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Kinderpsychiater warnt vor Entwicklungsstörungen bei Kindern

Von: Margot Gasper
Letzte Aktualisierung:
Schule ohne Regeln? Moderne Un
Schule ohne Regeln? Moderne Unterrichtsformen und die Prinzipien des partnerschaftlichen und selbst organisierten Lernens hält der Kinderpsychiater Michael Winterhoff für eine Überforderung der Foto: imago/blickwinkel

Herzogenrath. Wenn an einem nasskalten Januarabend ein paar hundert Menschen in eine Schulaula strömen, um einen Fachvortrag zu hören, dann kann man davon ausgehen, dass das Thema vielen auf den Nägeln brennt. Weit mehr als 500 Menschen sitzen am Donnerstagabend in der Aula des Gymnasiums Herzogenrath, um den Bonner Kinderpsychiater Michael Winterhoff zu erleben.

Sein Vortrag hat den Titel seines jüngsten Buchs: „Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Die Rückkehr zur Intuition”.

Ein paar sehr erfolgreiche Bücher

Winterhoff hat in den letzten Jahren ein paar sehr erfolgreiche Bücher geschrieben. Für Aufsehen sorgte 2008 sein Erstling „Warum unsere Kinder Tyrannen werden”. Die nächsten beiden Werke - auch mit „Tyrannen” im Titel - waren ebenfalls Bestseller - und wurden genauso kontrovers diskutiert.

Kritiker werfen Winterhoff vor allem vor, Extremfälle zu verallgemeinern und mit seinen Thesen einseitig auf Formung, Drill und Zähmung von Kindern abzuzielen.

Sehr viele Frauen sitzen an diesem Abend in Herzogenrath im Publikum, neben Eltern vor allem Fachpersonal aus Kindertagesstätten, Schulen und Offenen Ganztagsschulen.

Wer allerdings Erziehungstipps erwartet, wird gleich eingangs enttäuscht. Ein pädagogischer Vortrag sei von ihm nicht zu erwarten, erklärt Winterhoff. „Aber seit 27 Jahren befasse ich mich mit der Psyche. Und ich fühle mich aufgerufen, als Kinderpsychiater und Arzt zu helfen.”

Sein Referat ist ein Alarmruf. Immer mehr Kinder, führt Winterhoff aus, hätten in der Schule Lernprobleme und soziale Schwierigkeiten. „Trotz Förderung und Therapie bleiben viele auf der Strecke.” Und immer mehr jungen Menschen fehle die Fähigkeit, Strukturen zu erkennen, Prioritäten zu setzen, Beziehungen einzugehen.

„Wir haben Kinder, die gar nicht in der Lage sind, in der Schule zu sitzen und dem Unterricht zu folgen.” Im Berufsleben seien sie später nicht in der Lage, Verantwortung zu übernehmen und eine Arbeitshaltung zu entwickeln.

Und das seien keine Einzelfälle, Winterhoff erkennt hier ein Massenphänomen. „Kinder sind nicht auf dem emotionalen Stand ihres Alters.”

Die Gründe erklärt der Psychiater tiefenpsychologisch: Wenn die Beziehung der Eltern zum Kind nicht stimme, dann könne sich das Kind nicht altersgemäß entwickeln. Verhalte sich ein 15-Jähriger wie ein Kleinkind, dann sei der Grund in einer Beziehungsstörung zu suchen.

Womöglich behandeln die Eltern ihr Kind wie einen kleinen Erwachsenen (Kind als Partner). Oder sie handeln aus dem unbedingten Bedürfnis heraus, vom Kind geliebt zu werden (Projektion).

Aktuell macht Winterhoff häufig die „Symbiose” als Störung aus: Der Erwachsene nimmt das Kind als Teil seiner selbst wahr. Die Folgen seien dramatisch, sagt der Arzt: „Die Kinder steuern die Erwachsenen. Aber damit bleiben sie emotional auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes.”

In der Schule überfordert

Vor diesem Hintergrund plädiert Winterhoff in Herzogenrath eindringlich dafür, tiefenpsychologische Erkenntnisse in Kindertagesstätten und Schulen zu berücksichtigen. Und dann wirds doch pädagogisch.

Kleine Kinder brauchten Begleitung, Anleitung und ritualisierte Abläufe, betont der Kinderpsychiater. Stattdessen könnten sich heute schon Kindergartenkinder aussuchen, was sie den ganzen Vormittag machen. „Das führt nicht zur Förderung der emotionalen Intelligenz.”

Auch moderne Unterrichtsformen und die Prinzipien des partnerschaftlichen und selbst organisierten Lernens hält der Kinderpsychiater für eine Überforderung der Schüler. „Solche lerntheoretischen Konzepte berücksichtigen die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder nicht.”

Schließlich kommt Winterhoff auf die zentralen Aussagen seines vierten Buchs zu sprechen. Er zeichnet das Bild einer beschleunigten Zeit, in der alle jederzeit erreichbar sein müssen („wie Notärzte”) und im Halbstundentakt mit Katastrophennachrichten aus aller Welt bombardiert werden.

„Zwischen Arbeit und Freizeit ist kein Unterschied mehr”, stellt Winterhoff fest. „Wir rennen wie im Hamsterrad.” Die Psyche schalte auf Katastrophenmodus. Für die gedeihliche Entwicklung der Kinder sei das fatal.

Winterhoff plädiert für eine Entschleunigung des Alltags. Nur wer zur Ruhe komme, könne auch intuitiv die richtige Beziehung zum Kind aufbauen.

Einmal gibts spontanen Applaus für den Gast aus Bonn: Als er die Personalausstattung in Kindergärten und Offenen Ganztagsschulen scharf kritisiert. Ansonsten endet der Abend verhalten. Fragen gibt es kaum, diskutiert wird nicht. Viele im Publikum müssen so viel Tiefenpsychologie offenbar erst mal verdauen - und vielleicht auch darüber nachdenken, ob offene Unterrichtsformen denn wirklich so schädlich sind.

Hedwig Ahrens, Schulleiterin der Grundschule Kohlscheid-Mitte, hat Michael Winterhoff bereits zum zweiten Mal nach Herzogenrath geholt. Sie findet die Thesen des Autors auf jeden Fall bedenkenswert. Nach 38 Berufsjahren ist Ahrens überzeugt, dass klare Anweisungen und Strukturen für Grundschulkinder wertvoll sind.

Kinderpsychiater und Bestsellerautor

Michael Winterhoff, Jahrgang 1955, verheiratet, zwei Kinder, lebt und arbeitet in Bonn. Nach dem Studium der Humanmedizin ließ er sich 1988 in Bonn als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Psychotherapie nieder.

Drei Bücher machten Winterhoff zum Bestsellerautor: „Warum unsere Kinder Tyrannen werden” (2008), „Tyrannen müssen nicht sein” (2009) und „Persönlichkeiten statt Tyrannen” (2010). Sein 2011 erschienenes Buch „Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Die Rückkehr zur Intuition” stellte Winterhoff am Donnerstag in Herzogenrath vor.

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