die Arbeit der Wehr ohnehin erschweren. Werden diese durch Fahrzeuge noch weiter zugestellt, ist schadenfreies Passieren nahezu ausgeschlossen.

Dazu kommt so mancher Bürger, der Feuerwehreinsätze allzu selbstverständlich betrachtet. Die Folge war ein großes Echo auf verschiedenen Internetplattformen. Hat Sie das überrascht?

Simon: Dass die Pressemitteilung eine kontroverse Diskussion auslöst, überrascht mich weniger. Dass die Feuerwehr über Komplikationen berichtet und Missstände öffentlich macht, findet nicht überall Zustimmung. Die entscheidende Frage ist aber: Um wen geht es, warum berichtet die Feuerwehr darüber? Es geht doch um die Sicherheit jedes Einzelnen. Vermeidbare Hindernisse verzögern die Hilfeleistung und erhöhen die Gefahr für Leib, Leben und Sachwerte.

Gerade der Schutz, die Sicherheit des Einzelnen, rechtfertigt und verpflichtet die Feuerwehr, über solche Vorkommnisse zu berichten. Erstaunt hat mich jedoch die teilweise erkennbare Unwissenheit bezüglich der personellen Aufstellung. Die Feuerwehr in Deutschland – auch in Alsdorf – besteht überwiegend aus Ehrenamtlern. Auffassungen, dass Wehrleute den ganzen Tag auf einen Einsatz warten oder Einsätze ohnehin vom Bürger gezahlt würden, bewegen mich in negativer Art und Weise. Die meisten Wehrleute führen wie jeder andere ein „normales“ Leben – bis der Funkmelder auslöst. Niemand wartet darauf, dass etwas passiert, im Gegenteil. Auch erhalten ehrenamtliche Wehrleute keine Bezahlung.

Der Großteil der Bevölkerung, so betonen Sie auch, sei hilfsbereit und verständnisvoll ...

Simon: Ganz klar – und das soll auch nochmals betont werden – erhalten Feuerwehrleute eine starke Unterstützung von einem Großteil der Bevölkerung. Besonders bei langwierigen Einsätzen und großflächigen Ereignissen wie die jüngsten Sturmeinsätze werden Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft der Bürger deutlich. Manche leisten tatkräftige Unterstützung und helfen Straßen von Wasser zu befreien. Andere stellen Getränke, Kaffee, Süßigkeiten zur Verfügung. Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft sind heutzutage nicht mehr selbstverständlich – dafür möchte ich mich namens der Feuerwehr ausdrücklich bedanken.

Wie sieht es mit Nachwuchs aus bei Alsdorfs Löschmännern und -frauen? Gibt es Werbeaktionen?

Simon: Die Feuerwehr Alsdorf verfügt über eine Jugendwehr, aus der immer wieder Jungen und Mädchen in den aktiven Einsatzdienst übernommen werden. In den vergangenen beiden Jahren wurden acht neue aktive Kräfte gewonnen. Da die Jugendlichen bereits mit zehn Jahren in die Jugendwehr eintreten und an Löschfahrzeugen üben, bringen sie beste Voraussetzungen für einen schnellen Einsatz im Realfall mit sich.

Derzeit gehören der Jugendfeuerwehr überwiegend Zehn- bis 15-Jährige an, so dass es noch einige Zeit dauern wird, bis diese – mit Vollendung ihres 18. Lebensjahrs – überstellt werden können. Die Jugendfeuerwehr nimmt regelmäßig an öffentlichen Veranstaltungen teil und versucht so, neue Mitglieder zu gewinnen. Zudem hält sie ihre Übungen in der Öffentlichkeit ab.

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