Gymnasialleiter im Nordkreis: G8-Abitur hat zu viele Defizite

Von: Stefan Schaum und Holger Bubel
Letzte Aktualisierung:
7416287.jpg
Keine Seltenheit für G8-Schüler: Hausaufgaben und Klausurvorbereitungen dauern oft bis in den späten Abend. Foto: Holger Bubel

Nordkreis. Kündigt sich in Nordrhein-Westfalen jetzt doch ein Abschied vom „Turboabitur“ an? Die Frage bleibt zwar vorerst offen, doch erstmals hat Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) angesichts zunehmender Proteste von Schülern und Eltern die Debatte darüber eröffnet, ob sich am derzeitigen G8-System etwas ändern muss.

Acht oder neun Jahre? Diese Frage treibt auch die Schulleiter im Nordkreis um. Denn viele Freunde hat die verkürzte Schulzeit unter ihnen nicht gewonnen.

„Die gestiegene Belastung der Schüler ist gar nicht zu übersehen“, sagt Wilhelm Merschen, Leiter des Baesweiler Gymnasiums. „G8 ist einfach problematisch, weil bei den Schülern Freizeit, Vereine und Eltern jetzt viel zu kurz kommen.“ Der Druck müsse raus aus dem Lernalltag. Doch wie das geschehen soll, darüber streiten sich die Gelehrten. „Es wird garantiert nicht einfach eine Rückkehr zu dem alten G9-System geben“, sagt er.

Eher erwartet er ein neues Konzept – oder zumindest noch stärker an die verkürzte Schulzeit angepasste Lehrpläne, wenn es bei G8 bleiben sollte. Merschen geht davon aus, dass mancher seiner Kollegen zurecht „stöhnen wird“, wenn doch alles zurückgedreht wird und erneut eine lange Umstellungsphase beginnt. „Das wird in jedem Fall ein schwieriger Prozess.“

Bitte auf den Prüfstand

Schwierig – aber notwendig: So sieht es am Alsdorfer Gymnasium Leiter Wilfried Bock. Obwohl er anfangs das Ziel der Verkürzung – nämlich Schüler früher an die Universität oder in ein Beruf zu bringen – begrüßt habe. Doch die Realität ist eine andere, wie er nun weiß. „Bei einer Berufsbörse in unserer Schule standen jüngst 16-, 17-Jährige, die entscheiden sollten, ob sie lieber Chirurg oder Verwaltungsfachangestellter werden sollen. Diese Entscheidung konnten sie aber noch gar nicht treffen.“ G8 gehe „schlicht an der Biologie vorbei“, sagt er. „Es braucht einfach Zeit, um persönlich zu reifen. Für viele Schüler ist ein weiteres Jahr dabei ganz wichtig. Reife kann man nicht verordnen – die muss man erwerben.“

Grundsätzlich sei es gut, dass die Bildungspolitik Dinge wie eine Schulzeitverkürzung ausprobiere, so Bock – aber ebenso gut sei es, „sie nach einer gewissen Zeit auf den Prüfstand zu stellen“. Auch vor dem Hintergrund des Einflusses neuer Medien und zunehmender „Wortfetzensozialisation“, wie er es nennt. „Solche Entwicklungen waren bei der Einführung ja noch gar nicht absehbar.“ Welche Änderungen es nun bei einem „politischen Kraftakt“ gibt – sie müssen für alle verbindlich sein, fordert er. „Es sollte nicht den Schulen freigestellt werden, selbst über die Länge zu entscheiden.“

Keine Zeit für die Freizeit

Brigitte Jansen, Leiterin des Herzogenrather Gymnasiums, sieht Positives und Negatives. „Dass mit G8 der Ganztag in die Schulen gekommen ist und eine individuellere Förderung von Schülern möglich ist, ist ein Erfolg“, sagt sie. Aber nach einigen Jahren „überwiegt bei mir die Skepsis“. Dass Zehntklässler 34 Wochenstunden vor der Brust haben, sei einfach zu viel. „Die haben doch überhaupt keine Zeit mehr, um Zuhause zu lernen oder sich zu entspannen.“

Zudem sei spürbar, dass Lerninhalte schon in der Sekundarstufe I „nicht mehr gut genug gefestigt werden“. Und dass bereits in der sechsten Klasse eine zweite Fremdsprache eingeführt wird, „ist für viele ein Knackpunkt. Da brechen etliche Schüler ganz früh ein.“ Unterm Strich habe G8 für „ein Pauken und Reindrücken gesorgt, das einfach unschön ist“. Ihr Wunsch: „Man sollte prüfen, wie man gut und behutsam zu G9 zurückkehrt und in diesem System dann für gute Schüler Möglichkeiten schafft, ein Jahr zu überspringen.“

Bloß kein Schnellschuss

Vor einem Schnellschuss warnt auch Lydia Becker-Jax, Leiterin des städtischen Gymnasiums in Würselen. Die Erfahrungen bei der Umstellung von G9 auf G8 hätten gezeigt, dass der zügige nicht auch der richtige Weg sei. Bei der Entscheidung über eine Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren ist sie ergebnisoffen: „Damals habe ich es besonders für die Kinder bedauert, dass die Schulzeit um ein Jahr verkürzt wurde. Einige kamen gut damit zurecht, andere weniger gut.“

Seitdem habe sich im Schulleben aber eine Menge getan. „Die Rahmenbedingungen an unserem Gymnasium haben sich verändert, wir lehren im Ganztag, haben eine Mensa und ganz andere Fördermöglichkeiten und -angebote“, sagt sie. Sie wünscht sich, dass „die Erfahrungen der Gymnasien mit in die politische Diskussion einfließen. Denn dann kämen alle Für und Wider auf den Tisch.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert