Häusliche Gewalt bleibt zu oft ohne Konsequenz

Von: Holger Bubel
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Ermuntern Frauen, sich bei häuslicher Gewalt an eine qualifizierte Interventionsstelle zu wenden: Beraterin Natalie Djurkovic (v.l.), Hauptkommissarin Sylvia Reinders und Renate Wallraff. Foto: Holger Bubel

Nordkreis. Jeder einzelne Fall ist zu viel, aber es gibt sie nun einmal: häusliche Gewalt. In der Regel sind Frauen die Opfer, doch Opfer sind auch besonders die Kinder, die mitbekommen, wenn der Vater oder der Freund die Mutter schlägt und misshandelt. Traumatisch ist das für beide Betroffene. Doch Kinder leiden ihr ganzes Leben an diesen schlimmen Erlebnissen.

Polizei, Diakonie und der Verein „Frauen helfen Frauen“ (Aachen) appellieren daher an Betroffene, ihr anonymes und kostenloses Beratungs- und Hilfsangebot anzunehmen. Weil viele Frauen das aus eigenem Antrieb nicht schaffen – hierfür sind die Gründe ganz unterschiedlich, wie Renate Wallraff, Leiterin der Fachstelle gegen häusliche Gewalt für die Städteregion mit Sitz in Alsdorf sagt – geht die Polizei offensiv vor, um den Frauen zu helfen: „Wenn Beamte zu einem Hilfseinsatz gerufen werden, bitten sie die Frauen, die Kontaktdaten an die Beratungsstellen weitergeben zu dürfen“, erklärt Kriminalhauptkommissarin Sylvia Reinders, Opferschutzbeauftragte des Polizeipräsidiums Aachen. „Wir können zwar keine sozialarbeiterischen Aufgaben erfüllen, aber wir sind natürlich auch daran interessiert, von häuslicher Gewalt betroffenen Familien schnelle und professionelle Hilfe zukommen zu lassen“, sagt die Hauptkommissarin.

Bei Einverständnis der Misshandelten nimmt die jeweilige Beratungsstelle zunächst telefonischen Kontakt auf und lädt die Frauen per Brief ein zu einem Beratungstermin. „Dann können diese Frauen sich auf einen Besuch bei uns einstellen, die Hemmschwelle wird niedrig gehalten“, sagt Natalie Djurkovic von „Frauen helfen Frauen“.

In der Aachener Beratungsstelle nahmen von 220 Fällen in 2013 immerhin fast 60 Prozent der Opfer diese Einladung an, für die Städteregion waren es 191 Fälle. „Aber leider ist uns auch aufgefallen, dass immer noch zu wenig Betroffene damit einverstanden sind, dass ihre Daten von der Polizei an uns weitergegeben werden. Viele haben Angst, dass die Weitergabe Konsequenzen auch für die Kinder haben könnte, und damit sind sie nicht einverstanden“, mutmaßt Renate Wallraff.

Doch diese Angst ist unbegründet, wie sowohl die Polizistin als auch die Beraterinnen bekräftigen, die Interventionsstellen unterliegen der Schweigepflicht. Die Beratungen sind ergebnisoffen. In jedem Einzelfall wird überlegt, ob zum Beispiel Eheberatung oder andere Maßnahmen, wie Existenzsicherung, Mütter-Kind-Kur oder Abbau von Schulden bereits zu einer Entspannung in der Familie beitragen können oder ob vielmehr eine Trennung oder weitere Schutzmaßnahmen erforderlich sind. „Es werden keine Informationen aus der Beratung an die Polizei weitergegeben“, verspricht Natalie Djurkovic.

Insgesamt waren es im vergangenen Jahr im gesamten städteregionalen Einzugsgebiet, also inklusive der Stadt Aachen, 950 Einsätze für die Polizei, aus denen entsprechende Strafanzeigen resultierten. Die Dunkelziffer, davon ist Hauptkommissarin Reinders überzeugt, sei aber sicherlich noch deutlich höher. Und: Häusliche Gewalt kommt keineswegs nur in sozial schwachen Familien vor, wie mancher meint. „Es ist ein trauriges Phänomen, das sich quer durch unsere Gesellschaft zieht.“

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