Alsdorf/Baesweiler - Pöbeln ohne Grenzen: Im Internet normal?

Pöbeln ohne Grenzen: Im Internet normal?

Von: Stefan Schaum
Letzte Aktualisierung:
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Zeigt her Eure Handys, zeigt her Eure Pads: Auf digitale Accessoires wollen weder Lehrerin Ursula Just, Schulsozialarbeiter Hans-Peter Zillekens und Lehrerin Carina Hartl (hinten, v.l.) noch die Schüler Laura-Melissa Hesterberg, Annamarisa Colonna, Julian Bertram und Marvin Erfurth (v.l.) verzichten. Aber sie werben für besonnenen Umgang mit dem Internet. Foto: Schaum

Alsdorf/Baesweiler. Marvin Erfurth kann nicht ohne Kurznachrichten. Die Unterrichtszeit an der Settericher Realschule ist im Grunde die einzige Zeit am Tag, in der der 15-Jährige keine SMS oder andere Dinge ins Handy hackt. Exakt 16.253 Nachrichten hat er verschickt. Seit Ende Juli. Eine ganze Menge, oder?

„Nee, das geht noch!“ In vielen der Textchen stecken Kraftausdrücke und Schimpfwörter. Normal, sagt Marvin. „Ist halt so, dass der Ton online eine ganze Spur härter ist. Die Wörter sind ja gar nicht böse gemeint.“

Muss das so sein?

Muss das so sein? Gibt es beim Umgang miteinander überhaupt noch verbale Grenzen im grenzenlosen Internet? Der Schüler hat sich diese Fragen in den vergangenen Wochen des öfteren gestellt. Denn er hat sich ausbilden lassen: zu einem so genannten Medienscout.

Erstmals hat die Städteregion Aachen ein solches Projekt für Schulen angeboten. Schüler, Lehrer und Schulsozialarbeiter haben den Umgang mit dem Internet reflektiert, Gefahren benannt und nach Lösungen gesucht. Sie wollen jetzt Ansprechpartner an ihren Schulen sein, wenn es Probleme gibt. In Baesweiler nahmen Vertreter des Gymnasiums, der Realschule und der Goetheschule teil, von Alsdorf kamen Vertreter der Elisabethschule zur viertägigen Fortbildung. Anlässe für so ein Projekt gibt es genug. In Setterich gab es vor einem Jahr einen üblen Fall von „Cyber-Mobbing“. Mehrere Schüler hatten sich im Internet zu einer Gruppe zusammengerottet und einen Mitschüler immer wieder aufs Übelste beschimpft. Der litt sehr darunter und Lehrerin Carina Hartl reagierte. „Ich habe die Absender herausgefunden und sie mit ihren ekligen Äußerungen konfrontiert.“ Die Reaktion: „Einer meinte bloß zu mir: 'Ach, das machen doch alle so!'“ Unrechtsbewusstsein? Fehlanzeige, zumindest im Online-Bereich.

Es gibt zwei Welten

Es scheint so zu sein, dass es mittlerweile zwei Welten gibt. Die reale, in der man sich zu benehmen weiß. Und die virtuelle, in der fast alle Hemmungen fallen. Hartl: „Die Schüler verwenden dabei im Grunde zwei ganz verschiedene Sprachen. Die können schon differenzieren, in welchem Umfeld sie sich da gerade bewegen.“ Noch. Denn der virtuelle Slang dringe mehr und mehr ins Reale durch. „Der Ton wird auch auf dem Schulhof rauer“, hat Schulsozialarbeiter Hans-Peter Zillekens bemerkt. Eine Folge des Internets, sagt er. „Sprachlich geht es ganz klar bergab. Der Ton hat oft eine richtig aggressive Qualität, das ist mitunter jenseits aller Toleranz.“ Bedingt auch durch den Wunsch, immer noch eins draufzusetzen. Dass Mädchen einander fröhlich mit „Bitch“ anreden, hört er häufig. Das Wort steht im Englischen für eine Prostituierte – die Teenies verwenden es mittlerweile fast schon für Kumpel. Und denken sich nichts weiter dabei.

Auch die Schüler Laura-Melissa Hesterberg (13), Julian Bertram (14) und Annamarisa Colonna (13) sind jetzt Scouts. „Wir wollen früh ansetzen und zum Beispiel in den Klassen fünf und sechs für einen besonnenen Umgang mit dem Internet werben“, sagt Lara-Melissa. Ohne „online“ könne zwar auch sie nicht sein. „Aber ich finde es schon wichtig, dass man seine Grenzen kennt.“ Und vor allem: die Grenzen der anderen. „Man kann auf Facebook nicht einfach alles in die Welt hinausposaunen und denken, dass das sicher nur Leute lesen, die man gut kennt.“ Respekt ist dabei ein wichtiges Stichwort. Auch der soll Thema sein, wenn die Scouts mit Mitschülern sprechen. Wöchentlich wollen die Schüler und Lehrer sich treffen und selbst weitere Scouts schulen. Damit ein Nachdenken über allzu unbesonnenen Umgang mit der virtuellen Welt einsetzt. Und über den Umgang miteinander. Denn der droht sich rapide zu verändern. Und das nicht unbedingt zum Besseren.

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