Lesung in Würselen: „Die Gier und das Glück“

Von: ehg
Letzte Aktualisierung:
9044419.jpg
Lebhafte Diskussion: Friedrich Schorlemmer stellte in Würselen auch sein neues Buch vor. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. Der 1946 als Sohn eines Pfarrers in Wittenberge an der Elbe geborene Friedrich Schorlemmer, der 1968 gegen die neue Verfassung der DDR und gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei protestierte, ist sich bis zum heutigen Tage treu geblieben.

Mischt sich der einstige Studentenpfarrer von Magdeburg doch immer noch ein. 1993 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. 2009 ehrte ihn, den „Luther unserer Tage“, der Bundespräsident mit dem Bundesverdienstkreuz. In diesen Tagen positioniert er sich durch sein neues Buch „Die Gier und das Glück“.

Unter anderem im Rahmen des 5. Ökumenischen Kirchengemeindetags in der Martin Luther-Kirche. Eingeladen hatten ihn das Evangelische Erwachsenenbildungswerk Aachen und die Würselener Kirchengemeinde, dessen Pfarrer Harry Haller ihn herzlich willkommen hieß. Er bereitete den Boden für eine spannende Begegnung mit dem Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs in Dresden durch alttestamentarische Worte des Propheten Elias, der von den Mächtigen das Recht auf ein menschenwürdiges Leben für alle einforderte.

In ironisch-kabarettistischer Manier – im Stile eines Dieter Hildebrandt – nahm der geschliffene Rhetoriker Schorlemmer die Gesellschaft unter die Lupe. Dabei durfte auch gelacht werden. Doch die Lacher blieben auch schon mal im Halse stecken, etwa als Schorlemmer mahnte: „Eine Gesellschaft von Egoisten, getrieben von der Sucht nach mehr, kann nicht überleben.“ Und: „Wenn wir unseren Blick nicht weiten, auch auf andere hin, sind wir verloren. Gier lauert hinter jeder Tür. Sie will das schnelle Glück und sieht den anderen nur als Konkurrenten.“

Die anschaulichen Beispiele, mit denen der Theologe seine Thesen unterlegte, gingen unter die Haut und schärften das Bewusstsein für den Sinn des Lebens. „Wir zerstören, wonach wir uns sehnen“, stellte er die Macht, die Gier und den Größenwahn an den Pranger. „Die Kraft, die Wachstum schafft, ist einzig und allein die Gier nach mehr.“ Nicht nur einmal schüttelte er sein „weises Haupt“, wenn er „Tacheles“ redete, ohne dabei die dicke Keule zu schwingen.

Sich selbst gesteht Schorlemmer ein: „Langsam habe ich es wieder gelernt, das Langsame zu genießen, die Glücksmomente durch Intensität und Behutsamkeit zu verlängern und zu steigern. Unerreichbar sein für viele Stunden und ganz da sein, wo ich gerade bin.“

Und damit war er beim Glück angelangt. „Glück: das ist Freude, Vitalität, innere Freiheit und Weite.“ Wie die kleinen Glücksmomente im alltäglichen Lebens aussehen, dafür lieferte Schorlemmer alt vertraute Beispiele –und versetzte seine aufmerksamen Zuhörer durchaus in Staunen. Seit Menschengedenken beschäftige man sich mit dem Thema Gier. Ob in der Bibel, in der Literatur oder bildenden Kunst – immer neu finde die Auseinandersetzung darüber statt. Dass Gier und Glück sich gegenseitig ausschließen, ist für den Theologen keine Frage.

Er habe jedoch den Eindruck, „dass wir eine befriedigte Gier, wieder etwas geholt zu haben, wieder etwas zu besitzen, mit Glück verwechseln“. Schorlemmer lässt keinen Zweifel daran: „Gier macht unfähig zum Genießen, sie verengt den Blick und verhärtet das Herz. Wo wir der Gier verfallen, verhindern wir den Sinn.“ Welche Konsequenzen sich daraus ergeben, legte er ebenfalls recht anschaulich dar.

Bürgerliche Zufriedenheit

Der Theologe und Philosoph Schorlemmer: „Ganz alltägliche bürgerliche Zufriedenheit kann geerdetes Glück sein, wenn sie offen ist für die Suche nach dem Überschuss des Lebens, anders als die Langeweile des Wohllebens, die unmerklich zur Einöde und inneren Wüste versanden kann, in der Seele, die verdurstet. Wir verlieren uns selbst bei dem Versuch uns und alles gewinnen zu wollen.“ Für ihn stellte sich die Frage: „Wie können wir, ohne unter das verlockende Joch der Gier zu geraten, gewinnen? Denn das wollen wird doch alle!“

Der prominente Kirchenmann bot eine Menge Gesprächsstoff zu einem bewegenden Thema. Um nach seinem Vortrag mit ihm noch weiter ins Gespräch zu kommen, gab es bei einem Umtrunk im Gemeindesaal reichlich Gelegenheit.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert