Nordkreis - Tante Emma lebt noch, muss aber kämpfen

Tante Emma lebt noch, muss aber kämpfen

Von: Stefan Schaum
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Hier ist Arbeit Familiensache: Angela und Willibert Kraus halten den Beggendorfer Lebensmittelladen als Duo in Schwung. Foto: Stefan Schaum
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„Tante Emma“ aus Leidenschaft: Für Heidi Suttrup ist ihr Laden in der Broicher Siedlung mehr eine Herzensangelegenheit als Broterwerb.

Nordkreis. Seit Heidi Suttrup den Laden schmeißt, gibt‘s Tante Emma auch im Internet. Als die 50-Jährige vor gut einem Jahr das Lebensmittelgeschäft in der Broicher Siedlung übernahm, hat sie sich für eine Mischung aus Nostalgie und Moderne entschieden. Im Schaufenster stehen unterm großen „Tante Emma“-Schriftzug Primeln in Töpfchen auf blau-weiß karierten Decken.

Das sah vor 50 Jahren nicht anders aus. Doch welche Angebote es in ihrem Laden gibt, können Kunden mittlerweile unter www.my-tante-emma-laden.de erfahren. Damit hofft sie, neue Käufer anlocken zu können. Die Omas von nebenan kommen ja schon zu ihr. Doch von denen allein kann sie eigentlich nicht leben.

„Ich mach hier Nahversorgung, weil mir das am Herzen liegt“, sagt die Frau, die selbst gar nicht aus der Nachbarschaft kommt, sondern in Baesweiler lebt. Doch vor 20 Jahren hat sie als Verkäuferin in diesem Laden angefangen. Als nach mehreren Inhaberwechseln das ganze Ding zu scheitern drohte, hat sie das Ruder übernommen. „Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, die Schließung zu erleben.“ Vielleicht muss sie das aber. „Wir kämpfen hier täglich ums Überleben“, sagt sie. Meist steht am Monatsende bloß eine schwarze Null. Damit kommt sie hin. „Mein Mann sichert unser Einkommen, so kann ich den Laden machen.“ Ein Hobby, wenn man so will. Das sichert allerdings zehn Arbeitsplätze. Heidi Suttrup leistet sich so viel Personal, weil sie genau das will: „Hier werden Kunden noch mit Namen begrüßt und beraten. Und hier ist auch mal Zeit für ein persönliches Gespräch.“

Ein Laden als Zentrum des Dorfes – das scheint auf diesen knapp 200 Quadratmetern noch möglich zu sein. „Find‘ ich super“, sagt Klara Born. Die 66-Jährige wohnt gleich um die Ecke, „ich kauf eigentlich alles hier ein“, sagt sie. Hier kennt man sie, hier kennt sie alle. „Guten Morgen Frau Born, ihre bestellten Rouladen sind da“, tönt es von der Fleischtheke rüber, als sie den Laden betritt. Sie lächelt. „Da fühlt man sich gleich wohl, wenn man reinkommt.“ Noch könnte sie zwar mit dem Auto umliegende Discounter ansteuern. Will sie aber nicht. „Wenn ich den Sprit abziehe, ist‘s auch nicht billiger – und bald kann ich doch eh nicht mehr fahren.“ Ein Leben im Dorf ohne ein einziges Geschäft – für sie ist es schwer vorstellbar.

Ein Service wie im Kiosk

Für Willibert Kraus auch nicht. Schließlich war sein Papa schon Kaufmann und auch der Opa. Heute führt er deren Laden in Beggendorf, gleich gegenüber der Kirche. „Tag Willibert“, sagt ein Knirps der ins Geschäft kommt. Bloß ein paar Süßigkeiten möchte der Junge, also nimmt der 54-Jährige eine Papiertüte und packt geduldig die gewünschten Bonbons und Gummibärchen aus Dosen hinein. Ein Service wie es ihn sonst nur am Kiosk gibt. „Ich erfülle solche kleinen Wünsche gern“, sagt Willibert Kraus. Großeinkäufe finden hier ohnehin selten statt. „Da wird rausgefahren zu den Supermärkten.“ Was für ihn übrigbleibt? Ein verkauftes Paket Zucker hier, eine Tüte Milch dort. Dinge, die andernorts vergessen wurden. Wurmt ihn das? „Manchmal schon.“ Doch spüre er insgesamt, „dass ich im Dorf gebraucht werde. Ich sehe so einen Laden als Muss für einen kleinen Ort“.

Mittags hakt er Bestellzettel ab und packt seinen Wagen voll. Dann liefert er aus. Zu Senioren und Kranken, die nur schwer aus dem Haus kommen. Viel verdient er an dem Service zwar nicht, doch sei er wichtig. „Die Leute verlassen sich auf mich.“ Früher hatte der Laden auch sonntags geöffnet. Doch seit immer weniger Gottesdienstbesucher aus der Kirche kommen und flott noch was besorgen wollen, lohnt sich das nicht mehr. Personal kann er nicht einstellen, doch bis zur Rente will Willibert Kraus noch durchhalten. Den eigenen Kindern hat er aber schon ganz früh geraten: „Macht besser was anderes. . .“

Was kommt, wenn er mal dichtmacht? Er zuckt die Schultern. „Vermutlich nichts. Oder die Leute bestellen alles im Internet. Aber das soziale Miteinander hier im Laden – das ist dann ganz weg.“

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