Nordkreis - Logopädin im Interview: Sprachdefizite früh erkennen und beheben

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Logopädin im Interview: Sprachdefizite früh erkennen und beheben

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„Eine Sprache lernt man im Gebrauch im sozialen Miteinander“: Logopädin Claudia von der Lieck favorisiert die Arbeit von Erzieherinnen beim Erkennen eines Sprachförderbedarfs. Foto: Holger Bubel

Nordkreis. Einen kritischen Blick auf das Ende von „Delfin 4“ wirft Logopädin Claudia von der Lieck. Aus wissenschaftlicher Sicht, aber auch aus dem Alltag in einem Kindergarten – sie ist angestellt im integrativen Kindergarten Biberburg (Familienzentrum) in Alsdorf und arbeitet täglich auch mit sprachförderungsbedürftigen Kindern – kann sie auf Erfahrungswerte bei der Einschätzung der Sprachfähigkeit von Kindergartenkindern zugreifen.

Holger Bubel sprach mit ihr über gangbare Wege zur Sprachförderung und die Aufgaben, die Erzieherinnen, Kinderärzte und Logopäden übernehmen könnten.

Wie schätzen Sie Sinn oder Unsinn von Delfin 4 als Logopädin ein?

Von der Lieck: Grundsätzlich finde ich es sehr sinnvoll, die Sprachfähigkeit von Kindern zu überprüfen und zu beobachten. Was mich aber von vornherein irritiert hat bei Delfin 4, war die Frage, warum die Grundschullehrer testen. Die zweite Frage, die sich mir stellte, war: Warum wird erst mit vier Jahren getestet und nicht schon früher? Spracherwerb setzt mit der Geburt (Linguisten vertreten die Meinung, dass dies sogar bereits im Mutterleib der Fall ist) ein und ist ein fortlaufender Prozess.

Trauen Sie Grundschullehrern denn nicht zu, die Sprachfähigkeit von Vierjährigen einzuschätzen?

Von der Lieck: Vorab: Die Zusammenarbeit zwischen der Grundschule und unserer Kita war sehr gut. Auch nach Delfin 4 sollten Schulen und Kitas weiterhin kooperieren. Grundschullehrer machen eine sehr wichtige und verantwortungsvolle Arbeit, um die Kinder auf die Ansprüche der weiterführenden Schulen vorzubereiten. Dazu wurden sie ausgebildet, das haben sie studiert. Sie zusätzlich mit diesen Erhebungen zu belasten, halte ich nicht für notwendig und auch nicht für sinnvoll. Für die Kinder – das sollte man nicht vergessen – sind diese Lehrerinnen und Lehrer Fremde in ihrem vertrauten Umfeld. Sie erleben das Gespräch mit ihnen als Testsituation. Das beeinflusst negativ die Gesprächssituation und Kommunikation. Schließlich würde auch kein Erwachsener sagen. „Hey super, ein Test. Da bin ich jetzt richtig entspannt.“ Es stellt sich die Frage, wie valide der Test ist, wenn fremde Personen ihn mit den Kindern durchführen.

Und das Resultat aus diesen den Kindern fremde Situation?

Von der Lieck: Viele Kinder verweigerten sich und fielen somit durch die erste Stufe der Testung. Zumindest was den aktiven und passiven Wortschatz betrifft, also dem Verständnis und der Produktion von Wörtern, Sätzen, konnten Ergebnisse erzielt werden. Meines Erachtens zu wenig Augenmerk wurde allerdings etwa auf die Phonetik und die Phonologie beim Sprachgebrauch gelegt. Das phonologische Arbeitsgedächtnis wird durch das Kunstwörter Nachsprechen überprüft. Es wurde aber nicht auf die Aussprache der Kinder geachtet. Phonologische Prozesse wurden nicht beachtet und die grammatikalischen Strukturen in Spontansätzen der Kinder nicht analysiert. Auch der Stand sozialer Kompetenzen der Kinder kam meines Erachtens zu kurz. Eine Sprache lernt man durch ihren Gebrauch im sozialen Miteinander. Insofern ist auch das soziale Umfeld mit in einer Sprachstandserhebung zu berücksichtigen.

Und wer sollte das alles leisten? Sollte jeder Kindergarten eine Logopädin beschäftigen?

Von der Lieck: (lacht) Das wäre natürlich aus Sicht meines Berufsstandes wünschenswert... Aber ich glaube, die Erzieherinnen in den Kindergärten können die Sprachfähigkeit ihrer Schützlinge sehr gut einschätzen. Ich sehe das hier ja auch. Wenn eine Kollegin eine Sprachauffälligkeit mitbekommt, macht sich mich darauf aufmerksam. Das ist natürlich optimal....

 

...aber leider nicht finanzierbar für die Träger der Einrichtungen.

Von der Lieck: Leider wohl nicht. Aber im vertrauensvollen Miteinander zwischen Kindern und Erzieherinnen oder auch Logopädinnen werden Defizite objektiv deutlicher als in Testsituationen. Außerdem gibt es ja bereits Bildungsdokumentationen jedes einzelnen Kindes in den Einrichtungen. In diesen werden etwa neben sprachlichen Kompetenzen auch Motorik, soziales Verhalten etc. festgehalten. Das sind langfristig angelegte Beobachtungen und dokumentieren die Entwicklung.

Die Dokumentationen könnten als Grundlage dienen, um Empfehlungen zur Förderung auszusprechen?

Von der Lieck: Die Erzieherinnen könnten diese Dokumentation in Hinblick auf die Sprachkompetenzen vertiefen. Wenn sie geschult und fortgebildet würden, dann könnten sie eine sehr gute Einschätzung der sprachlichen Kompetenzen leisten. Kinder verbringen heute sehr viel mehr Zeit in den Kindertagesstätten als früher, sie bestimmen zum großen Teil ihr Sprachumfeld. Die Alltagsbeobachtungen, die Erzieherinnen beim Umgang mit den Kindern machen, könnten an Richtlinien gekoppelt werden, die zur Grundlage eines potenziellen Austauschs mit einem Logopäden werden.

Aber, wie gesagt: Nicht jede Kita hat einen Logopäden.

Von der Lieck: Nein, aber die Dokumentation könnte dem Kinderarzt bei den regelmäßigen Untersuchungen hilfreich bei der Entscheidung sein, ob ein Kind einem Logopäden zugeführt werden sollte. Das macht ihm auch die Entscheidung leichter, ob sich eine Sprachauffälligkeit „raus wächst“ oder ob eine Förderung ratsam ist. Der Logopäde entscheidet dann nach einer standardisierten Diagnostik, ob und wo ein patientenorientierter Förderbedarf vorliegt und welche Sprachtherapie effektiv anzuwenden ist.

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