Straffer Zeitplan lässt Caritas kaum Luft für liebe Worte

Von: Stefan Schaum
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Gut aufgestellt, schlecht unterstützt: Auch der Caritas-Pflegedienst Alsdorf-Baesweiler beklagt die Rahmenbedingungen. Foto: Schaum
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Gut aufgestellt, schlecht unterstützt: Auch der Caritas-Pflegedienst Alsdorf-Baesweiler beklagt die Rahmenbedingungen. Foto: Schaum

Alsdorf/Baesweiler. Wie viel Zeit braucht eigentlich ein liebes Wort? Wie viele Sekunden kosten ein paar freundliche Aufmunterungen oder gute Wünsche? Im Zweifel: zu viele. „Wenn ich bei einem Patienten reinkomme, dann bin ich in Gedanken oft schon beim nächsten“, sagt Ines Gerwenat. Altenpflegerin ist ihr Beruf. Ihr Traumberuf sogar, wie sie sagt. Zumindest war er das mal.

Vor zwölf Jahren, als sie damit angefangen hat, war es ein Herzenswunsch. „Damals konnte man aber auch einfach so mit seinem kleinen Köfferchen losziehen.“ Heute muss sie eine dicke Dokumentationsmappe mitschleppen, die zwar viel mehr Zeit frisst als jedes nette Gespräch mit Patienten, auf die sie aber nicht verzichten darf. Jeden Handgriff muss sie notieren, jedes Mal Blutdruckmessen, jede Befindlichkeit des Patienten. Auch solche Nachweispflicht sorge dafür, dass der Druck in ihrem Job mittlerweile mehr als grenzwertig sei.

16 bis 22 Patienten hat Ines Gerwenat pro Tour. Die dauert in der Regel sieben, höchstens acht Stunden. Die passende Route hat sie vorab so berechnet, dass möglichst wenig Zeit auf der Straße verloren geht. Auch der Rest ist streng durchgetaktet. Neudeutsch: zeitlich optimiert. Neun Minuten soll es höchstens dauern, einen Pflegebedürftigen zu duschen. Wenn der sich nun aber einnässt, nachdem sie ihn wieder angezogen hat? Dann gerät der Zeitplan schnell ins Wanken und steigt die Hektik. „Mittlerweile hat man permanent das Gefühl, gehetzt zu sein.“

Patienten nicht im Stich lassen

Da wundert es Martina Zeetzen beinahe, „dass bei uns die Kolleginnen lange bei der Stange bleiben. Wir haben relativ wenig Fluktuation“. Als Leiterin der Caritaspflegestation Alsdorf-Baesweiler koordiniert Zeetzen den Dienst von Ines Gerwenat und 18 weiteren Kolleginnen. Viel Spaß macht das nicht, denn die Kostenrechnung geht am Ende einfach nicht mehr auf.

„Die Kosten in den ambulanten Pflegediensten sind in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen.“ Allein die Personalkosten der tarifgebundenen Dienste der Wohlfahrtspflege stiegen um 20 Prozent. Höhere Spritkosten, mehr bürokratischer Aufwand – das alles läppert sich. „Doch die Krankenkassen haben die Vergütungen für häusliche Krankenpflege gerade mal um sieben Prozent erhöht.“ Und pauschaliert. Da macht es keinen Unterschied, ob eine Pflegerin nur den Blutdruck misst und 9,12 Euro berechnen kann oder obendrein noch Medikamente und Augentropfen verabreichen muss und den Blutzucker bestimmen – und ebenfalls 9,12 Euro notiert.

Zeetzen: „Als Wohlfahrtsverband sind wir nicht auf Gewinne aus.“ Aber Monat für Monat ein Minus einzufahren, geht auf Dauer auch nicht. Deshalb beteiligt sich auch diese Pflegestation an der Aktion „Hilfe! Mehr Zeit für die Pflege“, zu der die Wohlfahrtsverbände in NRW aufgerufen haben. Auf Buttons und mit Plakaten im Autoheck bekunden sie Protest. Mehr geht wohl nicht. Streik ist jedenfalls undenkbar. Zeetzen: „Den Patienten werden wir nicht im Stich lassen.“

Doch sie fürchtet, dass sich der Fachkräftemangel noch verschärft. „Wer will bei solchen Berufsaussichten denn als junger Mensch in der Pflege beginnen?“ Mitgefühl gab es beim Besuch in Alsdorf von SPD-MdL Eva-Maria Voigt Küppers. „Ihre Aktion kommt zum richtigen Zeitpunkt. Die Krankenkassen sind finanziell gut aufgestellt – da müsste sich eigentlich was ändern lassen.“ Doch das Thema werde selbst dann nicht ausgestanden sein. „Pflegebedürftigkeit wird zunehmen – und das wird teuer werden. Darauf müssen wir uns einstellen.“

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