bullyparade kino freisteller bully herbig tramitz kavanian

Skeptische Zuhörer: Sabine Scheithauer liest in der JVA Aachen

Von: Stefan Schaum
Letzte Aktualisierung:
Lesung an ungewohnter Stelle:
Lesung an ungewohnter Stelle: In der Aachener Justizvollzugsanstalt hat Sabine Scheithauer ihr Buch „Schweigeschluss” vorgestellt. Foto: S. Schaum

Alsdorf/Aachen. Sabine Scheithauer ist ziemlich nervös. Das Vorlesen liegt ihr noch nicht so, erst seit kurzem stellt sie ihr Buch „Schweigeschluss” öffentlich vor. „Ich hab richtig Lampenfieber”, sagt sie.

Dass sie in wenigen Minuten nicht vor Zuhörern in einer Buchhandlung Platz nimmt, sondern vor Strafgefangenen in der Aachener Justizvollzugsanstalt, trägt nicht gerade zur Entspannung bei. Doch glaubt sie, mit den anonym eingesandten Texten rund um bizarre Fantasien und kriminelle Absichten genau am richtigen Ort zu sein.

Zwei Jahre lang gesammelt

Gut zwei Jahre hatte sie Texte gesammelt, die sie per Brief erreichten. Abgeschickt von Menschen, die sich schwere Schuld von der Seele schreiben wollten oder Dinge ausdrücken, über die sie mit niemandem sprechen mochten. Die Alsdorferin hat daraus ein Buch gemacht und plant bereits dessen Fortsetzung. „Ich habe schon viel Material für einen zweiten Band”, sagt die 36-jährige, die sogar noch weiter denkt. „Es könnte auch ein drittes Buch geben - mit dem Untertitel: Hinter Gittern”. Darum ist sie hauptsächlich in die JVA gekommen: Nicht um vorzulesen, sondern um ihre Zuhörer zu animieren, selbst zu schreiben. „Es gibt bestimmt viele Dinge, von denen sich diese Menschen befreien möchten”, sagt sie. Ob das so stimmt?

Die gut 40 Zuhörer - allesamt Schüler der „Schulischen Vollzeitmaßnahme” in der Haftanstalt - machen zunächst nicht den Eindruck, dass sie die Idee mit offenen Armen begrüßen. Die Diskussion, die eigentlich erst nach einem einstündigen Vortrag geplant war, beginnt gleich zu Beginn, als einer aus der Runde die Besucherin fragt: „Warum machen Sie so etwas überhaupt, was bringt das denn?” Um den Menschen zu helfen, sagt Sabine Scheithauer. „Es kann den Schmerz sicher lindern, sich anonym etwas von der Seele schreiben zu können.”

Dann räumt sie ein, dass sicher auch Neugier dabei eine gewisse Rolle spiele. Da hakt ein anderer nach: „In einer Welt, in der Perversionen und Kriminelles an der Tagesordnung ist - braucht man da wirklich noch so ein Buch?” Es wird rasch deutlich, dass hier niemand auf das Projekt gewartet zu haben scheint. Im Gegenteil: Die Zuhörer wirken skeptisch, sind eher reserviert. Einer sieht es ganz pragmatisch: „Selbst wenn wir was schreiben - dürfen wir den Brief überhaupt anonym und verschlossen von hier abschicken?”

Ob es Geschichten aus der JVA geben wird, wird sich zeigen. Doch sind die Schüler gern bereit, der Besucherin bei der Lesung zuzuhören. Als die während des Vortrags einmal sagt, dass sie den roten Faden verloren habe, meint einer bloß: „Kein Problem, wir haben hier viel Zeit.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert