Im Nell-Breuning-Haus diskutieren Fachleute über Mobbing

Von: Thomas Vogel
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Geballte Fachkompetenz aus: Ac
Geballte Fachkompetenz aus: Acht Nationen waren bei der Tagung zum Thema Mobbing in Herzogenrath vertreten. Foto: Thomas Vogel

Herzogenrath. Mobbing - ein Phänomen, bei dem ein Mensch von anderen ständig schikaniert, seelisch verletzt und isoliert wird. Das Thema ist gesellschaftlich höchst relevant. Egal ob in der Schule, am Arbeitsplatz, im Internet oder an anderen Orten.

Oft wissen Betroffene nicht, wo sie Hilfe bekommen. Aus diesem Grund haben das Bistum Aachen, der Deutsche Gewerkschaftsbund, das Nell-Breuning-Haus und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung die Mobbing-Kontakt-Stelle im Bistum Aachen gegründet.

Zehn Jahre ist das mittlerweile her. Anstatt zu feiern haben sich die Träger der Initiative jedoch für einen anderen Weg entschieden, das Jubiläum zu begehen. Sie haben zu einer Tagung Im Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath eingeladen. Unter dem Titel „Mobbing - Folter am Arbeitsplatz. Eine europäische Herausforderung” haben sich 60 Teilnehmer aus acht Nationen zusammengefunden, um das Phänomen selbst, aktuelle Entwicklungen und Reaktionsstrategien zu diskutieren.

Die Problematik um Mobbing am Arbeitsplatz nimmt an Dynamik zu, aber nicht in dem Maße, wie es die steigenden Fallzahlen suggerieren, erklärt Dr. Marie-France Hirigoyen. Die Französin ist eine der weltweit führenden Experten zum Thema Stress und Mobbing am Arbeitsplatz. Vor allem das Problembewusstsein in der Bevölkerung und in Unternehmen sei gestiegen. Die Arbeitswelt habe sich verändert, fordere aus Einsatz zunehmend direkte Resultate. Zahlen und kurzfristige Ziele, darauf verschiebe sich der Fokus - das schafft Druck beim Arbeitnehmer.

In einer Gemengelage mit gestiegenen Erwartungen an die eigene Arbeit, Zukunftssorgen und härterem Wettbewerb mündet das in illoyalem Verhalten gegenüber Kollegen. In europäischen Ländern seien Reaktionen auf diese Tendenzen im Arbeitsleben zu registrieren, viel deutlicher als beispielsweise in den USA. Mehrheitlich große Unternehmen werden aktiv, wenn auch zaghaft, so Hirigoyen.

In mittelständischen und kleinen Betrieben gebe es hingegen noch großen Handlungsbedarf. Veränderungen seien aber nicht vom System selbst zu erwarten, sie müssen von außen kommen.

Dieser Ansicht ist auch Jean-Michel Miller, Research Manager bei der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Er weiß: Mobbing wirkt sich auf den Produktionsprozess, auf Dienstleistungen und die Qualität von Arbeit ganz allgemein negativ aus, vom Imageverlust für betroffene Unternehmen ganz zu schweigen. Das Ergebnis ist ein immenser volkswirtschaftlicher Schaden. Allein in Deutschland beläuft er sich auf circa 35 Milliarden Euro pro Jahr, zitiert Miller eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung.

Drei Elemente seien im Kontext der Thematik besonders hervorzuheben: gestiegene Arbeitsintensität, stagnierende Arbeitsautonomie und eine zusätzliche physische Belastung am Arbeitsplatz.

Ökonomischer Schaden

Der ökonomische Schaden durch Mobbing ist die eine Seite der Medaille, der gesundheitliche bei den Opfern die andere. Sie ist bereits seit mehr als zehn Jahren das Spezialgebiet von Dr. Josef Schwickerath, Psychologe und psychologischer Psychotherapeut an der AHG Klinik Berus, Europäisches Zentrum für Psychosomatik und Verhaltensmedizin. Mehr als 2000 Patienten hat er in dieser Zeit zum Thema behandelt. „Die meisten Opfer zeigen eine depressive Reaktion, oft auch Antriebslosigkeit und Schlaflosigkeit”, erklärt er. Zwischen sechs und sieben Wochen begeben sich die Patienten in Verhaltenstherapie.

Medikamente kommen dabei aber nur in Ausnahmefällen zum Einsatz. Die Besserungsquote kann sich mit 75 Prozent sehen lassen. Bezogen auf Mobbing am Arbeitsplatz sind Mittfünfziger am häufigsten betroffen und gleichzeitig, aufgrund von Schwierigkeiten bei der beruflichen Neuorientierung, am problematischsten.

Natürlich soll bei der Veranstaltung auch Zählbares herauskommen. Das Ziel formuliert Rainer Rißmayer, Koordinator der Tagung, so: „Wir wollen ein Signal an das Europäische Parlament senden, eine europaweite Gesetzgebung anzustreben”. Die ist aber alles andere als in greifbarer Nähe, weiß Georges Bach, Europaparlamentarier aus Luxemburg. Seit Mitte der 90er Jahre haben die gesetzgebenden Organe der EU das Thema auf dem Schirm, zu einem Konsens sind die Mitgliedstaaten bis heute jedoch nicht gekommen. Bach rechnet auch mittelfristig nicht damit.

Die Ideen, Meinungen und Ansichten zum Thema wird er seinen Kollegen im Europäischen Parlament selbstverständlich zutragen, einem Gesetz müssen aber auch die Mitgliedstaaten im Rat zustimmen.
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