Herzogenrath - So wird aus einem Niederländer ein Bayer

So wird aus einem Niederländer ein Bayer

Von: Beatrix Oprée
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Er hat es schon geschafft: Mark Schoetters wird sein Know-How bald in Bayern einsetzen, als Produktentwickler in einen mittelständischen Betrieb, der Glasfasertapeten herstellt. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. „Einige Kollegen haben einfach blind Hunderte Briefe losgeschickt und dann jede Menge Absagen kassiert - wenn überhaupt eine Antwort kam. Sowas macht einen doch fertig!” 15 Jahre hat Mark Schoetters bei Vetrotex gearbeitet, als Produktentwickler.

Noch viel längere Firmenzugehörigkeiten prägen das Gros der Belegschaft des Glasfaserherstellers, dessen Schmelzwanne gegen Ende 2009 für immer abgeschaltet wurde.

„Vetrotex war unser Zuhause, wie unsere Familie”, schaut Schoetters wehmütig zurück. Um im nächsten Moment mit Funkeln in den Augen nach vorne zu blicken. Denn für den 40-Jährigen beginnt in diesen Tagen ein ganz neuer Lebensabschnitt. „Jetzt werde ich Bayer!”, grinst der in Australien geborene Niederländer.

Gerade einmal zwölf Lebensläufe hat er abgeschickt. Ganz gezielt, „ich bin kein Typ für Massenbewerbungen”. Einen Firmenchef nahe Bayreuth mit über 300 Mitarbeitern hat er überzeugt von seinen Fähigkeiten. Ehefrau, zwei Kinder und Hund haben sich schnell arrangiert mit der neuen Perspektive. Flexibilität, aber auch die bewusste Einbeziehung der Familie in den Beratungsprozess zahlen sich aus: „Wir alle freuen uns auf die bayerische Gemütlichkeit!”

Zwölf Monate abgerungen

Ein Erfolg, den sich die Berater der Bonner Wirtschaftsakademie (bwa) auf die Fahnen schreiben können. Die bwa betreibt die Transfergesellschaft, die Gewerkschaft und Betriebsrat der Pariser Saint-Gobain-Konzernleitung nach zähen Verhandlungen für die maximal möglichen zwölf Monate abgerungen haben.

137 von den letztlich 192 in die Arbeitslosigkeit Entlassenen haben den so genannten dreiseitigen Vertrag mit der vorgeschalteten Transferagentur unterzeichnet. Das heißt, sie haben einen Auflösungsvertrag von Vetrotex erhalten und einen neuen Arbeitsvertrag abgeschlossen.

Eine Reihe von Infoveranstaltungen war dieser Entscheidung vorausgegangen, denn nicht für alle Mitarbeiter ist eine Transfergesellschaft die sinnvollste Lösung, wie der stellvertretende IGBCE-Bezirksleiter Manfred Maresch darlegt: Wer vor der Rente steht oder Aussichten auf einen Anschlussjob hat, fährt besser mit der 100-prozentigen Fortzahlung des Lohns bei Einhaltung der Kündigungsfrist. Wer hingegen in die Transfergesellschaft geht, muss gestaffelte Lohneinbußen hinnehmen. „Das spürt man schon”, sagt Familienvater Schoetters. „Aber es lohnt sich ja.”

Nicht anerkannt gefühlt

Auch für den 48-jährigen Nikolas Rosetz, der vor über 20 Jahren aus Polen kam. Auf einem sechsmonatigen Sprachkurs basierten seine Deutschkenntnisse. „Mit Schreiben habe ich mich immer schwer getan. Das habe ich als Springer im Betrieb ja nie gebraucht.”

In ein tiefes Loch war er gefallen, als der Glasofen ausging: „Ich hatte ein paar Termine beim Arbeitsamt, habe mich aber erst nicht anerkannt gefühlt. Erst als man hörte, dass ich fast 25 Jahre in einem Betrieb gearbeitet hatte, wandelte sich das Bild.”

„Eigentlich”, so führt Gewerkschafter Maresch vor Augen, „sollte die Agentur für Arbeit wie eine Transfergesellschaft funktionieren. Aber aufgrund der Masse ist das kaum möglich”, verweist er auf ein Berater-Kunden-Verhältnis von 1:300. „Bei der Transfergesellschaft beträgt diese 1:50. Da kann man sich erheblich mehr Zeit für den Einzelnen nehmen.”

Individuelle Beratung

Und dabei ganz systematisch das Selbstbewusstsein von Menschen wieder aufbauen, denen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. „Herz unserer Arbeit ist die individuelle Beratung und die Motivation, über den Tellerrand zu schauen”, schildert Projektleiterin Renate Herzbeck. „Es ist wichtig, eine Erfolgsspirale zu entwickeln, den Umgang mit Absagen zu meistern, zu lernen, dass diese bei der Masse der Eingänge nichts mit der Person zu tun haben. Schließlich hat jeder bisher im Job seinen Mann gestanden.”

Nach dem Profiling für die Arbeitsagentur folgen Orientierungsseminare, gekoppelt mit der Vermittlung des nötigen Handwerkszeugs, um sich im Arbeitsmarkt zu positionieren. Gründlich werden Fähigkeiten, Neigungen und Hobbys abgeklopft, denn hinter allem verbirgt sich Potenzial zum Bestreiten des Lebensunterhalts.

Für so manchen kommen dabei erstaunliche Wandlungen heraus. Etwa bei der 52-Jährigen aus einer früheren Transfergesellschaft, die „schon immer mal eine Lok fahren” wollte, nach einem Praktikum mit Bravour die Ausbildung absolvierte und prompt übernommen wurde.

Oder eben bei Nikolas Rosetz, für den der Kontakt mit Menschen Priorität hat. Ein Praktikum im Seniorenheim in Alsdorf-Busch brachte ihm großes Lob ein. Nach Anerkennung seines polnischen Hauptschulabschlusses steht seiner Ausbildung zum Altenpflegehelfer nichts mehr im Wege.

25 Praktika hat die bwa vermittelt, unter anderem im Getränkehandel, bei einem Zaunbauer, einer Spedition, als Busfahrer und sogar beim Kampfmittelräumdienst. Mit 93 wurden verhältnismäßig viele Qualifizierungen angeboten, vom Personenbeförderungsschein über Waffenkunde bis zu Sprachkursen.

Vier Ex-Vetrotexaner wollen sich nun selbstständig machen: im Brandschutz, mit einem Bistro sowie in den Bereichen Arbeitssicherheit und Changemanagement. Mark Schoetters bringt das alles auf den Punkt: „Durch den Coach hat sich eine neue Welt geöffnet!”

Neue Baustelle

Mit dem angekündigten personellen Aderlass bei Cinram in Alsdorf steht für Gewerkschafter Maresch indes eine neue Baustelle ins Haus: „Es ist sehr positv, dass der Arbeitgeber hier von vornherein gesagt hat, eine Transfergesellschaft auf die Reise schicken zu wollen. Aber sieht es mit den Abfindungen aus?” Im September beginnen die Verhandlungen.



Auch für Sekurit in Stolberg und Würselen

Die Bonner Wirtschaftsakademie (bwa) wurde 1997 als Beratungshaus für Vermittlung und Personaltransfer gegründet und zählt heute 45 Mitarbeiter.

Projektleiterin Renate Herzbeck ist auch Sprecherin des von der bwa und unter anderem dem Arbeitsministerium begründeten Bundesverbands der Träger im Beschäftigtentransfer (BVTB).

Erste Personaltransfer-Projekte waren bei der Postbank AG für 300 Mitarbeiter an sieben Standorten, dazu unter anderem Schering und AgfaPhoto. In der Region ist die bwa noch tätig für Sekurit Stolberg (55 Mitarbeiter) und Würselen (19 Mitarbeiter) sowie bis vor kurzem für Rapak in Düren.

Ende des Monats wird die bwa das Vetrotex-Gelände verlassen, wo zwecks Entwicklung des Kernbereichs Bicherouxstraße Asbestentsorgung und erste Abbrucharbeiten angelaufen sind. Neue Adresse ist das Dienstleistungszentrum an der Cockerillstraße 100 in Stolberg.

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