Was muss, das muss: Vom Umgang mit dementen Familienmitgliedern

Von: Verena Kettenhofen
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Zeit für sich gewinnen: Für Angehörige von Demenzkranken wie Manuela Götz, Rita Förster (von links) und Therese Vonderbank (rechts mit Vater Friedrich Duda) sind Begleiter wie Sandra Boudabdellah und Anita Otten eine große Hilfe. Foto: V. Kettenhofen

Alsdorf. „Was muss, das muss.” Immer hat Rita Förster versucht, sich an diesen Leitspruch zu halten. Und so war es für sie keine schwierige Entscheidung, als ihr Vater an Demenz erkrankte, ihn zu sich nach Hause zu holen, um ihn dort zu pflegen. Was muss, das muss eben.

Etwas ähnliches haben sich auch Manuela Görtz und Therese Vonderbank gesagt, sie zögerten ihrerseits keine Sekunde, die Pflege der kranken Mutter beziehungsweise des kranken Vaters zu übernehmen. Dass dieser Entschluss weitreichende Folgen haben würde, war an dieser Stelle noch gar nicht so wichtig, doch das Leben der drei Frauen hat sich grundlegend verändert.

Eine degenerative Krankheit

Demenz ist eine degenerative Krankheit, für die es keine Heilung gibt, die Nervenzellen im Gehirn zerstört, die schleichend verläuft und die das Wesen geliebter Menschen vollkommen verändern kann.

Die Folgen zeigen sich im Alltag, der total auf den Kranken abgestimmt werden muss, wenn die Krankheit einen bestimmten Grad erreicht hat. „Dann kann man nicht einmal kurz in den Keller gehen, um eine neue Maschine Wäsche anzuwerfen”, erklärt Therese Vonderbank aus Erfahrung. Ständig sei man damit beschäftigt, auf den Erkrankten zu achten, der mitunter mitten in der Nacht aufsteht, um zur Arbeit zu gehen, obwohl er schon seit 20 Jahren pensioniert ist, sich oft nicht mehr alleine waschen, kämmen oder anziehen kann, es aber auch nicht versteht, wenn der Angehörige diese Pflege übernimmt.

Der wiederum steht in der Regel ziemlich alleine da, reibt sich vollkommen auf zwischen seinen vielen Aufgaben und vergisst dabei, dass auch er hin und wieder eine Auszeit braucht. „Man selbst bleibt schnell auf der Strecke”, weiß Rita Förster, die weiter sagt: „Ich wusste, dass es anstrengend werden würde, doch dass es so anstrengend wird, damit hatte ich nicht gerechnet.”

Dennoch nickt sie beharrlich, fragt man sie, ob sie denn wieder so handeln würde. Und auch Vonderbank und Görtz reagieren ähnlich. Vielleicht auch, weil die drei Frauen gemerkt haben, dass sie eben doch nicht alleine sind. „Ich habe beim Arzt einen Flyer vom Helferkreis âLebens-StufenÔ gesehen”, berichtet Förster. Der anerkannte Helferkreis bietet die Betreuung von Demenz-Kranken in ihrer gewohnten Umgebung an und entlastet damit die Angehörigen.

„Natürlich ist es am Anfang schwierig, wenn jemand ins Haus kommt, den man gar nicht kennt, aber ich bin mittlerweile wirklich glücklich, dass der Helferkreis da ist”, berichtet Therese Vonderbank, denn nun habe sie ein Stück weit wieder das erhalten, von dem sie gar nicht ahnte, wie wichtig es ist: Zeit für sich.

Erst einmal ist die Situation aber merkwürdig, nicht nur für die Angehörigen, sondern auch für die Betreuer, die sich auf jeden Kranken einstellen müssen. Daher empfiehlt Beraterin Anita Otten vom Helferkreis auch, dass beim ersten Gespräch auch der Erkrankte mit von der Partie ist. Schließlich ginge es um ihn. Und so könnten sich Ehrenamtler und Patient gleich kennen lernen.

„Das klappt aber leider nicht immer”, sagt ihr Mann Martin Otten, selbst ehrenamtlicher Betreuer. Vielen Angehörigen sei die Krankheit unangenehm, mit der Folge, dass sie eher dazu tendieren, den Kranken zu isolieren, als offen mit der Diagnose umzugehen, bedauert Otten, der wie die anderen Ehrenamtler eine Weiterbildung bei der Verbraucherzentrale gemacht hat. Diese ist notwendig, wenn man sich beim Helferkreis engagieren möchte, denn Betreuung sei weitaus mehr als ein bisschen Händchen halten und Mensch-ärgere-dich-nicht-spielen, sagt Anita Otten. Jeder Patient sei schließlich anders. Darauf müssen sich die Begleiter einstellen. „Manche gehen gerne spazieren, andere machen lieber etwas mit den Händen, das muss man erst einmal herausfinden”, erklärt die staatlich geprüfte Altenpflegerin. Damit sich eine Beziehung aufbauen kann, achtet Anita Otten darauf, dass die Patienten in der Regel feste Begleiter haben. Das mache vieles leichter, denn ein Demenz-Kranker akzeptiere längst nicht jeden.

Ein anderer Gesprächspartner

Damit hatten Görtz, Förster und Vonderbank glücklicherweise keine Probleme. Im Gegenteil: „Mein Vater freut sich sogar, er weiß, dass ein anderer Gesprächspartner da ist, jemand, dem er etwas erzählen kann. Ich kenne seine Geschichten ja schon alle”, sagt Therese Vonderbank lächelnd. Sie weiß, dass ihr Vater, Friedrich Duda, gerne erzählt, besonders von früher, davon wie es gewesen ist, als er noch jung war und als Schornsteinfeger gearbeitet hat.

Begleiter müssen in solchen Fällen natürlich auch gerne zuhören, sonst habe es gar keinen Sinn, sich als Ehrenamtler zu melden. Am wichtigsten sei aber, dass ein Begleiter mit dem Herzen bei der Sache ist und gerne mit älteren Menschen arbeite, erklärt Elena Francois, die ebenfalls für den Helferkreis aktiv ist. Denn dann könne man sich auch auf die Menschen einlassen, ihre Eigenheiten akzeptieren, damit alle ein wenig zufriedener sein können. Getreu dem Leitspruch des Helferkreises: „Es geht darum, dass der Mensch seinen Weg auch in Würde gehen kann. Das heißt, all das für einen hilfsbedürftigen Menschen zu tun, was dieser selbst für sich tun würde, hätte er die Kraft, den Willen und das Wissen dazu.”
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