Würselen - Strategien für ein kultursensibles Miteinander in Sachen Pflege

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Strategien für ein kultursensibles Miteinander in Sachen Pflege

Von: Beatrix Oprée
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Längst Alltag: Ärtze und Patienten aus unterschiedlichen Kulturen. Projektteilnehmerinnen Lena Dizim und Serin Alma wissen, worauf es ankommt. Foto: Oprée
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Andere Länder, andere Sitten. In östlichen Kulturen wird die Hilfe von Freunden oft als Schwäche angesehen. Eine große Umstellung für Pflegekräfte. Foto: dpa

Würselen. Es war eine bedrückende Erfahrung, die die Krankenschwester lange mit sich herumgetragen hatte: die offen geäußerte Abweisung durch die Familie eines sterbenden Patienten. Eine Ablehnung, die sie, der die Pflege des Totkranken oblag, nicht nachvollziehen konnte.

Erst jetzt hat sie erfahren, was dahinter steckte: „In muslimischen Familien ist es ungewöhnlich, in schwierigen Situationen von Fremden begleitet zu werden“, sagt Lena Dizim, Case-Managerin an der Lungenklinik des Rhein-Maas Klinikums (RMK). „Die muslimische Familie ist ein abgeschlossenes System, man hilft sich selbst, nichts dringt nach draußen.“ Wer Hilfe brauche, laufe Gefahr, als Versager zu gelten. Und so habe die Krankenschwester durch ihr umsorgendes Handeln am Krankenbett implizit vermittelt, dass das System der Familie des Sterbenden nicht funktioniere. „Es war eine große Erleichterung für die Pflegekraft, jetzt den wahren Grund zu erfahren“, sagt Dizim.

Nur ein Beispiel aus dem Alltag einer Klinik, das offenbart, welche Herausforderungen durch Menschen mit Migrationshintergrund in den kommenden Jahren auf das Gesundheitssystem zukommen. „Es ist fünf vor zwölf“, wie Dizim sagt. „Denn die erste Generation der einstigen Gastarbeiter ist im Rentenalter, wird pflegebedürftig. Da kommt eine Riesenwelle auf uns zu.“

Aber auch die Menschen, die vor Krieg und Verfolgung geflohen sind und in Deutschland Asyl gefunden haben, brauchen medizinische Versorgung – in einem Umfeld, das für sie fremd ist. Bei Ärzten, Zahnärzten und in Krankenhäusern. Hürden sind zunächst die Sprache, vielfach aber auch kultureller, religiöser oder lebensgeschichtlicher Natur. Das deutsche Gesundheitswesen ist nicht flächendeckend darauf eingerichtet, Mitarbeiter in Kliniken, Praxen oder in der Pflege mitunter überfordert.

Das soll sich ändern – durch ein Modellprojekt, das, angestoßen durch das Institut für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein (IQN) und gefördert durch die Robert Bosch Stiftung, am Rhein-Maas-Klinikum verortet ist und dessen Ergebnisse bundesweite Strahlkraft haben sollen. „Das Thema ist für uns nicht neu, in einer vom Bergbau und entsprechender Zuwanderung geprägten Region“, sagt RMK-Geschäftsführer René A. Bostelaar. Viele Konflikte kultureller Art würden längst „aus der Person heraus“ geregelt. Trotzdem sei das Pilotprojekt für ihn ein persönliches Anliegen, auch um den Mitarbeitern, die bereits „extrem belastet“ seien, eine Erleichterung durch Strategien zur interkulturellen Öffnung zu bieten. „Deswegen haben wir auf die Anfrage von IQN hin auch sofort zugesagt.“

Fünf Schulungsmodule

Das Ziel: die nötige Sensibilität für den Umgang mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu entwickeln, wie Dr. Martina Levartz, IQN-Geschäftsführerin, darlegt. In fünf eigens entwickelte Module sind die Schulungen aufgeteilt, von denen Ärzte, Pfleger, medizinische Fachangestellte und andere in der medizinischen Versorgung Tätige gleichermaßen profitieren: 1. Haltung – gegenüber den Patienten, ihren Kulturen, Bedürfnissen und Wertesystemen; 2. Kommunikation, auch den Umgang mit Dolmetschern umfassend; 3. Krankheit – welchen Stellenwert hat Krankheit (Strafe, Prüfung, Schicksal ...)? Wie ist der Umgang mit psychisch Erkrankten, körperlich oder geistig Behinderten? 4. Familie und Gender – welche Rolle spielen Familienstrukturen, wie ist der Umgang mit Kindern, Frauen, Männern, wie die Betreuung im Alter? 5. Tod, Trauer, Trauma – Wie erkenne ich eine posttraumatische Belastungsstörung? Welchen Stellenwert hat Sterbebegleitung, wie ist der Umgang mit Tod und Trauer?

Keinesfalls, so betonen die Akteure, gehe es um listenartige Gebrauchsanweisungen, vielmehr um die individuelle Bewältigung der Herausforderungen, die sich tagtäglich immer wieder neu stellen. Und die mit der passenden Strategie schnell gelöst werden können.

Wenn etwa unzählige Besucher ein Krankenzimmer füllen. Dann sollte man wissen, dass es in vielen Kulturen schlichtweg Pflicht ist, Kranke zu besuchen, ihnen dadurch Wertschätzung entgegenzubringen, sagt Serin Alma, Bezirksstellenleiterin im Verband medizinischer Fachberufe. Spricht man mit dem Familienoberhaupt, um die Frequenz etwa auf drei Besucher täglich zu limitieren, damit die anderen Patienten nicht belästigt werden, sei das meist von Erfolg gekrönt. Denn auch hier gelte: Auf die gegenseitige Wertschätzung komme es an.

 

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