Alsdorf - Harald Richter geht in Pension: Ein Leben für den Strukturwandel in Alsdorf

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Harald Richter geht in Pension: Ein Leben für den Strukturwandel in Alsdorf

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
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Harald Richter. Geschäftsführer der Energeticon gGmbH geht in Pesnion. In verschiedenen Funktionen arbeitete er seit 1985 in der Alsdorfer Stadtverwaltung. Foto: Stüber
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Blick auf das ehemalige Alsdorf: Den Strukturwandel nach dem Aus für die Steinkohleförderung hat Harald Richter als gelernter Stadtplaner aktiv mitgestaltet. Foto: Archiv Sevenich

Alsdorf. Kreuzkröten waren am Anfang und sind jetzt am Ende seines Berufslebens in Alsdorf Thema. Harald Richter, der nach vier Jahren als Geschäftsführer der Energeticon gGmbH Ende August ausscheidet und in Pension geht, hat als eines seiner letzten Projekte in Kooperation mit der Biostation Stolberg zwei Laichgewässer auf dem Gelände des Dokumentationszentrums für Energieformen angelegt.

Im Jahr 1985, als er bei der Stadt Alsdorf im neu geschaffenen Umweltamt als Leiter anheuerte, hat er als eine der ersten Maßnahmen Schranken im Broichtal aufgestellt, um besagte Kreuzkröten vor dem platten Tod unter dem Reifen widerrechtlich dort fahrender Autos zu bewahren. „Das hat bei den Landwirten, die allerdings Schlüssel zu den Schranken erhielten, keine große Freude hervorgerufen“, erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung. Aber auch von erklärten Umweltschützern, den Grünen, die 1984 erstmals den Sprung in den Stadtrat geschafft hatten, wurde er kritisch beäugt. „Harry Beton“ fing er sich als Spitznamen ein, erzählt er. Aber Kritik von beiden Seiten zu ernten, kann ja auch als Zeichen der Ausgewogenheit oder Unabhängigkeit gewertet werden.

Dass Richter rund 30 Jahre später einmal das Energeticon, das mittlerweile ein wichtiges Aushängeschild für die ehemalige Bergbaustadt geworden ist, maßgeblich mitgestaltet und dessen erster Botschafter sein würde, hat er sich seinerzeit bestimmt nicht vorgestellt. Aber im nachhinein scheint der Weg spätestens seit dem Architekturstudium mit Schwerpunkt Städtebau an der RWTH Aachen folgerichtig gewesen zu sein (Vita siehe Info). Seine Abschlussarbeit hat den Titel „Wohnen neben der Kokerei“. Zugegeben, da dachte Richter noch an das Ruhrgebiet, um Material zu sammeln.

Während sich jedoch die RAG gegenüber seinem Ansinnen recht zugeknöpft gab, war das beim Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) gleichsam um die Ecke in Alsdorf ganz anders. „Ich bin dann durch persönliche Kontakte zur Kokerei Anna gekommen und wurde dort sehr offen empfangen“, erinnert er sich. Das sollte sich als die entscheidende Weichenstellung erweisen, im Nordkreis Aachen, im alten Wurmrevier, das Arbeitsleben zu verbringen und sein Glück zu finden – inklusive Ehefrau und drei Kindern. Richter wohnt seit Jahren im Alsdorfer Ortsteil Ofden und geht von dort gerne zur Arbeit, wenn das Wetter es erlaubt: „Das ist mein Sport!“

Nach dem Studium hätte er in Oberhausen eine gute Stelle beim Planungsamt antreten können. Aber er folgte dem Tipp eines Kollegen aus der Zeit des Referendariats und trat eine ABM-Stelle in der Baesweiler Stadtverwaltung an. „Eigentlich wollte ich dort bleiben, weil ich die Kollegialität dort schätzen gelernt habe.“ Aber es sollte anders kommen, er wechselte – eben nach Alsdorf. Gemäß seiner Qualifikation als Stadtplaner wurde er 1986 vom Umweltamt zum Stadtplanungs- und Bauordnungsamt „umgetopft“, war erst stellvertretender Leiter, drei Jahre später dessen Chef.

„Ich habe immer Städtebau nicht primär als technische Aufgabe, sondern als politisch-demokratischen Prozess aufgefasst“, sagt Richter. Schlüsselerlebnis dafür war die Lektüre eines Taschenbuchs des ehemaligen Juso-Vorsitzenden Wolfgang Roth mit dem Titel „Kommunalpolitik für wen?“. Seit 1972 gehört Richter der SPD an.

Nach weiteren Leitungsfunktionen in der Alsdorfer Stadtverwaltung wird er im Jahre 2001 Technischer Dezernent, erst kommissarisch, 2006 „dauerhaft“. Er wird Euregionale-Beauftragter. Nachdem klargeworden war, dass Alsdorf für ein reines Bergbaumuseum keine Fördermittel bekommt, arbeitet er an einem Alternativkonzept: das Energeticon, mit dem alte Gebäude aus der Bergbauzeit erhalten und sinnvoll genutzt werden können. Er ist froh, sich auf diese Sonderaufgabe fokussieren zu können. „Die Jahre als Technischer Dezernent sind stark auf die Gesundheit gegangen“, sagt er.

Erst in Nebentätigkeit, dann ab 2012 als Geschäftsführer der Energeticon gGmbH baut er mit anderen Alsdorfer Weggefährten und externer Hilfe die Ausstellung auf und entwickelt nach Eröffnung im September 2014 die Einrichtung, welche die Energiewende zum ständigen Thema hat, weiter. „Das Energeticon ist das Continuum der Alsdorfer Stadtentwicklung und verbindet die Geschichte mit der Zukunft der Energieentwicklung.“

Dabei greift Richter auf seine einschlägigen Erfahrungen mit dem Ende des Steinkohlebergbaus und dem anschließenden Strukturwandel in Alsdorf zurück. „Mit Strukturplanungen wurden hier wichtige Weichen gestellt“, sagt er und nennt Stichworte wie Innenstadtrahmenplan, Sanierungssatzung Innenstadt, Kaufkraft- und Einzelhandelsstudie, Stadterneuerungsprogramm, Haldenkonzept und Initiierung des Stadtmarketingprozesses. Das alles mag für den Außenstehenden nicht gerade „sexy“ klingen, es waren jedoch zum Teil politisch stark umstrittene Grundsatzentscheidungen für die Zukunft von Alsdorf, wie er sagt.

Innerhalb von vier Jahren ist Richter zum Gesicht des Ernergeticons geworden, hat etliche Veranstaltungen im Fördermaschinenhaus moderiert, Kooperationen mit Partnern wie etwa dem Zinkhütter Hof in Stolberg geschlossen, das Energeticon als außerschulischen Lernort etabliert und als Tagungszentrum bekannt gemacht. Dabei ist für ihn das in der alten Schmiede untergebrachte Restaurant zum zweiten Arbeitszimmer geworden. Oft sah man ihn dort in Gesprächen und Verhandlungen vertieft. Er sieht das Energeticon für die Zukunft gut aufgestellt – und natürlich entwicklungsfähig.

Nicht alles, was er sich vorgenommen hatte, ist ihm auch gelungen. Dass zum Beispiel der am Grundstücksrand stehende alte Wasserturm der Kokerei nicht dem Energeticon zugeschlagen wurde, bedauert er. Die Umnutzung des gegenüberliegenden ehemaligen Ledigenheims aus der Steinkohlenzeit bleibt auf der Agenda. Am 1. September steht in seinem Terminkalender „Pensionär“. Der Abschied von seinem Kreativposten fällt ihm schon schwer, wie er sagt: „Da gibt es durchaus wehmütige Momente.“ Aber andererseits geht er auf die 66 zu.

Und dann? Schwer zu glauben, dass Richter sich nicht doch irgendwie einbringt. Klar, zunächst will er sich um das Haus in Ofden kümmern. „Da ist in den vergangenen Jahren viel liegengeblieben.“ Aber nur Heimwerker? Im Keller wartet die Modellbahnanlage (Thema selbstverständlich Montanindustrie) auf ihn. Ein Modell der legendären Dampflok Anna 8, die auf dem Gelände des Energeticons steht, hat er bereits bestellt. Vielleicht wird er schreiben, Fantasiegeschichten, mit Bezug auf Alsdorf. Und vielleicht lässt er sich nach etwas zeitlichem Abstand dann doch wieder im Energeticon blicken, etwa bei einem Konzert im Fördermaschinenhaus – bevorzugt Jazz und Klassik.

 

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