Nordkreis - Nach 107 Jahren unvergessen: Franz-Josef Wirtz von der Grube Nordstern

Weltmeisterschaft Weltmeister WM Pokal Russland Fifa DFB Nationalmannschaft

Nach 107 Jahren unvergessen: Franz-Josef Wirtz von der Grube Nordstern

Von: Jürgen Klosa
Letzte Aktualisierung:
17012368.jpg
Unvergessen Der legendäre Betriebsführer der Grube Nordstern, Franz-Josef Wirtz, im Alter von zirka 55 Jahren. Foto: Doris Schneider

Nordkreis. Vor über 90 Jahren wurde die Grube Nordstern geschlossen. Sie war die erste Zeche in Merkstein, die von 1876 bis 1927 Kohle förderte. Die kleine Halde in der Nähe der Bierstraße zeigt dies heute noch an. Im Laufe der Jahrzehnte verblassten die Erinnerungen an diese Grube, aber auch heute noch fällt unter Bergbauinteressierten immer wieder der Name des Nordstern-Betriebsführers Wirtz.

„Et Wirtzje“ war der Begriff, unter dem manche Anekdote aus dieser Zeit bis heute erhalten blieb, aber auch der „Jeck“ soll sein Spitzname gewesen sein.

Auch wenn alle Nordstern-Bergleute schon längst tot sind, lebte vor kurzem wieder einmal die Erinnerung an jenen Betriebsführer Franz-Josef Wirtz auf, als eine noch lebende Enkeltochter vorbeischaute. Doris Schneider gab sichals Enkeltochter von Franz-Josef Wirtz zu erkennen.

NIe Bodenhaftung verloren

Doris Schneider, in Grevenbroich wohnend, brachte einige Unterlagen mit, um neben den bis heute „lebenden“ Anekdoten auch etwas über den Menschen Franz-Josef Wirtz zu berichten. Doris Schneiders Großvater war bereits im Jahre 1911 im Alter von 62 Jahren gestorben.Somit hatte die Enkeltochter, die von der Alterskonstellation eher als Ur-Enkel durchgehen müsste, nie ihren Opa kennengelernt.

Aber Frau Schneider wusste doch einiges über ihren Vorfahr, z.B. dass Franz-Josef Wirtz im Jahre 1849 in Bardenberg geboren ist und als siebentes Kind von acht eine „bodenständige“ Kindheit erlebt hat. Anhand der Geschichten, die man über „et Wirtzje“ erzählte, passt auch die Schlussfolgerung, dass er nie seine Bodenhaftung verloren hat. Seine Art in hiesigem Platt zu reden, war dabei ein wichtiger Draht zwischen ihm und seinen untergebenden Bergleuten.

In seinem bisher unbekannten Totenzettel stand: „Als Beamter kennzeichnete ihn seltene Energie, rastloser Fleiß und gütige und verständnisvolle Sorge für das Wohl der ihm Unterstellten.“ Der größte Schicksalsschlag dürfte Franz-Josef Wirtz 14 Jahre vor seinem eigenen Tod ereilt haben, als seine Frau – Maria-Theresia Bürger – mit der er gut 20 Jahre verheiratet war, bei der Geburt des 9. Kindes starb. Bis zu ihrem Tode lebte die Familie Wirtz in der Beamtenvilla in der heutigen Bierstraße 21.

Selbstredend, dass seine Enkeltochter dieses Haus besuchen wollte. Und hier wurde klar, dass der Vater von Frau Schneider, Karl Wirtz, achter Sohn von Franz-Josef Wirtz, noch ein siebenjähriges Kind war, als seine Mutter verstarb. Es war erhebend für die Tochter, das Geburtshaus ihres Vaters zu besuchen und später auch einen Blick auf die Schule in der Bierstraße zu werfen. Diese hatte ihr Vater vor über 100 Jahren besucht.

Die Beamtenvilla ist neben den Bergmannshäusern auf der Bierstraße und der kleinen bewaldeten Kohlenhalde im Grunde das noch gebliebene Überbleibsel der Grube Nordstern. Die Villa, heute von außen eher unscheinbar, stellte vor über 130 Jahren schon etwas dar. Dass die heute dort wohnende Familie Flamm nach der Familie Wirtz nur die dritten Eigentümer in zirka 110 Jahren sind, zeigt auch, dass dieses Haus seine Bewohner stark gebunden hat. Die Familie Wirtz ist nach der Jahrhundertwende dann nach Aachen in die Lütticher Straße gezogen und hat dort ein Haus gekauft. Ein Haus, in dem Franz-Josef Wirtz nur wenige Jahre gelebt hat.

Als Betriebsführer gearbeitet

Anhand der Familiendaten von Franz-Josef Wirtz konnte man rekonstruieren, dass er wahrscheinlich von 1879 bis wenige Jahre nach der Jahrhundertwende auf Nordstern als Betriebsführer gearbeitet hat. Bis 1879 – also dem Jahr des Wechsels zu „Nordstern“ - war er zuletzt als Obersteiger auf der Grube Ath in Bardenberg beschäftigt gewesen, die in diesem Jahr die Förderung eingestellt hat. Da war Wirtz erst 30 Jahre alt.

Friedrich Honigmann als Eigentümer der Grube Nordstern, muss auf den tüchtigen Obersteiger aufmerksam geworden sein und holte ihn zu seiner Grube. Sein Wirken auf Nordstern war nicht nur durch gute Menschenführung geprägt, sondern seine technische Qualität bewies er auch im Laufe der Jahre durch zahlreiche Neuerungen und Patente. Der schon erwähnte Spitzname „Jeck“ zeigte auch an, dass Wirtz seine Urteilskraft oftmals nach „unorthodoxen Kriterien“ ausrichtete.

Das wird zum Beispiel deutlich, als sich jemand bei ihm für Arbeit vorstellte und dieser behauptete, er könne alles. Nach mehrfacher Nachfrage, ob sein Bittsteller auch wirklich alles könne und dieser hartnäckig bejahte, meinte Wirtz nur: „Ich well dich ens sare: Ich hann at völl Lü op der Büll (Büll = Volksmund für die Grube Nordstern, Anm.d.Red.) jehatt, ever enge de alles kuet, noch net. Deshalb well ich dich och net. Du kries also ke Werk op de Büll.“ Andererseits wurde ein unscheinbarer Mann befördert und erhielt mehr Verantwortung, als der Betriebsführer unbemerkt beobachtete, wie dieser Mann beim Reinigen des Platzes eine kleine Schraube aufhob und diese in den Schrottbehälter für die Wiederverwertung warf.

Als Mensch nähergekommen

Zumindest haben einige Geschichten über den „legendären Betriebsführer“ bis heute überlebt, unter anderem dank des ehemaligen Gemeindedirektor von Merkstein, Ludwig Kahlen, der sie in zeitgenössischer Heimatliteratur veröffentlichte. Dass die Nachwelt nun weiß, wie „et Wirtzje“ ausgesehen hat, ist dank seiner Enkeltochter Doris Schneider endlich möglich. Man kommt ihm dadurch als Mensch etwas näher, auch wenn man nun weiß, dass er als Vater von acht Kindern mit 48 Jahren auf tragische Weise zum Witwer wurde und schon im Alter von 62 Jahren starb.

Die Geschichten über ihn wirken dadurch nur noch tiefer. Und das, obwohl die betreffende Person schon vor 107 Jahren verstorben ist.

 

Die Homepage wurde aktualisiert