Syrische Familie hat Hoffnungen auf einen guten Neuanfang

Von: Beatrix Oprée
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Das freundliche Lächeln soll nicht darüber hinwegtäuschen, was Sanah, Naya und Abdullah I. an Schrecken durchlebt haben und in ihrer Heimat aufgeben mussten. In Herzogenrath sind Integration und baldige Eigenständigkeit ihre vornehmlichen Ziele. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Die syrische Familie um Sanah, Abdullah und Naya L. entkommt nur knapp den Massakern bei Damaskus.Auf ihrer Flucht erlebten sie viele Schreckenserlebnisse. Ihr neues Zuhause haben Sie jetzt in Herzogenrath gefunden und blicken einer hoffentlich guten Zukunft entgegen.

Naya hat ein gewinnendes Lächeln. Ihre braunen Augen funkeln, wenn sie von ihrem größten Hobby erzählt: Fußball spielen. In der Sportvereinigung Straß kickt die Zwölfjährige – zusammen mit den Jungs. Sportreporterin zu werden, das wäre toll, strahlt sie. Querflöte spielen ist ihre zweite Leidenschaft. Musikunterricht hat zu ihrem Leben gehört, seit sie laufen kann. Und Schwimmen. Und im Chor singen … Doch immer wieder fällt ein Schatten über ihr hübsches Gesicht, blicken ihre großen Augen ernst in die Runde. Was sie schon alles gesehen haben, will erst noch verarbeitet werden. Irgendwann.

„Der Krieg in Syrien“ heißt ein Schulaufsatz, in dem die Zwölfjährige in kindlicher Direktheit von der Angst berichtet, die sie durchlebte, als immer neue Detonationen ihren Wohnort erschütterten. Als die ganze Familie im Keller Schutz suchte. Wie sie sich schließlich hinaus getraut haben und ins Dorf der Großeltern flohen. Wie ein Soldat auf dem Weg dorthin einen Menschen erschossen hat. Von der Autobombe, die vor dem Haus der Großeltern explodierte. Vom Onkel, der als Assad-Gegner vom Geheimdienst interniert wurde.

„Ich bin nach Deutschland gekommen, aber ich habe mein glückliches Leben in Syrien verloren“, bilanziert Naya. Ein Satz wie ein Aufschrei gegen alle Kriegstreiber der Welt. Stellvertretend für eine Million entwurzelter Kinder alleine aus ihrem Land.

Ein Asylbewerberheim in Herzogenrath ist das neue Zuhause von Naya, ihrem neunjährigen Bruder Mido und ihren Eltern Abdullah und Sanah I. Drei kleine Zimmer, die das Wenige fassen, was die Familie aus ihrem bisherigen Leben gerettet hat.

„Wir waren immer zu Besuch bei unseren Verwandten, und ich vermisse sie jetzt, ich vermisse Syrien, ich vermisse alles“, schreibt Naya in ihrem Aufsatz. Die Familie stammt aus Kudsaya, einer Vorstadt von Damaskus. Amateurfilme und Agenturberichte im Internet belegen, was das Mädchen dokumentiert hat, zeugen von Attentaten und Massakern genau an dem Ort, wo die Familie einmal ein gutbürgerliches Leben führte. Beide Eltern als Bauingenieure, der Vater überdies als Vertriebsleiter und Miteigentümer einer Firma für Büromöbel. „Wir haben immer hart gearbeitet, um unseren Kindern gehobenen Lebensstandard und gute Bildung zu gewährleisten“, sagt die Mutter. Dann kam die Revolution, die so hoffnungsstark begann. „Assad muss weg, er ist ein Diktator“, sagen Abdullah und Sanah I. Doch schließlich wurde der Aufstand der „Ehrlichen“, wie sie sagen, von muslimischen Fanatikern vereinnahmt: „Sie haben unsere Revolution zerstört.“ Mindestens 50 Prozent der Syrer wünschten sich ein westlich orientiertes Leben in Frieden und Freiheit. Doch nun wisse niemand mehr, wie er handeln, wem er trauen könne.

Ein Ende der Gewalt ist nicht absehbar, beobachten Abdullah und Sanah I. nun mit Sorge die Interventionsbestrebungen der USA: „Krieg ist nie eine Lösung, sondern stürzt einen Staat nur noch in größeres Chaos.“

Im neuen Land so schnell wie möglich Fuß zu fassen, sich ins gesellschaftliche Leben zu integrieren, ist der größte Wunsch der Eheleute, sie sich als Studenten des zweiten Semesters im Fachbereich Geotechnik an der Universität in Damaskus kennenlernten. Beide lächeln sich an. Davon zu erzählen, erfüllt sie mit Freude – Erinnerungen an gute Zeiten in der Heimat, die in Deutschland aufleben sollen. Noch sind viele Hürden zu überwinden. Zunächst mit einem Touristenvisum, Abdullahs Bruder und deutsche Schwägerin sind Ärzte in Würselen, hatten sie in der Region voller Optimismus Ausschau gehalten nach Job-Möglichkeiten. Doch ohne Deutschkenntnisse, so wurde ihnen trotz ihres hohen beruflichen Know-hows und guter englischer und französischer Sprachkenntnisse bescheinigt, sei dieses Unterfangen hoffnungslos. Um bleiben zu können, blieb nur der Asylantrag. „Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens“, sagt Abdullah I.. Hilfe anzunehmen und gleichzeitig zum Nichtstun verdammt zu sein, passen nicht in das Weltbild des tatkräftigen Mannes, der es wie seine Frau als demütigend empfindet, nicht selbst für sich und seine Kinder sorgen zu können. Alle Kraft setzen beide daran, schnell und gut Deutsch zu lernen. Wie zum Beweis zeigt Abdullah I. Unterlagen der Aachener Sprachenakademie. Eine eigene Wohnung ist der andere Wunsch der Eheleute, der bisher trotz Bemühungen noch nicht in Erfüllung gegangen ist. 90 Quadratmeter für höchstens 490 Euro kalt sollten es sein. Möglichst in Herzogenrath, da die Kinder sich gut eingelebt haben. Naya besucht das Gymnasium, wo sie nach kurzer Zeit die Klasse überspringen konnte, in die sie eingestuft worden war. Mido fühlt sich auf der Grundschule Bierstraß wohl. Zurzeit besucht er das Ferien-Sprachcamp der Falken in Merkstein. Die ganze Familie freut sich schon auf das Abschlussfest. An den Aktivitäten ringsum teilhaben, haben sich die I.s zu Maxime gemacht. „Wir haben sehr nette und hilfsbereite Nachbarn“, betont Sanah I. Beim Joggen hat man sich kennen gelernt, Sport bringt die Menschen zusammen. Eine große Unterstützung sei zudem die sehr engagierte evangelische Flüchtlingshilfe in Kohlscheid, sind die Eheleute äußerst dankbar. Ebenso wie für die Hilfe der Stadt.

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