Alsdorf - Jugendhilfe: Alsdorf zieht Problemfälle an

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Jugendhilfe: Alsdorf zieht Problemfälle an

Von: Karl Stüber
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Kindern in Problemfamilien vor Gewalt und Verwahrlosung zu bewahren, ist teuer: Alsdorfs Jugendamt meldet hier Zuzug.

Alsdorf. Verwahrloste Kinder, teils schwerst psychisch krank und selbstmordgefährdet auf der einen Seite, gleichgültige und lebensuntüchtige Eltern auf der anderen Seite – die Mitarbeiter von Jugendämtern sind nicht zu beneiden. Sie bekommen mit und ab, was sich teilweise hinter den Fassaden in deutschen Wohnungen abspielt. Und müssen einschreiten, soweit die Gesetzeslage dies zulässt.

Hilfen zur Erziehung und Eingliederungshilfe sind typische Aufgabengebiete der Kollegen dort, die in der Regel zu Zweit und mit vier Augen und Ohren Hinweisen vor Ort nachgehen, wenn es Anzeichen auf Gefährdung des Kinderwohls gibt. Und da geht es mitunter um Leib und Leben eigentlich Schutzbefohlener. Herbert Heinrichs, Leiter des Jugendamtes Alsdorf, schilderte einmal mehr im Jugendhilfeausschuss, was so abgeht.

Sieben Zugänge in drei Monaten

Dabei hat laut Heinrichs die Stadt Alsdorf obendrein noch die Folgen eines spezifischen Phänomens zu tragen: den Zuzug problematischer Familien, die zu der angestammten Klientel noch hinzu kommen. Im zweiten Quartal habe die Stadt sieben Zugänge verzeichnen müssen, was alleine schon rund 500.000 Euro jährlich an Mehrkosten bedeuten würde. Entsprechend würden die Herkunftskommunen entlastet. Das und viel mehr bleibt laut Heinrichs bei der (neuen Wohnortkommune) Stadt Alsdorf hängen: „Es erfolgt keine Refinanzierung, auch keine Landes- oder Bundesförderung.“

Abgesehen davon, dass die Fachbehörde ohnehin einschreiten muss, wenn Handlungsbedarf bekannt oder erkennbar ist, haben „Personensorgeberechtigte“ obendrein nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz einen Rechtsanspruch auf Hilfen der Erziehung für sich und ihr Kind, „wenn ein entsprechender erzieherischer Bedarf erforderlich und die Hilfe für die weitere Entwicklung geeignet oder notwendig ist“.

Heinrichs nannte als Fallbeispiel das Kind „Erico R.“, das sich in Heimerziehung mit monatlichen Kosten in Höhe von 5800 Euro befindet. Zusätzlich, so der Jugendamtsleiter, ist eine Schulbegleitung für monatlich 3000 Euro bewilligt worden. Heinrichs: „Die Entstehung dieser enormen Kosten können wir nicht steuern, sie liegt außerhalb unseres Einflussbereichs!“

Und was macht Alsdorf für Problemfälle so anziehend? Laut Heinrichs liegt es am „niedrigen Mietspiegel“. Heißt, vergleichbarer Wohnraum ist in Alsdorf preiswerter als anderswo. Zudem seien hier aus Sicht der Arge (Arbeitsgemeinschaft Arbeitslosenhilfe/Sozialhilfe), „die Anforderungen leichter zu erfüllen“, verweist Heinrichs auf „Aussagen Betroffener“. Heinrichs: „Es ist was Wahres dran, dass wir mehr belastet sind als Nachbarkommunen.“

Aber Heinrichs wusste auch Positives zu berichten. Wenngleich die finanziellen Aufwendungen – insbesondere bei den stationären Fällen, wie eben geschildert – gestiegen sind, ist „durch eine regelmäßige, einzelfallbezogene Fallprüfung ein weiterer erheblicher Kostenanstieg im ambulanten Bereich der Hilfen zur Erziehung verhindert“ worden, lautet die Botschaft. Und: Dank besserer Personalausstattung sind seit 2010 die Hilfen der Erziehung und der damit einhergehenden intensiven Fallsteuerung zurückgegangen.

Die Zahlen sprechen für sich: Gegenüber 2009 ergibt sich laut Jugendamt bei der ambulanten Hilfe für Familien gegenüber diesem Jahr ein um 3,3 Millionen Euro geringerer Aufwand. Während bei der stationären Hilfe, also Heimunterbringung, im Schnitt bis zu 6500 Euro pro Monat und Fall aufzubringen sind, so Heinrichs, sieht das bei der Unterbringung als Pflegekind in Familien (derzeit 70 Fälle zu etwa 800 Euro pro Monat) und im Rahmen der noch preiswerteren Unterbringung im Rahmen der Verwandtenpflege (50 Fälle) ganz anders aus. Summa summarum sprach Heinrichs von einer jährlichen Belastung für Alsdorf in Höhe von 5,5 Millionen Euro.

Trotz der positiven Entwicklung im ambulanten Bereich reicht der Haushaltsansatz für die Hilfe für junge Menschen und Familien mit Blick auf den Zuzug von Problemfällen nicht aus und muss nun um 350.000 Euro erhöht werden. Und das Jahr ist noch nicht „rum“.

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