Herzogenrath - Nur eines fehlt noch: der Pass

Nur eines fehlt noch: der Pass

Von: mas
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Wahlheimat: Bruno Barth (l.) und vier seiner ehemaligen Schüler, die sich einer Podiumsdiskussion im Haus der Naturfreude in Merkstein stellten - (v.l.) Dunja Bokan-Bajric, Selcuk Büyüktanir, Sedigheh Ansar und Natalia Beljakova. Foto: Sigi Malinowski

Herzogenrath. Schülerlotse war er auch mal. Die Mitarbeit im Elternrat ist für ihn selbstverständlich. Und an Ostern sucht er mit seinen Kindern versteckte Eier. Selcuk Büyüktanir begleitet seine Tochter Shanzu zum Musikunterricht im Orchesterverein Kohlscheid. „Vielleicht gehen wir ja irgendwann mal im Martinszug mit und musizieren”, scheint er geradezu auf die Berufung zu warten.

In Kohlscheid ist der junge Elektrotechniker mit seiner Familie längst angekommen. Mehr noch. „Ich fühle mich wohl in Kohlscheid, ich habe deutsche Freunde und auch nette Nachbarn”, lässt er sein Herz sprechen. Nur eins fehlt ihm, um in Deutschland bedingungslos glücklich zu sein: die doppelte Staatsbürgerschaft.

Aus seinem Leben, von seinen Gefühlen, ein bisschen von seinen Träumen hat Selcuk erzählt. Es fiel ihm nicht schwer, sein kleines Leben einem Publikum zu berichten. Wenn da nicht irgendwo noch der Wunsch nach dem doppelten Paß wäre. Selcuk Büyüktanir, Mitglied des Herzogenrather Integrationsrates, ist einer von vier Menschen mit Migrationshintergrund, wie das behördentechnisch und wenig wohlklingend heißt.

Zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Integrationsunwillig? Im Gegenteil!” hat er sich bereitwillig gestellt. Mit ihm gingen drei Frauen ans Mikrofon und ließen sich nach ihren Eindrücken, nach ihren Geschichten befragen. Die Naturfreunde Merkstein hatten zu der Gesprächsrunde eingeladen. „Wir wollen nicht über, wir wollen mit Migranten reden”, leitete Initiator und Moderator Bruno Barth den Abend des Austausches ein.

SPD-Stadtrat und Sprachdozent Barth, der jahrelang in Integrationskursen an der VHS Aachen unterrichtet, ließ dabei vier seiner ehemaligen Schüler sprechen. Neben Selcuk Büyüktanir hatten die Naturfreude die Bosnierin Dunja Bokan-Bajric, Natalia Beljakova, Spätaussiedlerin aus dem ehemaligen Russland, und die Iranerin Sedigheh Ansar eingeladen. Barth: „Sie sind alle sehr bemüht, sich in die Gesellschaft sowohl privat als auch beruflich zu integrieren und haben alle gute Deutschkenntnisse.”

Im Iran politisch verfolgt

Aus St. Petersburg kam Natalia Beljakova. Die verheiratete Mutter leistet derzeit ein kaufmännisches Praktikum ab und berichtete von Problemen mit der Anerkennung ihres Berufsabschlusses. Warum sie Deutschland ihrer Geburtsstadt St. Petersburg vorzieht? „Ich denke, wir haben hier größere Chancen, auch für unsere Kinder.” Eigentlich wollte Sedigheh Ansar mit ihrer Familie - ihr Mann wurde im Iran politisch verfolgt - nach Kanada weiterreisen.

Die abenteuerliche Flucht über die Türkei und Bulgarien, die 10.000 Euro kostete, endete in Deutschland. Familie Ansar wurde elf Jahre in Deutschland teilweise nur geduldet und durfte in dieser Zeit nicht arbeiten. Zu riesigen Problemen mit dem Aufenthaltsstatus kam das Ringen um die Anerkennung der Studien- und Berufsabschlüsse. Sedigheh Ansar, ehemalige Asylbewerberin: „Wir haben nun die Anerkennung, aber jetzt bin ich 43 Jahre alt”, glaubt sie, es werde schwer sein, sich noch beruflich zu etablieren. Dennoch: die Familie schätzt „die Sicherheit in Deutschland”. Sie sagt auch, „wir haben hier gelernt zu kämpfen”.

Weil ihr Sohn zwei Tage vor dem Stichtag geboren wurde, wird ihm die deutsche Staatsangehörigkeit versagt bleiben, berichtete Dunja Bokan-Bajric. Die Ehefrau und zweifache Mutter hofft auf ein unbefristetes Visum. Sie möchte gerne in den Schuldienst, hat aber sehr große Probleme bei der Anerkennung ihres Studiumsabschlusses. Warum sie sich in Deutschland trotz behördlich aufgelegter Hürden sehr wohl fühlt, ließ sie nicht offen: „Man fühlt sich sehr sicher, was auch an dem engmaschigen sozialen Netz liegt.”
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