Haltbarkeit ist eine Sache des Augenblicks

Von: Stefan Schaum
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Das Gebäck ist noch lange nic
Das Gebäck ist noch lange nicht abgelaufen: Auch bei anderen Lebensmitteln achten Dirk Wöllenweber (l.) und Diakon Joachim Stümpel beim Alsdorfer Tisch darauf, das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht zu überschreiten. Foto: Stefan Schaum

Nordkreis. Neulich hat Willy Feldeisen vor vielen Augen genüsslich einen Joghurt verzehrt, der schon ein paar Tage „drüber” war. Noch richtig lecker sei der gewesen. „Ich wollte unseren Kunden einfach mal zeigen, dass man auch solche Lebensmittel noch prima essen kann”, sagt der Vorsitzende der Baesweiler Tafel.

Die aktuelle Diskussion um Lebensmittelverschwendung und den Sinn oder Unsinn des Begriffs „Mindesthaltbarkeitsdatum” ist auch dort angekommen, wo es sich eigentlich niemand leisten kann, groß nach solchen Dingen zu fragen. Die vier Ausgabestellen für Bedürftige im Nordkreis haben ganz individuelle Positionen im Umgang mit der Haltbarkeit gefunden - und schwanken zwischen großer Vorsicht und dem Austesten der Genussgrenzen.

Dieser Tage verbringen Willy Feldeisen und seine Helfer auch viel Zeit damit, Befürchtungen ihrer Kunden zu zerstreuen und den sperrigen Begriff der Mindesthaltbarkeit möglichst transparent zu machen. „Wir sagen immer wieder, dass Lebensmittel ja nicht automatisch schlecht werden, wenn das Datum verstrichen ist”, sagt Feldeisen. Hier und da nehme er dazu dann auch mal einen Joghurt zur Hand.

Zwar sind die meisten Lebensmittel, die der Tafel in Baesweiler von Händlern überlassen werden, noch im grünen Bereich, was die Frische betrifft, doch gibt es in den Räumen auch eine Box, in der sich „abgelaufene” Lebensmittel finden. Ein Hinweiszettel hängt daran, „zudem weisen wir jeden Kunden noch einmal darauf hin, dass das Datum überschritten ist”. Diese Dinge werden von den Bedürftigen dennoch gerne genommen, „wir haben richtig gute Erfahrungen mit dieser Praxis gemacht”.

Die gibt es beim Alsdorfer Tisch so nicht. „Wir geben nichts ab, wenn das Haltbarkeitsdatum verstrichen ist”, sagt Diakon Joachim Stümpel, der die Ausgabe im St.-Castor-Haus betreut. Da ist er strikt. Auch, um sich vor möglichen Klagen zu schützen, falls ein Kunde Verdorbenes verzehrt haben sollte. Zwar ist in Alsdorf die Zahl der Bedürftigen enorm gestiegen - rund 500 Haushalte stehen aktuell in der Kundenkartei - und sinkt die Menge der von den Geschäften überlassenen Lebensmittel, doch wolle man an dieser Regel festhalten. Er hofft, das noch lange tun zu können. „Wir spüren aber schon, dass viele Discounter die Waren, die früher oft vier, fünf Tage vor Ablauf des Datums aussortiert worden sind, länger in den Regalen lassen.” Er vermutet im zunehmenden Preiskampf in der Branche die Ursache. „Wenn jetzt eine neue Haltbarkeitsregelung die Situation verschärft, könnte es richtig eng werden.”

Das ist es jetzt schon, jedenfalls in Herzogenrath. „Wir bekommen fast nur Waren, die auf den Tag genau abgelaufen sind”, sagt bei der dortigen Tafel Dieter Lecher. Frühmorgens werden Waren an den Geschäften abgeholt, mittags um 12 werden sie an die Tafel-Kunden weitergegeben. Das ist die einzige Frische-Dimension, in der das Team denken kann. „Ist schon lange unser tägliches Brot”, sagt Lecher, der die derzeitige Diskussion um andere Etikettierungen eher als Luxus-Problem ansieht.

Bei der Würselener Tafel macht die stellvertretende Vorsitzende Ursula Best keinen Hehl aus der Rolle, die die Essensausgabe neben der Versorgung Bedürftiger auch spielt: „Wir sind im Prinzip der Abfalleimer der großen Konzerne!” Gerade hat sie Gemüse in die 1,50 Meter breite Theke der Tafel geräumt. Daneben stehen drei Kisten mit Tomaten, Kohl und Salat, die auch sie nicht mehr verwenden kann. „Wir bekommen richtig viel Abfall.”

Geprüft wird mit dem Auge. Wölbt sich der Deckel eines Joghurt-Bechers, landet er im Müll, andernfalls in der Theke. Milchprodukte werden bis zu sechs Tage nach Überschreiten des Mindesthaltbarkeitsdatums abgegeben, Fleisch und Wurst bis zu drei Tage. „Vielleicht stimmt die Farbe dann nicht mehr zu 100 Prozent”, sagt Ursula Best, „aber essen kann man es doch noch.”

Sie zuckt die Schultern angesichts dieser Realität. „Wie sollte es denn hier auch sonst gehen?”
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