Szenische Standbilder untermauern das Grauen

Von: mabie
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Baesweiler. „Es sind auch Baesweiler Bürger gewesen, die in der Pogromnacht mitgewirkt haben!“ Das machte Alexander Lohe, Vorsitzender des Geschichtsverein Baesweiler, bei der Gedenkveranstaltung am Sonntag deutlich.

Im Foyer des Settericher Rathauses waren mehr als 100 Gäste erschienen, um an Judenverfolgung und Terror des nationalsozialistischen Regimes zu erinnern, der vor 75 Jahren zur Pogromnacht geführt hatte.

Damals wurde auch das Bethaus in Setterich niedergebrannt und in der Folge wurden die jüdischen Familien mit insgesamt 44 Menschen im heutigen Stadtgebiet ausgelöscht. Bei der Gedenkveranstaltung fand sich nun eine Mischung von Altersschichten zusammen, die auch Bürgermeister Dr. Willi Linkens erfreute. „Insbesondere das Mitwirken der Schulen und auch der Besuch von Rabbi Max Mordechai Bohrer finde ich an diesem Tag besonders wichtig“, so Linkens.

Gerade für junge Menschen sei es wichtig zu wissen, dass auch in Baesweiler unschuldige Opfer zu beklagen sind. „Auch wenn die junge Generation von heute nicht verantwortlich für das ist, was damals geschah, ist sie selbstverständlich verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird“, betonte Linkens.

Das Erinnern an den größten und schlimmsten Völkermord in der Geschichte der Menschheit dürfe nie aufhören. „Ich wünschte, dass wenigstens unsere Stadt damals eine Ausnahme gebildet hätte“, sagte er weiter. Auch wenn der Befehl Hitlers zum Stillhalten der Polizei nicht weitergegeben wurde und der Ortspolizist versucht habe, jüdisches Eigentum vor dem Mob zu schützen, konnten Schäden an dieser denkwürdigen Nacht nicht verhindert werden.

Wie aktuell und lebendig der Naziterror nach wie vor sei, lasse sich laut Dr. Linkens auch am Beispiel der rechtsextremen Terrorzelle NSU ablesen. „Wir müssen unsere Lebenswirklichkeit kritisch prüfen und wir sind immer wieder zum Handeln aufgefordert.“

Neben den eindringlichen Liedern, die der Männergesangverein Setterich unter Leitung von Elena Sibirtseva im Programm hatte, zeigten auch die künstlerischen Beiträge von Goetheschule, Realschule und Gymnasium, dass das Gedenken bei den Schülern angekommen ist.

Die Goetheschüler berichteten in Impulstexten von der systematisch betriebenen Entrechtung und Erniedrigung von Menschen jüdischen Glaubens bis zu deren bis ins Detail geplanter Vernichtung. Dabei legten sie einen Fokus auf Dinge, die das Geplante des Völkermordes verdeutlichen, wie zum Beispiel die von der Reichsbahn exakt berechneten „Fahrpreise“ der Menschen, die in Güterwaggons gepfercht ihrem sicheren Tod entgegenfuhren.

Die Realschule setzte das Gedenken in eigens entwickelten Werke um, die in plakativen Ansätzen die Verbrechen rekonstruierten oder in dreidimensionalen Kunstwerken an Leben und Leid der Opfer erinnerten. Das Gymnasium war mit drei szenischen „Standbildern“ dabei, in denen Schüler das Unfassbare der Zerstörung durch den Mob und der Vernichtung von Menschen darstellten und sich gegen Wegsehen aussprachen.

„Ich bin zutiefst gerührt und dankbar, dass es Nicht-Juden sind, die sich darum bemühen, das Gedenken zu erhalten“, ergänzte Rabbiner Max Mordechai Bohrer, der sein Gebet für den Seelenfrieden der Opfer in Hebräisch sang und auf Deutsch hielt. Eindrucksvoll ließen abschließend Heinz Keutmann vom Geschichtsverein Setterich und Alexander Lohe vom Geschichtsverein Baesweiler die lokal verorteten Teile dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte Revue passieren.

So zeigte Keutmann auf, dass alle zum Zeitpunkt der so genannten „Machtergreifung“ 1933 in Setterich ansässigen Juden anerkannte Mitbürger waren, die alle im Holocaust ihr grausames Ende nahmen. Alexander Lohe blickte auch ins Jahr 1842, wo in einer öffentlichen Stellungnahme Baesweilers im Zusammenhang mit der rechtlichen Gleichstellung von Juden schon viele Vorurteile erkennbar seien. „Das zeigt, dass der Hass und die Hetze der NS-Diktatur nicht voraussetzungslos sind“, schloss er.

Die Ausstellung der beiden Geschichtsvereine zum Thema Reichspogromnacht ist noch bis Freitag, 22. November, im Rathaus Setterich zu sehen. Anschließend können Interessierte sie bis zum 6. Dezember im Rathaus an der Mariastraße besuchen.

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