Unfall auf der B 57: Ist der Fahrer schuldfähig?

Von: Wolfgang Schumacher
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Aachen/Würselen. Die Weltformel habe er entdeckt. Nicht nur das, auch die berühmte Einstein'sche Formel weiterentwickelt zu einer letztgültigen Erklärung des Universums, hatte Markus H. aus Würselen vergangenen Sommer geglaubt. So verwirrt sei er kurz vor der tragischen endenden Autofahrt am Abend des 26. Juli 2016 „drauf“ gewesen. Das sagte der 33-jährige Ehemann und Vater von erst eineinhalbjährigen Zwillingskindern am Donnerstag vor dem Aachener Schwurgericht.

Der Elektromonteur hatte seinen Ford Focus genommen, war von zu Hause weggefahren, „um den Zettel mit der Weltformel wieder zu holen“, den er an dem Samstagmittag seiner Schwester zur Aufbewahrung mitgegeben hatte. Als er auf der Aachener Straße in Richtung Kaisersruh fuhr, habe er im Fußraum des Beifahrersitzes ein „Licht“ gesehen, in dem der Zettel mit der Formel geglänzt habe.

Er habe sich während der Fahrt auf der Bundesstraße 57 gebückt und danach gegriffen. Dann sei es passiert: „Ich sah nur noch ein Licht“, beschrieb der 33-Jährige die folgenschwere Ablenkung. Er raste mit knapp 140 Stundenkilometer auf der anderen Straßenseite frontal in das entgegenkommende Fahrzeug einer 26-jährigen Frau, die von der nahen Autobahnauffahrt in Richtung Würselen unterwegs war. Markus H. hat den schweren Unfall überlebt, die junge Frau nicht.

Die Staatsanwaltschaft geht in diesem Fall davon aus, dass Markus H. bewusst auf die Gegenfahrbahn gefahren ist, um sich zu töten. Anlass für die Annahme sind unter anderem Suizidäußerungen des Verletzten, als dieser auf der Intensivstation der Aachener Uniklinik lag.

Allerdings geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass H. bei der Tat, die juristisch als Totschlag und als ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr gewertet wird, an einer krankhaften Psychose litt, die unter anderem auch durch seinen regelmäßigen Cannabiskonsum hervorgerufen wurde. Das Gericht muss in diesem Fall entscheiden, ob der Unfall absichtlich herbeigeführt wurde und sich der Beschuldigte dabei im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte befand. Das war er vermutlich nach den ersten Zeugenaussagen am Donnerstag nicht.

H. beschrieb, wie er am Abend zuvor sich immer wieder im Netz Videos mit Inhalten der Quantenphysik angesehen habe, so sehr beschäftigte ihn das Thema „Weltformel“. Die 41-jährige Schwester von Markus H. sagte aus, ihr Bruder sei vor dem Vorfall ein durch und durch positiver und fröhlicher Mensch gewesen, habe sich liebevoll um seine Zwillinge gekümmert, kurz vorher sei der einjährige Kindergeburtstag gefeiert worden.

Nur mit der Arbeit im Familienbetrieb sei er in den letzten Monaten überfordert gewesen. Es habe viel Stress gegeben, so viel, dass Markus H. manchmal die Tränen in den Augen gestanden hätten. An dem Samstag habe er sie, die Schwester, morgens angerufen und gesagt: „Ich hab‘ es jetzt!“. Sie solle kommen und die Weltformel an sich nehmen. Das tat die Schwester dann auch. Sie versuchte gemeinsam mit der Ehefrau, Markus H. zu beruhigen. Das sei ihr auch gelungen.

Dann wollte man weitersehen. Es folgte dann am Abend das tödliche Geschehen zwischen Würselen und Aachen. Die angebliche „Weltformel“ hatte die Zeugin in der Handtasche, legte den mittelgroßen Zettel dem Gericht vor. Da stand die Einsteinsche Formel „e=mc2“, sie war mit einigen Zahlen der Algebra kombiniert, ein völlig belangloses Dokument. Der Prozess wird am 22. Februar fortgesetzt.

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