Nordkreis - Kostendruck auf die Kommunen macht auch Verwaltungspersonal zu schaffen

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Kostendruck auf die Kommunen macht auch Verwaltungspersonal zu schaffen

Von: Beatrix Oprée
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Patient Rathaus: Nicht nur in Herzogenrath liegt der Krankenstand weitaus höher als in der Privatwirtschaft. Foto: Oprée/Collage Horst Thomas

Nordkreis. „Sorgen“ bei den Politikern haben die Krankenzahlen im Herzogenrather Rathaus hervorgerufen: Im Zuge ihrer Stellungnahme zum Stellenplan nannte Gleichstellungsbeauftragte Birgit Kuballa im Haupt- und Finanzausschuss Fakten: 58 Beschäftigte waren 2011 länger als sechs Wochen am Stück krank.

Der Verwaltungsvorstand bekundete, an dieser „relativ hohen Quote zu arbeiten“ (Bürgermeister Christoph von den Driesch), und ein Gesundheitskonzept stehe „ganz oben auf der Agenda“ (Erste Beigeordnete Birgit Froese-Kindermann).

8831 Fehltage waren es, verdeutlicht Rainer Rüben, Bereichsleiter Personal, auf Anfrage dieser Zeitung. Anders ausgedrückt: Im Durchschnitt war 2011 jeder der 325 Mitarbeiter 20,3 Tage krank, macht eine Quote von 8,1 Prozent. Womit das Roda-Rathaus im Trend liegt: Der Krankenstand im Öffentlichen Dienst wächst. „Berliner Beamte fehlen fast zwei Monate im Jahr“ titelte Spiegel online im Januar. In der Bundeshauptstadt fehlen Beamte und Angestellte des Öffentlichen Dienstes durchschnittlich 37,6 Arbeitstage, die Quote von 10,3 Prozent gilt als eine der höchsten Deutschlands.

Nur ein Viertel jünger als 40

Würselen kann mithalten: Bei über 10 Prozent liege die Krankheitsquote dort schon seit Jahren, sagt Personalchef Bernd Schaffrath. Genaue Zahlen kann er nicht liefern – die Kollegin, die ihn damit versorgen könnte, ist erkrankt.

In Baesweiler mit 248 Verwaltungsbediensteten betrug 2012 die Krankenquote 9 Prozent. In Alsdorf waren es 2011 7,8 Prozent und in 2012 8,1 Prozent. Ein Hauptgrund für die Ausfälle, egal, ob in der Millionenstadt Berlin oder im Nordkreis: das hohe Durchschnittsalter der Mitarbeiter. 45 Jahre beträgt es in Alsdorf, 45,4 Jahre in Herzogenrath, 46,3 Jahre in Würselen, 47 Jahre in Baesweiler – und gar 49 Jahre an der Spree. „38 Prozent aller unserer Mitarbeiter sind zwischen 50 und 59 Jahren“, sagt Bernd Schaffrath, „nur ein Viertel ist jünger als 40.“ Mit steigendem Alter wachse die Anfälligkeit. Bezeichnend ist auch: „Die psychischen Erkrankungen nehmen zu“, erklärt Schaffrath. „Das Burnout-Syndrom im Öffentlichen Dienst hat sich verdreifacht“, bestätigt sein Herzogenrather Kollege Rainer Rüben. Er bezieht sich auf eine Erhebung der Barmer unter ihren Versicherten in Rodas Verwaltung, wonach 39,5 Prozent aller Erkrankungen in 2012 psychischer Natur gewesen seien. Hohen Arbeitsdruck macht Rüben dafür verantwortlich: „Der Personalkörper wird immer weiter verschlankt, das mag eine Ursache sein.“

Der Aufwand durch von Bund und Land zugewiesene Aufgaben wachse stetig, die Zahl der Mitarbeiter hingegen nicht. Das – wieder geänderte – Landeswassergesetz samt Dichtheitsprüfung etwa, das Unterbringungsrecht für unter Dreijährige in Kitas oder das Bildungs- und Teilhabepaket seien Beispiele für immer neue Anforderungen, die aufgrund des Kostendrucks auf Städte und Gemeinden vom gleichen respektive sinkenden Personalstamm zu bewältigen seien. Schaffrath erinnert an die Auflage der Würselener Politik, die Stadtverwaltung im Zuge mittelfristiger Finanzplanung in zehn Jahren um 36 Stellen zu schrumpfen. „Das hohe Durchschnittsalter haben wir den Fraktionsvorsitzenden schon vor Augen geführt“, sagt er, „um deutlich zu machen, dass es hier eigentlich keinen Spielraum mehr gibt.“

Auch Herzogenraths Haushaltssicherungskonzept (HSK) spricht eine klare Sprache: Bereits 2005 sowie zwischen 2004 und 2009 sei das Personal im Zuge damaliger HSK „drastisch“ reduziert worden und – auch nach steigender Tendenz in 2010 – nur schwer weiter ausdünnbar. Im Zuge des HSK 2013-2016 ist der Personaletat auf 20 Millionen Euro gedeckelt worden.

Zum „Riesenaufwand“ habe sich das Betriebliche Wiedereingliederungs-Management (BEM) entwickelt, sagt Bernd Schaffrath. Seit 2011 ist es gemäß Sozialgesetzbuch IX verpflichtend, wenn ein Beschäftigter länger als sechs Wochen arbeitsunfähig ist. Anlässlich der Aufarbeitung der „Altfälle“, wie Schaffrath erläutert, habe Würselen alleine in 2011 38 BEM-Verfahren eingeleitet. Langzeitkranke werden angeschrieben, um ein Gespräch anzubieten.

„Wir tun was“, sagt auch Gleichstellungsbeauftragte Kuballa. Ein Integrationsteam wertet in Herzogenrath die BEM-Anschreiben monatlich aus. Noch würden die Gespräche wenig angenommen: „Manchmal kommen Mitarbeiter von alleine nicht darauf, dass Überlastung ein zusätzlicher Grund für die Dauer ihrer Erkrankung sein könnte. Wir hören aber auch, dass es doch gut sei, mal über die Dinge gesprochen zu haben.“

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