SV Hertha Mariadorf und SV Hoengen: Von Zuständen und Zugeständnissen

Von: Verena Müller
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Mit der Gesamtsituation unzufrieden: Karl-Heinz Dahmen (l.) und Willi Drehsen (r.) auf der Sportanlage „Am Klött“. Geld könnte aus ihrer Sicht helfen.
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Doppelmitglied Josef Jansen im Vereinsheim des SV Hoengen. Foto: Verena Müller
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Das Vereinsheim von Hertha Mariadorf. Foto: Verena Müller

Alsdorf. Wenn man wissen will, was Willi Drehsen, 65, Ein-Mann-Vorstand des Ein-Mannschaft-Vereins Hertha Mariadorf antreibt, gegen die Stadt Alsdorf für den Erhalt seines Sportplatzes zu prozessieren, dann geht man am besten mit ihm durch sein Vereinsheim.Der erste Eindruck: Hier ist seit Ewigkeiten niemand mehr gewesen.

In halb vollen Putzeimern schwimmen Bierflaschenetiketten. Aus einer quer im Raum stehenden Massageliege quillt Schaumstoff. Im Gemeinschaftsraum liegt Müll auf der Theke, deren eine Wand durch Feuchtigkeit wellig und verzogen ist. Aus den Gläsern im Regal hat hoffentlich schon lange niemand mehr getrunken.

Ob sich Drehsen hier wirklich wohl fühlt? „Eigentlich schon“, sagt er, macht eine kurze Pause und sagt dann die entscheidenden Worte. „Wenn man mit neun, zehn Jahren hier im Verein angefangen hat, und wenn man das jetzt alles mitmacht, dann tut einem das schon weh.“

Hinter ihm, über dem Tresen, hängt ein Schal mit dem Vereinsmotto: „Wir gewinnen nicht immer, aber immer öfter.“ Aber genau danach sieht es dieser Tage nicht aus. Und das hat mit Nostalgie wenig zu tun.

Gemeinsam mit Karl-Heinz Dahmen vom SV Hoengen und Doppelmitglied Josef Jansen hat Drehsen beim Verwaltungsgericht Aachen die Klage eingereicht, in der es vordergründig um Platzerhalt an der Blumenrather Straße geht.

Der juristische Schritt ist auf der einen Seite überraschend, da die Zusammenlegung einer ganzen Reihe von Alsdorfer Fußballvereinen und deren Spielstätten im Rahmen des Sportstättenentwicklungsplans 2015-2020 recht geräuschlos vonstatten gegangen war: einhellige Zustimmung durch die Vereine, einstimmiger Ratsbeschluss. Und das, obwohl kaum eine Sportart derart identitätsstiftend und ein Inbegriff von Heimatverbundenheit ist wie Fußball.

Die Erklärung ist einfach. Den Vereinen blieb gar nichts anderes übrig. Die Mitgliederverluste waren dramatisch. 1994/95: über 10185 vereinsgebundene Mitglieder in Alsdorfer Sportvereinen. 2011/12: nur noch 7749.

Konsequenz: Fünf Sportanlagen mit sechs Plätzen sollen bis 2020 verschwinden, nur für drei der insgesamt zwölf Alsdorfer Sportvereine ändert sich nichts. SV Hertha Mariadorf 1932 und SV Hoengen 1916 gehören nicht zu den Ausnahmen. Der Platz an der Blumenrather Straße hatte zuletzt nur eine Auslastung von 40 Prozent. Nur noch niedriger war die der Anlage der SSG GW Zopp und des SC Rot-Weiß Alsdorf mit jeweils 26 Prozent.

Die Klage der Spielgemeinschaft ist auf der anderen Seite wiederum überhaupt nicht überraschend, wenn man die Vorgeschichte kennt: Sie prozessieren nicht zum ersten Mal gegen die Stadt. Und immer ging es um Geld. Oder „Gleichbehandlung“ wie Dahmen es nennt.

Der 45-jährige Verwaltungsmanager findet es ungerecht, dass die beiden kleinen Vereine nicht die gleichen Mittel erhalten wie große. Wie die Landalemannen zum Beispiel, mit ihren 17 Mannschaften, davon 13 Jugendmannschaften.

Dass die Sportförderung maßgeblich davon abhängt, ob ein Verein erstens im Namen der Stadt die Substanz von Anlage und Sportheim erhält sowie zweitens eine Pro-Kopf-Unterstützung in Höhe von drei Euro für die Jugendarbeit erhält, ist allen Beteiligten bekannt.

Gelten lassen wollen sie das nicht. Die Stadt habe die Jugendarbeit von Hertha im Jahr 2011 durch mehrere Platzsperrungen wegen mangelhafter Verkehrstauglichkeit kaputt gemacht. „70, 80 Jugendliche kann man nicht jede Woche nach Begau karren“, sagt Josef Jansen.

Vereine wie Alemannia Mariadorf hätten immer nur die Besten genommen. „Wir auch die nicht so Begabten“, sagt Jansen, das müsse man doch wertschätzen.

Dahmen greift, wie er es gerne tut, noch mal das Thema Geld auf: „Wir sind auf Fördermittel angewiesen“, sagt er. „Für Bälle, Trikots, Anmeldegebühren, Abgaben an den Verband und um den ehrenamtlichen Trainern etwas zahlen zu können.“ Mitgliedsbeiträge würden da nicht ausreichen. Nur: Genau dazu sind sie da. „Wenn es so weitergeht, sind wir 2017 finanziell am Ende“, sagt Drehsen.

Hertha Mariadorf und der SV Hoengen waren zunächst getrennt, firmierten dann gemeinsam unter „SV Union Mariadorf-Hoengen“ – nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass Hertha zeitweise einen vermögenden Gönner im Rücken hatte –, 2014 trat Mariadorf aus der Union aus, um wenig später wieder eine Spielgemeinschaft zu bilden.

Ursprünglich sollte der SV Hoengen im Rahmen des Sportstättenentwicklungsplans den modernen Kunstrasenplatz der Gustav-Heinemann-Gesamtschule „Am Klött“ nutzen und Hertha Mariadorf in die Broicher Siedlung wechseln. Im Falle von Hertha verzögerte sich aber die Anlieferung eines Containers, der als Vereinsheim und Lager verwendet werden soll.

Da Hoengen und Mariadorf eh eine Spielgemeinschaft bilden, bei der Hoengen federführend ist, sollte Mariadorf deshalb übergangsweise auf dem Platz der Gesamtschule trainieren. Dort spielt zwar – zusätzlich zum Schulsport – auch Blau-Weiß Alsdorf, aber selbst mit drei Vereinen ist der Platz nicht ausgelastet. Das wollte Hertha aber nicht. Und die Stadt duldete bis zur Containeraufstellung die Weiternutzung des Blumenrather Platzes.

Drehsen findet, dass „sein“ Rasenplatz qualitativ besser ist als der in der Broicher Siedlung: ein Ascheplatz, der an den Rändern mit Gras bewachsen ist. Uneben sind aber beide.

Inzwischen steht der Container am Rande des Spielfelds. Drehsen hat sich aber noch kein Bild davon gemacht. Schlimmer noch: Zwischen ihm und der Stadt herrscht Funkstille. Drehsen versteht nicht, warum die Stadt seinem Verein den Platz Am Klött zugewiesen und trotzdem einen Container an einem anderen aufgestellt hat.

Warum er nicht nachfragt? „Ich habe nicht nachgefragt, weil ich gerade keine Lust habe, mit der Stadt zu reden. Und wenn man uns eh die Nutzung für die Broicher Siedlung entzogen hat, muss man auch nicht drüber reden.“ Außerdem habe sich die Stadt ihm gegenüber nie an Absprachen gehalten.

Das könnte Alsdorfs Bürgermeister Alfred Sonders so ähnlich auch an Drehsen adressiert sagen. „Obwohl wir Absprachen getroffen haben, flattert uns eine Klage ins Haus“, sagt er. „Ich bin persönlich sehr enttäuscht.“

Noch bei der Feier anlässlich des 100-Jährigen von SV Hoengen habe er versucht, mit Drehsen ins Gespräch zu kommen, der dort an der Kasse gesessen habe. Dahmen habe ihn da beiseite genommen und gesagt: „Das Thema Hertha Mariadorf regel‘ ich.“ Dahmen bestätigt, dass es das Gespräch gegeben hat. Er habe aber nur angedeutet, man könne sich unter gewissen Bedingungen außergerichtlich einigen.

Was daraus geworden sei, sehe man ja jetzt, findet Sonders. Und: Die Gäste im Zelt habe er an einer Hand abzählen können. „So viel zur Ortsgebundenheit des Vereins.“

Denn das ist eines der weiteren Argumente, die die beiden Vorsitzenden ins Feld führen: Die anderen Spielstätten seien zu weit entfernt, statt 5000 Euro Einnahmen bei 15 Spielen hätten sie nur noch 500 Euro bei zehn Spielen, so Dahmen.

„Sein“ Sportplatz ist bereits in Bauland umgewidmet worden, aber der Club hat noch ein eigenes Vereinsheim mitten im Hoengener Wohngebiet. Als Lager werde es benutzt, sagt Dahmen. Bei näherer Betrachtung erfüllt es eher alle Kriterien einer Kneipe: Blank geputzte Theke mit Zapf, gefüllter Kühlschrank, Cocktail-Getränkeliste, Fernseher, elektronische Dartscheibe, Kicker. Alles in gutem Zustand, sauber.

2500 Euro erhält der SV Hoengen von der Stadt für die Instandhaltung, „als Zugeständnis, dass der SV Hoengen umzieht und auf Container verzichtet“, wie der Bürgermeister ausführt.

Mit den Zuständen auf der Anlage Am Klött ist Dahmen – erwartungsgemäß, aber in dem Fall auch zu Recht – nicht zufrieden: Regelmäßig treffen sich hier abends und am Wochenende Jugendliche, hinterlassen Müll und Glasscherben, haben in der Vergangenheit auch schon einmal mit einem Grill ein Loch in den Kunstrasen gebrannt.

Man kann der Stadt Alsdorf in dem Punkt keine Untätigkeit vorwerfen, schließlich hat sie Objektscouts (eine Wiedereingliederungsmaßnahme) eingesetzt, die bis in den Abend hinein ihre Runden drehen und das Ordnungsamt bei Auffälligkeiten informieren sollen. Dem Augenschein nach ist das Problem damit aber noch nicht gelöst.

Insgesamt macht die Anlage und das Drumherum einen ungepflegten und zum Teil demolierten Eindruck. Auch der Schiedsrichterraum (Dahmen: „Dreckstall“) und die Sanitäranlagen („Schimmel“) befinden sich in einem beklagenswerten Zustand.

Aber sieht es im Hertha-Vereinsheim nicht mindestens genauso übel aus? „Es ist ein Unterschied, ob man das selbst pflegen muss oder die Stadt einem sagt, dass sie die Pflege übernimmt und man sei deshalb aus der Förderung raus“, stellt Dahmen Drehsens Position klar.

Laut Sonders steht die Turnhallensanierung Am Klött als nächstes auf der Liste. Er findet es „eigenartig“, dass der Platz für Blau-Weiß offenbar gut genug ist und sich kein anderer (fusionierter) Verein bei ihm beschwer hat. Nur Hertha und Hoengen. „Da wird jedes Problem skandalisiert“, lautet sein Urteil. Nichtsdestotrotz signalisiert er weiterhin Gesprächsbereitschaft. Etwa, was die Innengestaltung des Containers anbelangt.

Karl-Heinz Dahmen steht an der Anlage Am Klött. Er habe eine elfjährige Tochter, erzählt er. Manchmal überlege er sich, ob das alles nicht Zeitverschwendung sei und er nicht lieber mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen solle.

Vermutlich hat er damit gar nicht mal so Unrecht.

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