Alsdorf - Vierbeiner trainieren für alle Notfälle

Vierbeiner trainieren für alle Notfälle

Von: Heike Eisenmenger
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Rein und durch: Der Lauf durch
Rein und durch: Der Lauf durch solch ein langes Plastikrohr ist für normale Hunde schwierig, doch für Rettungshunde ein Klacks. Foto: Heike Eisenmenger

Alsdorf. Alles, was nicht steht oder geht, ist verdächtig: Das ist die Maxime von Sue und ihren vierbeinigen Kollegen. Personen, die krabbeln, liegen oder hocken, werden deshalb „gemeldet”. Das ist schließlich Sues Job.

Der Australian Shepherd mit der drollig ausschauenden Schwarz-Weiß-Zeichnung ist ein ausgebildeter Rettungshund. Er und sein Frauchen, Sabine Fichtner, gehören zur DRK-Rettungshundestaffel der Städteregion Aachen, die sich jüngst in Alsdorf präsentiert.

Was Sue und ihre Kollegen können, wird im Rahmenprogramm eines Blutspendetermins des Deutschen Roten Kreuzes in der Stadthalle gezeigt. Am Ende des Tages zählt der DRK-Ortsverein immerhin 130 Blutspender. Weil dennoch insgesamt zu wenige Menschen Blut spenden, rührt das DRK Alsdorf mit Vorführungen die Werbetrommel. Dieses Mal sind die Vierbeiner die Stars.

Gegenüber der Stadthalle auf dem Denkmalplatz hat das DRK zwei Zelte errichtet und lädt die Blutspender zum ausgiebigen Frühstück ein. Den größten Teil des Platzes beansprucht die Rettungshundestaffel. Um das Leistungsvermögen der gelehrigen Vierbeiner zu veranschaulichen, haben die Ehrenamtler einen Parcours mit Feuerring, Wippe, Kartonhaus, einem 20 Meter langen Plastikschlauch und einem drei Meter hohen Gerüst gebaut.

Die Hunde und ihre Besitzer verbindet eine besonders innige Beziehung, das wird bei der Vorführung deutlich. Vierbeiner und Zweibeiner verbringen schon bei der monatelangen Ausbildung viel Zeit miteinander, und im Prinzip endet die Ausbildung nie. Stetiges Training ist unerlässlich, damit der Hund leistungsfähig bleibt. Vertrauen ist beiderseitig in dieser Partnerschaft: „Der Hund muss wissen, dass die Situation, in die er geschickt wird, in Ordnung ist, dass er sich auf seinen Menschen verlassen kann. Ebenso muss der Mensch sich seines Hundes sicher sein”, erklärt Rettungshundeführerin Birgit Poschen.

Anspannung löst sich

Dass Menschenleben bei einem realen Einsatz auf dem Spiel stehen, ist dem Hund in dem Ausmaß nicht klar. Aber er spürt sehr wohl, wie sich Anspannung und Stress lösen, wenn er das „Spiel” gut gespielt hat. „Der Hund betrachtet das Ganze als spannendes Spiel”, beschreibt Ausbilderin Bettina Kasen die Sichtweise der gelehrigen Vierbeiner.

„Wir nutzen den natürlichen Spiel- und Fresstrieb des Hundes”, führt Kasen aus. „In dieser Beziehung sind Hunde uns Menschen durchaus ähnlich. Belohnung ist der Schlüssel zum Erfolg in der Ausbildung, aber auch bei den Einsätzen. Ohne Belohnung würde der Hund die Motivation verlieren.” Besonders beliebt bei den Hunden der Rettungsstaffel ist ein Spielzeug in Form eines Stricks, mit dem es sich wunderbar rangeln lässt.

Die Belohnung steigern

Der Grad der Belohnung kann durch die Art und Weise, wie der Hundeführer mit seinem Tier spricht, deutlich gesteigert werden. „Als ich neu in der Rettungshundearbeit war, fand ich es anfangs ein wenig merkwürdig, dass die Hundeführer in einem fast schon quietschend hohen Ton ihre Hunde loben”, erzählt Rettungshundeführerin Birgit Poschen. Doch mit hoher Stimme „bestätigt” man die Tiere. Gelobt wird etwa ein nachtschwarzer Labrador, der auf dem Denkmalplatz die Leiter eines Gerüsts erklommen hat. „Das ist für einen Hund schwierig, denn er hat in den Hinterläufen keinen Tastsinn”, erklärt Birgit Poschen.

Das demonstrierte Springen durch einen brennenden Reifen, das ein wenig von einer Zirkusnummer hat, soll den Hund an die Situation nach einem Erdbeben gewöhnen. Bei einem Erdbeben bersten Gasleitungen, es brennt, Rauch steigt aus den Trümmern empor: Die Gerüche und der Anblick des Feuer würden einen „normalen” Hund aus der Fassung bringen. Nicht aber einen Rettungshund.

Keine „Lassies”

Davon, dass der Vierbeiner seinen „Job” gut macht, hängt mitunter ein Menschenleben ab. Rettungshunde sind aber keine „Lassies”, denen menschlicher Verstand angedichtet wird. Zwischen Übung und Ernstfall unterscheiden, kann der Hund aber schon. Bei einem realen Einsatz spürt er die Erregung seines Besitzers und die der Menschen um ihn herum. Der Vierbeiner nimmt die Angst, die den Opfern förmlich aus allen Poren strömt, wahr. Mit seiner feinen Nase riecht er das Adrenalin, das den menschlichen Körper in Stresssituationen flutet.

Weste ist Erkennungsmerkmal

Das Anziehen der Rettungsweste ist für den Hund ebenso ein Erkennungsmerkmal, dass nun Leistung von ihm erwartet wird. Es ist das Zeichen, dass das „Spiel” beginnt. „Außerdem ist das Tier durch die Weste als Rettungshund zu erkennen”, ergänzt Poschen.

Auch das Glöckchen am Halsband hat eine Funktion: „So können wir unsere Hunde akustisch orten, auch wenn sie außerhalb des Sichtkontaktes sind, weil sie zum Beispiel ein Trümmerfeld absuchen.”

Personen in einer atypischen Haltung aufzuspüren, ist für den Hund das Ziel des „Spiels”. „Die Hunde sind trainiert auf Menschen, die auf dem Boden hocken, liegen, über einen Zaun oder an der Decke hängen. Sie reagieren auf alles, was nicht dem normalen Verhalten entspricht”, beschreibt Poschen die Suchkriterien des Rettungshundes.

Einer der DRK-Ehrenamtler spielt den Verletzten und legt sich auf den Boden. Sue, der schwarz-weiße Australian Shepherd, kann es gar nicht erwarten, bis sein Frauchen endlich das Kommando zur Suche erteilt.

Der Hund überschlägt sich fast vor lauter Arbeitseifer. Doch wie ist das in einer Krisensituation? Wenn womöglich Menschen unter Trümmern begraben sind und ihre Überlebenschance mit jeder Minute, die verstreicht, sinkt? „Wir haben bei einem Einsatz wohl die Möglichkeit, das Spiel zu erweitern, dem Hund zu suggerieren, dass das Auffinden einer weiteren Person noch zur Aufgabe dazu gehört. Ab einem bestimmten Punkt braucht der Hund aber seine Belohnung.”

Kurze Auszeit

Das sei auch gut so. „In der kurzen Auszeit hat man die Gelegenheit, die Situation in ihrer Gesamtheit noch mal zu überdenken”, erklärt Kasen. „Man überlegt, ob man in dem abgesuchten Bereich nicht vielleicht eine Stelle übersehen hat, was bei der emotionalen Belastung und auch dem physischen Stress passieren könnte. Der Hund zwingt dich zur Ruhe”, resümiert Bettina Kasen und streichelt zärtlich den Kopf ihrer Labradorhündin. Der Hund heißt Paula und liegt ganz entspannt an ihrer Seite. Und zwar ohne Weste, denn jetzt hat Paula erstmal Pause.
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