Vor 25 Jahren: „Schwarzes Gold“ hat endgültig seinen Wert verloren

Von: Karl Stüber
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Der Tag X ist erreicht: Am 18. Dezember 1992 wird auf „Emil Mayrisch“ in Siersdorf die letzte Kohle gefördert. Unsere Zeitung titelt: „Keine Kohle mehr: So richtig begreifst du das erst Tage später.“ Foto: Wolfgang Sevenich
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Mit der Videokamera das Aus der Kokerei dokumentiert: Hans Vorpeil (r.), hier mit Betriebsführer Hans Consten. Foto: Wolfgang Sevenich
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Mann mit Helm: Arbeitsminister Norbert Blüm (r.) war einer der Politiker, die Geld locker machten. Foto: Wolfgang Sevenich

Nordkreis. „Es war ein epochales Ereignis, das uns alle wie ein Schlag mit dem Hammer traf!“ Der Alsdorfer Hans Vorpeil, damals SPD-Landtagsabgeordneter und beim Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) einer der Verantwortlichen für Personal- und Sozialwesen, erinnert sich noch gut an jenen 11. Dezember 1987, den „Schwarzen Freitag“ für die Aachener Region, für das Wurmrevier und speziell für Alsdorf.

An jenem denkwürdigen Datum vor 25 Jahren tagt in Bonn die Kohlerunde, eine Zusammenkunft von Vertretern aus Wirtschaft und Politik. Und der Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) hat zur Jubilarehrung ins Aachener Eurogress eingeladen. EBV-Chef Günter Meyhöfer übernimmt bei diesem Fest die undankbare Aufgabe, über das Ergebnis der Beratungen in Bonn die Festgäste zu informieren.

Der Kern der Botschaft im Zuge des Kapazitätsabbaus der Steinkohleförderung lautet: Aus für die Grube „Emil Mayrisch“ im nahen Siersdorf, die unter Tage mit dem Betriebsfeld Anna in Alsdorf zu einem Verbundbergwerk zusammengeschlossen ist. Und: Die Ruhrkohle übernimmt den EBV.

Keiner soll arbeitslos werden. Wirklich? Wie soll das denn gehen? Sie haben es schon länger kommen sehen, die Bergleute. Sie haben immer wieder für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze gekämpft. Nun hat zumindest die Ungewissheit ein Ende. Aber was kommt dann? Es geht um 8000 Arbeitsplätze, das ist die Gesamtbelegschaft der EBV-Betriebe in Alsdorf, Aldenhoven und Herzogenrath. Die fünf Jahre Galgenfrist bis zum Ende der Steinkohleförderung wollen genutzt sein.

Hans Vorpeil, gelernter Ingenieur für Maschinenwesen, ist damals gerade einmal zweieinhalb Jahre im Landtag. Nun kommt ihm und den anderen Mandatsträgern die wichtige Aufgabe zu, dafür zu trommeln und Strippen zu ziehen, dass das Auslaufen des Steinkohlenbergbaus sozialverträglich gestaltet wird. Dass keiner ins Bergfreie fällt.

Dafür gilt es, Entscheidungsträger bei Land, Bund und dem EBV zu beknien, mit ins Boot zu holen. „Kohle“ für das Aus der Kohle, für die Bergarbeiter und ihren Familien muss her. Geld für Umstrukturierung und neue Arbeitsplätze will beschafft sein. Aber wer will ein für tot erklärtes Pferde noch füttern – und das mit Steuergeldern?

Vorpeil hat sich im Landtag schnell auf die Kernkompetenz Wirtschafts- und Strukturpolitik konzentriert. Für den Alsdorfer Stadtverordneten, Mitglied in der IGBE, beginnt eine dramatische Zeit – mit einem mittlerweile ansehnlichen Zwischenergebnis, wie er meint.

Damals hätte er sich nicht träumen lassen, dass dort, wo 1987 noch der Bergbau läuft, mitten in Alsdorf, einmal ein neues Herz schlagen wird. Unlängst hat der Ehrenbürger Vorpeil in der Stadthalle die Auftaktveranstaltung zum Großprojekt „Soziale Stadt – Alsdorf-Mitte“ verfolgt – und einen weiteren Schritt hin zur Verwirklichung des Kultur- und Bildungszentrums, in das städtisches Gymnasium und Realschule einziehen sollen.

Der Vollblutpolitiker im Unruhestand, der immer noch die Geschicke des Vereins für berufliche und allgemeine Weiterbildung leitet – auch so ein „Kind“ des Strukturwandels –, sieht nun die Euregiobahn über die Trasse rauschen, über die einst Dampflokomotiven wie die legendäre Anna 8 stampften. Hans Vorpeil, der im Februar 76 wird, hat sich die Geschehnisse noch einmal vor Augen geführt, hat schriftlich unter dem Titel „Nach der Ohnmacht der entschlossene Neubeginn“ festgehalten, wie das war, damals vor 25 Jahren – und was in den darauf folgenden Jahren geschah.

„Zeitenwende“

„Die Jahre 1987 bis 1996 könnte man für den Nordbereich der Aachener Region, insbesondere für Alsdorf, als ‚Jahrzehnt der industriellen und strukturellen Zeitenwende‘ bezeichnen“, sagt er. Immerhin hatte die Steinkohle entscheidend zu Wohlstand und schnellem Wachstum der Bevölkerung in den Gemeinden des Nordkreises beigetragen. „Steinkohle, das schwarze Gold!“ Sicherlich kein glänzendes, weiß er mit Blick auf die Auswirkungen auf die Umwelt. Aber die entscheidende Einkommensquelle und der Job-Motor über Jahrzehnte.

Die erste Reaktion damals ? Vorpeil ist wieder im Eurogress an jenem 11. Dezember 1987. „Man empfand Ohnmacht und eine nie gekannte Hilflosigkeit!“, sagt er zum endgültigen Aus für die Steinkohle im Wurmrevier. „Es entwickelte sich eine noch nie erlebte Entschlossenheit über die Parteigrenzen hinweg. Man hatte ein gemeinsames Ziel: Die Zeit danach als Chance für die Zukunft zu nutzen.“ Die Rolle des unvergessenen Ministerpräsidenten von NRW, Johannes Rau, war aus Sicht von Vorpeil von zentraler Bedeutung.

Was folgte, waren zwar letztlich das Aus für die Kokerei Ende September 1992 und die Förderung der letzten Kohle auf „Emil Mayrisch“ am 18. Dezember 1992, nachdem bereits am 23. Dezember 1983 die Förderung der Schachtanlage Anna in Alsdorf eingestellt worden war. Das war aber auch die aus seiner Sicht sozialverträgliche Lösung, waren (Vor-)Ruhestandsregelung, die Vermittlung von Kumpel zu Rheinbraun in die Braunkohle und das Schaffen neuer Arbeitsplätze und Infrastruktur.

„Es waren aber nicht nur die öffentlichen Mittel, die dies bewirkten. Es war vor allem die Willenskraft der Menschen einer kämpferisch eingestellten Region, die sich nicht dem unvermeidlichen Supergau ohne Gegenwehr und Alternativen hingeben wollten“, sagt Vorpeil. „Das Letztere war die faszinierende Erfahrung, die ich in dieser Zeit gemacht habe.“

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